Helvetica
Homage to a Typeface

von Lars Müller

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Lars Müller Publishers
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 15/2003

Wenn das Leben zum Kunstwerk wird: Martin Bruch, ein sympathischer Tiroler in Wien, dokumentiert seine Hinfaller. Oder rollt, in prächtiger Eintönigkeit, durch die Welt.

Dies ist die Geschichte des Martin Bruch, der am 12. Dezember 1996, 18.58 Uhr, vor der dm-Filiale Mariahilfer Straße 91 zu Fall kommt. Der in seiner Wohnung, Margaretenstraße 108, Tür 15, vom Sessel fällt. 28. April 1997, 0.55 Uhr. Der auch in der Schönbrunner Straße, in der Schrankgasse, in der Keinergasse, in der Weyringerstraße zu Boden stürzt. Der am 24. November 1997 auf der Lindengasse, Ecke Andreasgasse, rücklings daliegt. 22.16 Uhr, hoch oben leuchtet in dunkler Nacht "Hong Kong Dim Sum".

Am 22. Mai 1996 wird Martin Bruch, heute 41 und seit einem Jahrzehnt an Multipler Sklerose erkrankt, durch die damit einhergehenden massiven Gleichgewichts- und Gehstörungen auch unwillentlich oft und oft zu Boden geworfen, zum Fachmann für die Froschperspektive: Bruch, wieder einmal zu ebener Erd liegend, nimmt erstmals eine Sekunde nach dem Hinfallen seine Einwegkamera zur Hand, Kodak Fun-Gold, macht ein Foto, weißer Ventilator auf grauem Plafond. 312 Fotos hat Bruch seitdem gemacht, penibel hat er seine Stürze mit Datum und Uhrzeit versehen. 312 Fotos, die nicht kompositorischer Finesse und formalen Überlegungen geschuldet sind, die nur Bruchs Landungen festhalten. Fotos, auf denen entsetzte, amüsierte, lachende Gesichter von oben herab auf ihn schauen. Oft ist auch nur blauer Himmel zu sehen. Oder nichts sagende Häuserfassaden.

2001 gibt Bruch das gesammelte Material als wunderbares kleines Buch heraus: Seine 312 "Bruchlandungen", vom 22. Mai 1996 bis zum 28. Juni 2001, sind darin zu sehen. "Ich lebe und das Leben macht Spaß", schreibt Bruch ins Vorwort; mit dem wundersamen Projekt wird er auf die 49. Biennale von Venedig eingeladen, in seiner Heimatgemeinde Hall in Tirol findet daraufhin ein Fest für Martin Bruch, dem großen Sohn der Heimat, statt.

"Man will ja cool sein", sagt er heute, "der Bruch Martin hat ja müssen cool sein", erinnert sich Bruch, der am 31. April, die Krankheit kennt keine Grenzen, als Archivar von 40.000 Geräuschen eines Tonstudios in Krankheitspension geht, an seine unsanften Landungen. "Bruchmartin", das sagt er in einem vom Tirolerischen durchwachsenen Deutsch oft, wenn er über sich redet. Einige Jahre war Bruchmartin mit dem Trittroller in der Stadt unterwegs, seit 1997 sitzt er im Rollstuhl. Kippstützen, die festen Halt geben, hat er erst seit kurzem daran montiert, heute fällt Bruch nur mehr selten hin. "Coolness war damals wichtig." Ungern redet er heute auch über seine "Bruchlandungen", nur so viel: Jedes Mal, wenn er wieder einen urwienerischen "Fritzlack" gerissen habe, nach dem Logo der Firma O. Fritze Lacke, auf dem der Lehrbub Fritz ausgestreckt neben einem umgestürzten Farbtopf liegt, habe ein absurder Wirbel geherrscht, damals. Bruch, hingestreckt am Boden, war es nach einer Schrecksekunde nur ums Fotografieren zu tun. Regelmäßig wurde die Szenerie von gellenden "Rettung! Rettung!"-Schreien begleitet. Manchmal ist so kein Foto entstanden. Im Gasthof Zur Goldenen Glocke, Bruch landet vor den Füßen der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, wird er von zwei Kellnern nervös weggezerrt. Manchmal stand die Aktion auch auf der Kippe: Im Februar 1997 fliegt Bruch rückwärts eine Rolltreppe hinunter, "sechs Stufen haben sich in meiner Haut eingraviert und verewigt".

