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Verlag: MILENA
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Gemischte Anthologien
Umfang: 170 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.10.2014

Rezension aus FALTER 46/2014

Das letzte Kapitel

Sterben aus weiblicher Sicht: Pia Hierzegger, Linda Stift und Monique Schwitter über die letzten Dinge, wie sie gerne sterben möchten und wovor sie sich fürchten

Wie wird es sein, wenn man einmal tot ist? Wie wünscht man sich seinen Abgang? Und welcher Song soll erklingen, wenn die Trauernden Abschied nehmen? Mehr als 30 Autorinnen und Autoren haben sich im eben erschienenen Buch "Das letzte Lied" darüber Gedanken gemacht.
Es war allerdings gar nicht so leicht, so Mitherausgeber Wolfgang Pollanz, auch Autorinnen für das Buch zu gewinnen. Ein "Jungsthema" sei das, bekam er einmal zu hören. Und so sind es vornehmlich bekannte Männer des heimischen Kulturtreibens wie Georg Altziebler, Martin Amanshauser, Austrofred, Boris Bukowski, Ernst Molden, Fritz Ostermayer oder Johannes Silberschneider, die nicht nur über ihr letztes Lied geschrieben, sondern darüber hinaus unterhaltsame Betrachtungen zum Sterben überhaupt angestellt haben.
Der Tod behandelt alle gleich, der Falter gibt dieses Mal drei Frauen den Vorzug. Sie erzählen von großen Ängsten, kleinen Hoffnungen und davon, wie man sie zur ewigen Ruhe betten soll.

"Ich denke jeden Tag daran"

Falter: Frau Hierzegger, Sie wünschen sich für Ihre Bestattung Live-Musik.
Pia Hierzegger: Live-Musik ist lebendiger.

Wäre eine Blasmusikkapelle
auch schön?
Hierzegger: Ich mag eher Chöre.

Die Begräbnisgäste sollen eine gute Zeit haben, schreiben Sie. Sollen die nicht trauern?
Hierzegger: Jemand, der zum Begräbnis kommt, ist meistens eh traurig. Und wenn nicht, kann man auch nichts machen.

In seinem Beitrag zu "Das letzte Lied" erzählt Kurt Palm von seiner Romanfigur, der im Augenblick des Todes "Ja, mia san mit'm Radl da" durch den Kopf geht.
Hierzegger: Ich habe letzte Weihnachten "Jesus Christ Superstar" gesehen, weil ich zu faul war, umzuschalten. Das begleitet mich nun schon seit einem Jahr als Ohrwurm. Dass der ewig bleibt, wäre furchtbar.

Gibt es Vorstellungen, was nach dem Tod sein könnte?
Hierzegger: Ich fürchte leider, dass gar nichts ist. Früher habe ich mir immer gedacht, alle sitzen an einem großen Tisch, reden miteinander, trinken Wein und essen Soletti.

Warum gerade Soletti?
Hierzegger: Keine Ahnung. In der Vorstellung waren es Soletti, obwohl ich Chips viel lieber mag.

Hoffnung, dass vielleicht doch etwas ist?
Hierzegger: Ich denke mir lieber, es ist aus. Wenn nicht, bin ich positiv überrascht.

Wie groß ist die Angst vor dem Tod?
Hierzegger: Schon groß. Noch schlimmer ist der Gedanke, dass man alt wird und niemand mehr da ist, den man gekannt hat.

Wie möchten Sie sterben?
Hierzegger: Ich habe unlängst gehört, wie ein Arzt und Sterbebegleiter gesagt hat, er hätte gerne Krebs, um sich verabschieden zu können. Ich muss nicht wissen, wann es passiert, darf gerne überrascht werden.

Möchten Sie nach dem Tod in den Weltraum geschossen werden?
Hierzegger: Nein, das wäre gar nichts für mich. Ich möchte auch nicht übers Meer verstreut werden. Bei einem Baum eingegraben zu werden, das fände ich nett. Es sollte schon ein fixer Platz sein.

Sind Friedhöfe wichtig?
Hierzegger: Da wir an diese Art, mit dem Tod umzugehen, gewohnt sind, sind sie wichtig. Es gibt aber auch muslimische Friedhöfe, die mitten in der Stadt sind, das gefällt mir. Man spaziert durch die Stadt und zwischen all den Lebenden trifft man auf Grabsteine. Das nimmt die Ehrfurcht vor dem Tod.

Wie oft pro Woche denken Sie an den Tod?
Hierzegger: Ich glaube, ich denke jeden Tag daran.

"Vielleicht kommt es danach
noch schlimmer"

Falter: Frau Stift, Sie schreiben, der Gedanke an den Tod falle Ihnen nicht so schwer.
Linda Stift: Früher habe ich mich sehr viel mit dem Tod beschäftigt, inzwischen weniger. Wahrscheinlich auch aus Altersgründen. Je älter man wird, desto mehr verdrängt man ihn.

Das Heranrücken führt nicht zu einem stärkeren Nachdenken?
Stift: Bei mir nicht. Vielleicht ging es mir früher schlechter. Je besser es mir geht, desto weniger denke ich daran. Auch die Lebensinhalte haben sich verschoben – ich habe ein Kind, für das Nachdenken über den Tod bleibt nicht viel Platz.

Wie wünschen Sie sich Ihren Tod?
Stift: Ich möchte ihn erleben, er soll nicht plötzlich eintreten und ich merke es gar nicht. Das bewusste Überschreiten dieser Grenze stelle ich mir sehr interessant vor.

Ruft der Tod auch schöne Gedanken wach?
Stift: Ja, dass einfach alles aus und man aller Verpflichtungen und Sorgen entledigt ist. Nur, was weiß man, vielleicht kommt es danach noch schlimmer.

Können Sie aus dem Wissen um die Endlichkeit für den Alltag schöpfen?
Stift: Kann ich nicht behaupten. Positive Kraft kann ich aus Katastrophen schöpfen, die ich einigermaßen schadlos überstanden habe. Nur der Tod ist eine Katastrophe, die man nicht überwinden kann.

Verschafft es Erleichterung, dass Ihre Bücher bleiben?
Stift: Ob die Bücher wirklich bleiben, das weiß man ja nicht. Zumindest aber eine Zeitlang. Ja, es ist sicher schön, wenn so etwas von einem bleibt.

Verstorbene wurden früher auch zu Hause aufgebahrt. Haben Sie das erlebt?
Stift: Nein. Aber bei einer Aufbahrung, der ich beigewohnt habe, hatte der Sarg ein Fenster. Bei einer anderen war es möglich, sich den Sargdeckel öffnen zu lassen.

Wie haben Sie das empfunden?
Stift: Sollten meine Liebsten tatsächlich vor mir gehen, dann möchte ich auf alle Fälle noch in dieser Form Abschied nehmen.

"In die Nähe des Todes zu gelangen wäre reizvoll"

Falter: Frau Schwitter, in Ihrer Erzählung "Die Grube" (2011) gräbt sich eine alternde Schauspielerin am Strand ein und wartet auf die Flut.
Monique Schwitter: Diese Art zu sterben hatte ein reales Vorbild, der deutsche Schauspieler Ulrich Wildgruber hat so seinem Leben ein Ende gesetzt. Die Mischung aus Land- und Seebestattung hat mich beeindruckt und zugleich schockiert.

Stellen Sie sich so einen schönen Tod vor?
Schwitter: Ich stelle mir ihn gar nicht vor, weil ich nicht daran glaube, dass er jemals eintreten wird. Im Ernst: Früher dachte ich, dass ich unerwartet und schnell sterben möchte.

Warum heute nicht mehr?
Schwitter: Weil ich denke, dass Sterben die letzte und gleichzeitig krasseste Erfahrung ist, die wir machen können. Ich möchte auf diese Erfahrung bewusst zusteuern.

Ihr Beitrag zu "Das letzte Lied" war nicht persönlich, sondern literarisch.
Schwitter: Es gibt Dinge, die für mich wichtiger sind, als mir vorzustellen, wer zu meiner Beerdigung kommt. Für mich ist es spannend zu überlegen, wo wir im Leben den Tod berühren. Ich halte es mit dem alten Epikur: Der Tod betrifft uns nicht. Wenn wir da sind, ist er nicht da und umgekehrt. Nur im Nachdenken über ihn betrifft er uns schon wieder.

Hätten Sie Lust auf eine Nahtoderfahrung?
Schwitter: In die Nähe des Todes zu gelangen wäre reizvoll. Auch wenn ich wohl nicht daran glauben würde, dann eine Erfahrung gemacht zu haben, die auch tatsächlich mit dem Tod zu tun hatte. Nur ein bisschen sterben, das geht halt nicht.

Ist der Tod das Ende?
Schwitter: Die Idee der totalen Auslöschung und des Nichts finde ich sehr faszinierend. Ich möchte nicht auf die Vorstellung einer Passage in irgendein Jenseits ausweichen.

Das gelingt?
Schwitter: In schwachen Momenten wünsche ich mir schon, es wäre anders.

Hatten Sie schon einmal das Gefühl, dem Tod begegnet zu sein?
Schwitter: Vielleicht bei Meditationen. Oder in Momenten totaler Einsamkeit oder Erschöpfung.

Können Sie sich vorstellen, Ihren Körper der Medizin zu überschreiben?
Schwitter: Derzeit leider überhaupt nicht. Zwar habe ich meinen Organspenderausweis schon angefordert, aber es bisher nicht geschafft, ihn zu unterschreiben und in mein Portemonnaie zu stecken.

Der Trennung von Körper und Geist traut man dann doch nicht so ganz?
Schwitter: So ist es.

Tiz Schaffer in FALTER 46/2014 vom 14.11.2014 (S. 52)


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