Ohne WHAM! und ABBA
Roman

von Christian Moser-Sollmann

€ 15,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Dachbuch Verlag GmbH
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 03.09.2020


Rezension aus FALTER 47/2020

„Die Literaturbranche ist Hardcore“

Wenn ihn jemand fragt, wie es mit der Literatur läuft, erzählt Christian Moser-Sollmann gern die Geschichte von seiner Lesung in Freistadt. Als Fan der Mühlviertler Biere war er happy, dorthin eingeladen zu werden. Es fanden sich zwar nur fünf Besucher ein. Doch immerhin kauften drei seinen Roman. Auch bei anderen Auftritten würden 30 bis 50 Prozent der Anwesenden am Büchertisch zuschlagen, erzählt er. „Daran sehe ich, dass ich nicht ganz falsch liege.“

Der in Osttirol aufgewachsene und in Wien lebende Autor übt sich in positivem Denken. Als 2017 sein Debüt „Tito, die Piaffe und das Einhorn“ erschien, hatte er noch ganz andere Träume: „Ich wollte mit dem Schreiben gut verdienen. Und ich habe mir gedacht, dass ich locker Preise gewinne.“ Er muss seine Ausführungen kurz unterbrechen, weil ihn ein Lachkrampf ereilt. Nachsatz: „Da hat sich der kleine Christian getäuscht.“

Sowohl sein Erstling, der innere Monolog eines Politikberaters, als auch der im Drogenmilieu angesiedelte zweite Roman „Blaue Schatten“ erwiesen sich als Flops. Andere wären vielleicht verzweifelt, Moser-Sollmann hingegen ist ein sturer Hund. Er schrieb unverdrossen und rasant weiter. Innerhalb kurzer Zeit hat er drei Romane rausgehauen, „Ohne Wham! und Abba“ heißt der jüngste, es ist sein bis dato bester. Popmusik spielt darin nur eine Nebenrolle, es geht primär ums Aufwachsen in der österreichischen Provinz.

Der Ich-Erzähler Romed ist ein notgeiler Maturant, der noch vor dem Schulabschluss sein erstes Mal erleben will. Zwar scheinen ihn gleich mehrere Mädchen gut zu finden. Aber irgendwas kommt immer dazwischen, mal geht er es zu langsam an, dann wieder zu stürmisch, oder er ist einfach zu betrunken. Apropos: Bier und seine zwei besten Kumpels („Wir sehen aus wie drei Tiroler Landjugendliche, die sich weigern, wie Tiroler Landjugendliche auszusehen“) spenden ihm nach Niederlagen Trost.

Provinz, Außenseitertum, Gefühlschaos, Vollräusche: Der Roman wirkt zunächst wie aus dem Baukasten des modernen Entwicklungsromans zusammengesetzt. „Ohne Wham! und Abba“ ist insofern nicht rasend originell, doch er funktioniert. Der Witz ist wohldosiert und der Autor gibt sich nicht schlauer, als es sein zu Beginn der Handlung 17-jähriger Held ist. Romed wird von einem alterstypisch naiven Selbstbewusstsein und Optimismus angetrieben, auch wenn er ständig stolpert.

Viel recherchieren musste Moser-Sollmann für seinen Osttiroler „Fänger im Roggen“ nicht, die biografischen Basics decken sich mit den seinen. Aufgewachsen in Lienz, wollte er möglichst schnell weg und nach Wien. Nach einem Auftritt des Musikers und Totalverweigerers Christof Kurzmann liebäugelte er damit, weder Wehr- noch Zivildienst abzuleisten: „Das hat mich total beeindruckt, aber ich habe das mit meinem Papa besprochen und mich dann doch nicht getraut.“

Zu den stärksten Passagen des Romans zählen jene im zweiten Teil, in dem Romed bei der Rettung Zivildienst macht. Hier geht es nicht mehr so lustig zu wie beim Fortgehen. Seine Vorgesetzten sind Komplexler, Chauvis und Rassisten, die ihm das Leben schwer machen. Erst nach mehreren Versetzungen an andere Dienstorte wird er einem angenehmen Rettungsfahrer zugeteilt. Der Zivi merkt es sofort, weil der Mann während der Fahrt Neil Young hört.

Sein eigenes Faible für Musik hat Moser-Sollmann in den 1990ern ausgelebt. Als Student (Politikwissenschaften, Publizistik, Philosophie) war er Mitbegründer des ersten Drum-’n’-Bass-Clubs in Wien und machte Beiträge für den damals noch ganz neuen Radiosender FM4. Danach verschwand er von der Bildfläche. Für seine Dissertation verbrachte er ein Jahr in England. Es war die Zeit der Cultural Studies, er untersuchte Fußball und das politische Potenzial von Techno.

Die Nullerjahre waren zwischen Lehraufträgen und PR-Arbeit „meine Hacklerjahre. Davor habe ich gelebt wie die von der Frankfurter Schule, ohne zu wissen, dass die ganz andere Backgrounds hatten. Ich bin der erste in meiner Familie mit Matura und musste immer Geld verdienen.“

Mittlerweile hat er eine Anstellung bei der Politischen Akademie, der Bildungseinrichtung der ÖVP. Er ist dort als Wissenschaftler für Publikationen wie das „Österreichische Jahrbuch für Politik“ zuständig. Mit Parteiarbeit habe das nichts zu tun, ist ihm wichtig zu betonen. „Ich arbeite im absoluten Nicht-Zentrum der Macht.“

Mit seiner Frau, die Jugendtheater und Performancekunst macht, und seinem Sohn wohnt er seit einigen Jahren in Meidling, wo sich auch seine Arbeitsstätte befindet. Von langen Spaziergängen kennt er inzwischen jedes Café, jeden Balkangrill und beobachtet, wie Teile des Bezirks langsam hip werden. Manchmal trägt er sogar ein „Meidling-Shirt“. Wobei: „Dieser ausgestellte Grätzelpatriotismus ist für mich nur ein Joke. Meidling ist einfach billiger als der zweite Bezirk und die Leute sind gemütlich.“

Ob ihm der Durchbruch noch gelingt? Mit fast 50 geht er nicht mehr als hoffnungsvoller Jungautor durch. „Die jetzige Generation ist viel besser in Selbstvermarktung“, sagt er, „die sind alle schon mit der neoliberalen Logik aufgewachsen.“ Sein Zwischenresümee trägt er mit einem leisen Seufzer vor: „Die Literaturbranche ist Hardcore.“ Weil er bei einem kleinen Wiener Verlag ohne Namen veröffentliche, würden Festivals und Literaturhäuser auf Anfragen nicht einmal antworten.

Der Ignorierte versucht das zu ignorieren: „Ich tue so, als ob ich das alles nicht bemerken würde, und schreibe weiter.“

Sebastian Fasthuber in FALTER 47/2020 vom 20.11.2020 (S. 36)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen