Wiener Alltagspoeten

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Kurzbeschreibung des Verlags:

In Wien liegt die Poesie auf der Straße. Der Grant, der Zynismus, aber auch die feine Klinge der Selbstironie. Hier das Buch über und von den Menschen der Stadt. Ein literarisch lebendiges Buch der Sonderklasse. Mei Wien is ned deppad!
Zwischen Schmäh und Tragödie ständig hin- und hergerissen: In Wien liegt die Poesie auf der Straße. Wer durch die Stadt spaziert, im Kaffeehaus sitzt oder mit der Straßenbahn fährt, taucht durch unzählige Gesprächsfetzen und Alltagssituationen hindurch. „Das sollte man doch mal aufschreiben“, dachte sich Andreas Rainer vor über drei Jahren, und startete die Plattform Wiener Alltagspoeten. Was als kurzes Experiment angelegt war, ist heute eine Instagram-Seite mit über 100.000 Followern. Nun erscheint eine Auswahl der denkwürdigsten Alltagspoeten-Momente in Buchform – inklusive bisher unveröffentlichter Gustostückerl.
Wer Wien erlesen möchte, kann den Reiseführer wegpacken, denn das echte Wien ist das der Alltagspoeten.

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FALTER-Rezension

Die Vermessung der Wiener Seele

Donauinsel. Frau: „Jetzt hams Wien scho wieder zur besten Stadt der Welt gewählt.“ Mann: „Najo ... anderswo isses halt noch gschissener.“ Das sei es, sagt Andreas Rainer: sein Lieblingszitat.

Seit dreieinhalb Jahren betreibt er auf Instagram und Facebook die Accounts „Wiener Alltagspoeten“. Rund 600 kurze Zitate und Szenen aus dem Wiener Leben hat er veröffentlicht. Für mittlerweile 77.000 Follower auf Facebook und 125.000 auf Instagram.

Heute sind die quadratischen Posts – weißer Hintergrund, schwarze Schrift, selten länger als ein paar Zeilen – kaum mehr aus österreichischen Whatsapp-Gruppen, Instagram-Feeds und Facebook-Timelines wegzudenken.

„Ich konsumiere Wien gerne“, sagt Andreas Rainer. Jahrelang tippte er das, was er in den Kaffeehäusern und Straßen von Wien so aufschnappte, nur für sich ins Smartphone. Im Oktober 2017 entschloss er sich dann, einen Instagram-Account anzulegen.

Mit Erfolg: Inzwischen betreibt Rainer einen Podcast und verkauft „Alltagspoeten“-T-Shirts, -Stofftaschen und -Tassen. Vergangene Woche sind eine Sammlung der besten Zitate und einige seiner Essays als Buch erschienen.

Sein Geld verdient Rainer als selbstständiger Texter, Journalist und Social-Media-Berater, für den Standard bloggt er als „Wiener Alltagspoeten“, für das englischsprachige Magazin Metropole schreibt er über Wiener Grätzel. Merchandiseartikel, Mitgliedschaften auf seiner Webseite und vereinzelte Werbeeinschaltungen auf Ins­tagram bringen ihm ein wenig Extrageld. „Es macht mir Freude, weil es den Leuten Freude macht“, sagt Rainer, und man glaubt es ihm.

Rainer betreibt die Accounts alleine, seine „Alltagspoeten“ können wir alle sein: die Wienerinnen und Wiener, denen er zuhört. „Donaukanal. Dealer: ‚Brauchen Sie Ecstasy?‘ Junge Frau: ‚Nein.‘ Dealer: ‚Nein DANKE haßt des.‘“

Für Chronistinnen und Chronisten des Großstadtlebens haben die sozialen Medien neue Möglichkeiten geschaffen. Jede Stadt hat ihre Facebookgruppen, deren Nutzer witzige, anonyme Zitate sammeln. Diese Momente funktionieren auf den sozialen Medien, sie schaffen ein Gefühl der Gemeinsamkeit in der Großstadt: Die Menschen finden darin sich und ihre Umgebung wieder oder lernen die Perspektive der anderen kennen.

