Kein Schwan so schön

von Marianne Moore, Elizabeth Bishop, Jürgen Brôcan

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Verlag: Urs Engeler
Genre: Belletristik/Zweisprachige Ausgaben/Deutsch-Englisch
Erscheinungsdatum: 01.07.2001

Rezension aus FALTER 23/2002

"Wenn ich ein Buch lese, und es macht meinen Körper so kalt, dass kein Feuer jemals mich wärmen könnte, weiß ich, das ist Dichtung. Wenn ich spüre, dass meine Schädeldecke abgenommen wird, weiß ich, das ist Dichtung."

Diese schaurige poetologische Grundbestimmung stammt von der amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson (1830-1886). Aus streng puritanischer Familie stammend, distanzierte sich Dickinson von den moralischen und religiösen Rigorismen der Eltern - sie glaubte weder an Erbsünde noch an Gnade, die Bibel war ihr nur noch ein "antique Volume". Ihr Schreiben bewegte sich dennoch ein Leben und mehr als tausend Gedichte lang in den Bahnen eines unvollständig säkularisierten Christentums. Eine explosive Mischung aus religiöser Ekstase und formaler Aggression. Daher rührt Dickinsons blutrünstiger Anspruch an Literatur, das macht die "Klausnerin aus Amhurst" auch für zeitgenössische Interpreten wie Camille Paglia interessant. In deren "Masken der Sexualität" wird die Dickinson unumwunden als die "größte aller Dichterinnen" bezeichnet und als ein weiblicher Marquis de Sade der Innerlichkeit.

Aus dem unfangreichen Ruvre - zu Dickinsons Lebzeiten wurden ganze sieben Gedichte veröffentlicht - hat der deutsche Lyriker Wolfgang Schlenker "51 shorter Poems" übersetzt. Die Auswahl "Biene und Klee" ist keine Spielwiese für literaturwissenschaftelnde Psychoanalytiker - Schlenker betont das explizit "Literarische" mit einer Akzentsetzung auf dem sich jüngst wieder im Schwange befindlichen Naturgedicht.

"To make a prairie it takes a clover and one
bee,
One clover, and a bee,
and revery.
The revery will do,
If bees are few."

In der Übersetzung:

"Für eine Lichtung braucht's Klee und eine
Biene,
ein Kleeblatt, und Bienengesumm,
Und Träumerei.
Die Träumerei allein tut's auch,
Falls Bienen rar."

Die Abfolge von höchstem und tiefstem Vokal, "i" und "u" in "bee-revery-do-few" lässt den Bienenflug ansteigen - um im Verschwinden dem Traum das Feld zu überlassen, dem ironischen Nichts des Gedichts. Revery. Was heißt aber "rar", und wozu die - für deutsche Ohren - pseudophilosophische "Lichtung"?

"Nichts heißt die Wucht / Zur Erneuerung der Welt." Dickinson schreibt aus dem Geist des Beinahe-Verschwindens, der äußersten Verknappung, um von einem Nullpunkt her Welt neu erstehen zu lassen, von einem Gedankenstrich aus. Sie geht dabei höchst ökonomisch vor und kommt ohne schwere Existenzialvokabel aus, auf Verzögerung folgt heftig beschleunigt:

"How slow the Wind - how slow the Sea -
how late their Feathers be!"

("Wie langsam der Wind - wie langsam das Meer -
wie spät wird ihr Gefieder!")

Aus!
Oder:
"An Hour is a Sea
Beetween a few, and me -
With them would Harbour be -"

("Eine Stunde ist ein Meer
Zwischen wenigen, und mir -
Mit denen Hafen wär -").

Der Vorteil der zweisprachigen Ausgabe: Nach einiger Zeit liest man nur noch den englischen Text und rätselt über syntaktische Verdrehungen und Kontraktionen zu Liebe, Tod oder Rätsel.

"The Riddle that we guess
We speedily despise -
Not anything is stale so long
As Yesterday's Surprise."

("Haben das Rätsel wir erst gelöst
Ist's plötzlich ganz banal -
Rascher wird nichts von gestern sein
Als was Gestern Überraschung war.")

Ein Gedicht, nicht nur morgens zu lesen.Als "burning desire, to be explicite" charakterisierte Marianne Moore das Leitmotiv ihres Schreibens. 1887 in Missouri geboren, 1972 in New York gestorben, veröffentlichte Marianne Moore Gedichte ab 1907. In den Dreißigerjahren fand sie, die ein Leben lang als Bibliothekarin arbeitete, im Kreis um William Carlos Williams eine literarische Heimat. Ezra Pound hofierte sie ebenso, wie es später T.S. Eliot tat. Hans Magnus Enzensberger nahm zwei Gedichte in sein "Museum der modernen Poesie" auf. "Kein Schwan so schön", 25 Gedichte, ausgewählt und übersetzt von Jürgen Brocan, braucht den Vergleich mit berühmten Moore-Übersetzern wie Paul Celan oder Eva Hesse nicht zu scheuen. "In dieser Epoche bemühter Versuche, ist Unbekümmertheit gut und / wirklich ist es nicht die Aufgabe der Götter, Tonkrüge zu brennen."

Marianne Moore ist eine Dichterin der Übergangszeit zwischen Whitmans elektrischer Hymnik und Pounds chinesischer Hermetik. Das überkommene Formen zerbrechende Spiel mit Zitaten und literarischen Collagen verlässt nie den Raum der gebundenen Rede, die Beschwörung konkreter Phänomene erlaubt zugleich den freiesten Gedankenflug. Die Beschreibung eines Turmarbeiters, eines Regenbogens, einer Porzellanfigur, eines Welpen, der Fleisch vom Teller frisst, oder des Apollo Belvedere sind dennoch nicht nur "formale Sache". Es geht explizit um Manieren und Moral. Über eine Schnecke heißt es: "Einzugskraft ist eine Tugend." Keine geringere Tugend ist die Ausdehnung langer Metaphernketten zur Beschreibung des Homo sapiens des 20. Jahrhunderts:
"der geist - eine verzauberte sache - wie der
glanz auf einem grashüpferflügel, von der sonne
gefächert

bis seine netze zahllos sind. wie gieseking,
der scarlatti spielt."

Marianne Moore klingt manchmal hymnisch, manchmal moralisierend, bestechend klug ist sie immer.
"gestärkt zu leben, gestärkt zu sterben für
medaillen und gestellte siege. sie kämpfen,
kämpfen, kämpfen gegen den blinden mann, der
denkt, er sieht - der nicht sehen kann, dass
der unterjocher unterjocht ist. der hasser
verhärmt."
Oder:
"gepriesen sei der mann, der nicht sitzt im rat
der spötter -

der mann, der nicht anschwärzt, herabwürdigt,
denunziert."

Anders als Emily Dickinson, die vom amerikanischen Bürgerkrieg vor ihrer Haustür keine Notiz nahm, schrieb Marianne Moore indirekt engagierte, politische Lyrik. Das erlaubte es ihr umso mehr, eine Welt "fern von kontroversen / oder irgendwelchen cholerikern" zu evozieren. Um die eigentlichen Fragen zu stellen:

"was ist unschuld,
was unser verfehlung? alle sind
nackt, keiner ist heil."
"wir sind nicht befugt unser eide zu
leisten."
"schönheit ist unaufhörlich
und staub ist für eine weile."

Wenn es am Schluss eines Gedichtes heißt: "stand for truth. it's enough", bedarf diese Wahrheit keiner rhetorischen Emphase wie bei Ingeborg Bachmanns "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar". Der kleine, aber wesentliche Unterschied zwischen Politik und Gedicht ist der zwischen "Freiheit und Freifahrt". Marianne Moore erteilte sich denn auch die Lizenz zum Spiel mit scheinbar läppischen Dingen, in denen es nur um Metrum und Klang ging.
"I love the Baby Giant Panda;
I'd welcome one to my veranda."
Wie sehr sie sich an diesen Versen ergötzen konnte, erzählt die Dichterin Elizabeth Bishop in einem autobiografisch gefärbten Nachwort. Dort finden sich auch treffende Anekdoten wie Marianne Moores Charakterisierung von Djuna Barnes, Megastar der amerikanischen Literatur jener Zeit: "Nun sie sah sehr fesch aus, und ihre Schuhe waren wunderschön poliert."Eine Auswahl von Elizabeth Bishops eigenen Gedichten trägt den Titel "Die Farben des Kartographen". Elizabeth Bishop (1911- 1979) ist, wie Moore, keine Dichterin subjektiver Konfession. Nicht Philosophie, Geschichte, sondern Geographie, Erdbeschreibung machen das Wesen ihrer Dichtung aus.
"Land liegt in Wasser; es ist schattiertes
Grün.
Schatten, oder sind es Untiefen, entlang der
Ränder
zeigen die langen, langbewachsenen Riffe als
Bänder,
wo Seetang zu einfachem Blau hingleitet von
Grün. Diese Halbinseln nehmen das Wasser zwischen
Daumen und Finger
wie Frauen, die Stoffe auf ihre Glätte prüfen.
Zarter als der Historiker wählt der Kartograph
seine Farben."

Die Prüfung des Weltstoffes auf seine Glätte hat Bishop in großen Gedichtlandschaften von jenen Orten vorgenommen, an denen sie lebte - Florida, Petropolis, Rio de Janeiro, Keye West und Boston - oder die sie, wie Europa, mit ihrer Freundin bereiste. Für Elizabeth Bishop rühren - ganz alteuropäisch, mit Pascal - alle Übel von der Unfähigkeit her, es allein innerhalb der eigenen vier Wände auszuhalten. Das hat unterschiedliche Gründe. Wir gehen auf Reisen und bemerken dennoch sogleich:
"Wir hätten lieber den Eisberg als das Schiff,
selbst wenn alles Reisen dann endete."
Ein weiterer Grund für die Sinnlosigkeit des Reisens: Wir haben längst "unseren Kinderblick durch Sehen, Sehen verloren." Das klingt nach Rilke, Elizabeth Bishop aber ist ironischer. Die Warnung aus der Zeit des anbrechenden Massentourismus ist auch an deren Verfasserin - die nebenbei auch Reiseführer schrieb - adressiert:
"Ach müssen wir unsere Träume träumen
und sie auch haben?
Und haben wir genug Platz
für einen weiteren gefalteten
Sonnenuntergang,
noch ganz warm?"

Das Gedicht zu ihrem eigenen Geburtstag, die Erinnerung an den Tod der Mutter, oder die Erinnerung des Robinson Crusoe nach seiner Heimkehr - immer setzt sich der breite Erzählstrom der Sestinen aus konkreten Bildern zusammen, die dann in ein Paradox zerfallen, in einen unmerklichen Kataklysmus. Unser Wissen über die Welt ist "fließend und zerflossen". Der monströse Fisch, der in seinem Maul schon fünf Haken trägt und sich jedes Mal wieder losreißt, wird endlich gefangen und dann doch freigelassen.

Ein Liebesgedicht klingt bei Elizabeth Bishop so:
"Liebe ist der Junge, der stand auf dem
brennenden Deck

und versuchte aufzusagen: Der Junge stand auf
dem brennenden Deck."
Um zu enden mit:
"Liebe ist der brennende Junge."
Oder:
"One may be pardoned, yes I know
one may, for love undying."

"es kann einem für unvergängliche liebe,
ja, ich weiß, kann vergeben werden."

Evelyn Schlag verweist in einem kurzen Nachwort darauf, dass Elizabeth Bishop ihre sexuelle Orientierung nicht zum Thema des Schreibens machte, sie sei auch "weder postmodern noch feministisch". Darin sind wohl auch die Gründe dafür zu suchen, warum sie bisher nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Margitt Lehberts durch Klarheit und Eleganz bestechende Übersetzung stellt eine Pionierarbeit dar - ein unbekannter Kontinent ist entdeckt. Wir können die Schiffe hinter uns verbrennen. "The art of losing isn't hard to master." Allerdings nur mit diesen Gedichten.

Erich Klein in FALTER 23/2002 vom 07.06.2002 (S. 63)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Farben des Kartographen (Elisabeth Bishop, Margitt Lehbert)
Biene und Klee (Emily Dickinson, Wolfgang Schlenker)

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