Alpha

von Marion Guerrero

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Verlag: Edition Atelier
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 344 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.09.2018

Rezension aus FALTER 47/2018

Mit den Augen des Monsters

Die Juristin Marion Guerrero hat einen bitterbösen Roman über Alphamännchen geschrieben

Erik Jäger ist Spieler. Ob am Pokertisch, im Job oder in Beziehungen, er blufft gerne, riskiert aber nie zu viel. Stets auf den eigenen Vorteil bedacht, durchschaut er sein Gegenüber und dessen Schwächen instinktiv schnell. Seine Dissertation hat er nie fertiggestellt, trotzdem hat er sich einen Doktortitel erschlichen. Auch seine Partnerinnen täuscht und manipuliert er mit System.

Der Debütroman von Marion Guerrero trägt mit Fug und Recht den Titel „Alpha“, handelt es sich doch um die Charakterstudie eines eiskalten Machtmenschen. Dazu braucht es keine Leistung, der Held schafft es auch ohne. Karriere, so sein Credo, machen nicht jene, die sich durch Überstunden im Büro auszeichnen, sondern wer abends mit den richtigen, wichtigen Leuten zusammensitzt, sein Netz spannt und Intrigen spinnt. Wenn er es nicht eines Tages übertreibt, wird Jäger noch groß Karriere machen.

Wie einst Bret Easton Ellis in seinem verstörenden Meisterstück „American Psycho“ lässt Guerrero die fiese Hauptfigur selbst erzählen. Wir betrachten die Welt mit den Augen des Monsters, wobei der Trick darin besteht, dass Jäger selbstverständlich auch den Leser zu manipulieren versteht. Der Typ weiß sich einfach charmant in Szene zu setzen. Nur wenn ihm die Sicherungen durchbrennen und „das rote Tier“ von ihm Besitz ergreift, wird der fesche Kerl für seine Umwelt brandgefährlich.

Wie funktionieren solche Typen? Und in welchem Klima und Umfeld können sie gut gedeihen? Diese Fragen waren es, die am Anfang der Romanarbeit standen, erklärt die Autorin. „Es gibt Menschen, die genau das Richtige im richtigen Moment sagen. In ihrer Gegenwart ist alles ein wenig spannender, ein bisschen intensiver. Diese Faszination ist wie ein Sog, und man merkt nicht, wie man in etwas Ungesundes hineingezogen wird. Plötzlich steht man vor einem Scherbenhaufen und denkt sich: Warum habe ich nicht früher gemerkt, was für ein Spiel dieser Typ gespielt hat?“

Nicht von ungefähr arbeitet Jäger zuerst im Uni- und Forschungskontext und landet später in der Politik. „Alpha“ folgt dem alten Ratschlag „Schreibe über Dinge, mit denen du dich auskennst“. Marion Guerrero hat in jungen Jahren viele berufliche Erfahrungen gesammelt, ihr Werdegang enthält Stationen an der Columbia University Law School in New York, am israelischen Verfassungsgerichtshof, an der Uni Wien und im Frauenministerium. Ein nicht geringer Teil der aktuellen Literaturproduktion leidet darunter, dass die Autorinnen und Autoren nicht viel erlebt haben, was im schlimmsten Fall zu weltfremder, blutleerer Prosa führt, die nur um sich selbst kreist. Dieses Problem hat Guerrero nicht.

Ihr Vater stammt aus Kolumbien, die Mutter aus Wien. Die Tochter wurde in Wien geboren und wuchs in Bayern auf, wo ihr Vater als Physiker arbeitete. Als sie 13 war, übersiedelte die Familie nach Bogotá: „Vom 5000-Menschen-Dorf in der Provinz in die Sechs-Millionen-Metropole, eine gewaltige Umstellung. Ich bin dort auf eine Eliteschule gegangen. Das war schräg, manche meiner Mitschüler sind am Wochenende zum Shopping nach Miami geflogen. Meine eigene Familie ist zwar nicht arm, aber bestenfalls solider Mittelstand.“

In ihrer Jugend fühlte Guerrero sich oft fremd und etwas fehl am Platz. Was sie im Interview die Notwendigkeit, ständig „neue zwischenmenschliche Codes entziffern zu müssen“, nennt, ist für eine Autorin eine gute Schule. Es hat sie gelehrt, mit verschiedenen Mentalitäten umzugehen. Ihr Fazit: „Alle Menschen haben im Endeffekt ähnliche Bedürfnisse und sehr unterschiedliche Arten, diese auszudrücken.“

Eine „ausgeprägte missionarische Ader“ und Gerechtigkeitssinn ließen die Weltenbummlerin in Wien Jus inskribieren. Die universitäre Realität kam diesen Interessen freilich nicht entgegen („realitätsferne, trockene Paragrafenreiterei“). So engagierte sie sich als Ausgleich beim VSStÖ, probierte sich bei Radio Orange und in einem Studierendentheater aus. Mit 27 hatte sie wieder genug von Wien und ging mit einem Fulbright-Stipendium in der Tasche an die Columbia University.

Erst in New York hat sie sich in die Rechtswissenschaften verliebt: „Die Professorinnen und Professoren an der Columbia haben Jus als gesellschaftliches Phänomen begriffen und mit aktuellen politischen Ereignissen verknüpft. Und es war großartig, mit brillanten jungen Menschen aus der ganzen Welt – aus Pakistan, Lateinamerika, Australien, dem Oman oder Israel – zu studieren.“

Bis zum Regierungswechsel arbeitete Marion Guerrero im Kabinett des Frauenministeriums. Nicht erst seit der ÖVP/FPÖ-Regierung habe sich das politische Klima sehr zum Negativen verändert, konstatiert sie, Inhalte seien immer mehr hinter Machtkalkül verschwunden. Womit wir wieder bei Erik Jäger wären. Er würde es heute weit bringen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 47/2018 vom 23.11.2018 (S. 37)


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