Montag, Mittwoch und Freitag, jeweils um zwölf Uhr mittags, geht ein neues Zitat online. Die Bezirke mischt Rainer artig durch. Wo erlebt er die besten Momente? In Gegenden, in denen unterschiedliche Kulturen und Lebensweisen aufeinandertreffen, sagt er: auf der Donauinsel, am Brunnenmarkt, in den öffentlichen Verkehrsmitteln. In Zeiten, in denen die Beisln geschlossen, die Partys abgesagt, die Touristen zuhause geblieben sind, können seine Zitate das Wien-Gefühl auf den Bildschirm liefern. „Café Diglas. Ältere Damen: ‚Sind die Torten noch frisch?‘ Kellner: ‚Zwei waren nicht frisch – aber die sind eh schon weg.‘“

Aber erwartet er nach so einem Posting nicht den wütenden Anruf aus dem Café Diglas? Die meisten, so Rainer, trügen es mit Humor oder nutzten die Posts sogar als Werbung. Bis auf einen Zwischenfall im Dezember, als sich Rainer plötzlich mitten in einem Shitstorm sah. Die Sache mit den Wiener Linien sei „unglücklich gelaufen“, sagt er heute. Und sie zeigt, wie schnell ein Spaßpost zum politischen Thema werden kann.

Um zu verstehen, was geschah, muss man wissen, dass Rainer mittlerweile täglich zehn bis 15 Nachrichten mit Beschreibungen von Situationen bekommt. Die meisten veröffentlichten Zitate hat er also nicht selbst gehört. „Ich kann Situationen nicht verifizieren“, sagt er. „Aber ich veröffentliche nur Dinge, von denen ich glaube, dass sie so passiert sind.“

Wie etwa jene Ansage eines U-Bahn-Fahrers am Reumannplatz, die im Dezember online ging: „Willkommen auf Ihrem Flug von der Türkei nach Wien.“ Ein misslungener Scherz, unmissverständlich rassistisch. Wütende Kommentatoren warfen ihm vor, er habe menschenfeindlichen Gedanken auf seinen Plattformen eine Bühne geboten, ja von ihnen profitiert, nur um eine Pointe zu landen. Die Wiener Linien untersuchten den Vorfall, erklärten, dieser sei „frei erfunden“. Der Einsender widerspreche, so Rainer, es sei genau so passiert.

„Es heißt ‚Alltagspoeten‘ und nicht ‚Alltagsjournalisten‘“, rechtfertigt sich Rainer, „ein poetisches Element ist drin.“ Den Wiener-Linien-Post hat er inzwischen gelöscht. Wenn er nun rassistische Vorfälle veröffentlicht, achtet er darauf, sie zu kennzeichnen. Der Hintergrund ist schwarz, die Schrift weiß, und er nutzt den Hashtag #Alltagsrassismus. Solche Einsendungen kämen nämlich zuhauf. „Der Rassismus ist in Wien in den Alltag integriert“, sagt Rainer. Er kam 1981 in Wien zur Welt, aber das wurde ihm erst bewusst, als er die Stadt für drei Jahre verließ, in Montreal seinen Zivildienst machte und dann an zwei US-Universitäten Deutsch unterrichtete.

„60er Bim, 11 Uhr Vormittag. Ältere Dame: ‚Bitte setzen Sie eine Maske auf!‘ Betrunkener: ‚Und wie soll i dann mei Bier trinken?‘“

Der Alkohol ist ein guter Gagschreiber. Auch er gehört zu Wien, sagt Rainer, gemeinsam mit dem Schmäh, der nach der Stadt benannt ist: „Wiener verarschen sich gerne selbst. Es ist dieser permanente Gegensatz von absolutem Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex in einem Satz.“ Und der Wiener Schmäh treffe die goldene Mitte zwischen Beleidigung und Witz. Das hört sich dann zum Beispiel so an: „Eine Tankstelle im 11. Bezirk. Kunde: ‚Zettel brauch ich nicht, danke.‘ Verkäuferin: ‚Und weida? I brauch eam a ned.‘“

Nach dem Gespräch schickt Rainer noch ein E-Mail. Er habe über seine Lieblingszitate nachgedacht. Eigentlich seien seine Favoriten die „leiseren Postings“, etwa von einer Frau, die sich neben einen Mann setzt, der an einer Hauswand kauert, und ihm ein Sackerl reicht. „Komm, lass uns gemeinsam was essen.“

Anna Goldenberg in Falter 12/2021 vom 26.03.2021 (S. 43)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783903184695
Erscheinungsdatum 10.03.2021
Umfang 140 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag MILENA
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