Die Bruchlandungen sind Vergangenheit, im Sommer soll der Film "handbikemovie 51km" fertig sein. Bruchmartin, ohne einen Sturz, ist darin zu sehen, wie er mit seinem mit Handbetrieb ausgestatteten Rollstuhl, eine Kamera auf den Helm montiert, Tausende Kilometer zurücklegt, in New York, Triest, London, Istanbul und Wien. In prächtiger Eintönigkeit ziehen 116 Minuten lang die Bilder der Großstädte vorbei, aus dem Off hört man manchmal tiefes Tirolerisch, mitten in New York. "Einfach drauflos gefahren bin ich, der Krankheit weg, meiner Seele hinterher", sagt Bruch, der, mit einem Hang zum Buchhalterischen, bis zum 28. März 2003, Punkt 19.25 Uhr, 15.361 Kilometer mit dem Handbike zurückgelegt hat. Wieder ist das Leben, wie schon bei den "Bruchlandungen", zum Kunstwerk geworden: "Es ist ja schon alles fotografiert worden, habe ich mir damals gedacht. Eine neue Perspektive muss her. Die gezeigte Perspektive im Film macht niemand außer mir."

Bruchmartin, einzigartiger Lebenskünstler, sagt das wie vieles anderes mit befreiendem Lachen, es klingt durch, was er im Vorwort damals geschrieben hat: "Ich lebe und das Leben macht Spaß."In "Papiertiger" nimmt sich Radek Knapp Freud und Leid eines frisch gebackenen Jungautors an.

Mit seinem Debüt "Franio", einer Sammlung von pfiffig pittoresk aufpolierten Dorfgeschichten in charmantem Tonfall eines längst verschollenen Erzählens, hat der aus Warschau gebürtige und in Wien lebende Radek Knapp 1994 für einiges Aufsehen gesorgt und den (jeweils an das beste deutschsprachige Prosadebüt vergebenen) "Aspekte"-Literaturpreis errungen. 1999 folgte dann sein Roman "Herrn Kukas Empfehlungen", der im Wesentlichen die Langfassung einer bereits 1997 erschienenen Kurzgeschichte war. Und nun legt Knapp eine "Geschichte in fünf Episoden" mit dem Titel "Papiertiger" vor: knapp 150 Seiten in groß und locker bedruckten Seiten.

Der Protagonist des Buches, ein gewisser Walerian Gugania, ist knapp dreißig Jahre alt und von wachsendem Schamgefühl darob befallen, "bis dahin keine außergewöhnlichen Taten in seinem Leben vollbracht zu haben". Er schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, und der Erzähler lässt uns wissen, "dass Walerian, abgesehen von den Totengräbern, die ein ziemlich hermetischer Verein sind, so gut wie alles gemacht hatte". Das ist zwar nicht Deutsch, aber im Vergleich zu dem, was noch folgt, vernachlässigenswert.

Zunächst einmal bewirbt sich Walerian bei einem Forschungsinstitut als Molekularbiologe, wobei dessen Leiterin redet wie ein fadenscheiniger Vertreter bei einer Wellness-Messe ("Ich weiß, dass das wie aus einem Werbeprospekt klingt ") und ähnlich plausibel ist wie der völlig ahnungslose Hochstapler Walerian. Eine Fortsetzung dieser unwahrscheinlichen Karriere bleibt uns erspart, denn nach der forciert skurrilen Schilderung seiner Tätigkeit als Engel der Dienstleistungsfirma "Schenken von oben" erreicht Walerian die telefonische Nachricht, dass er für sein Manuskript "Papiertiger" den Hauptpreis eines Verlages gewonnen hat. Prompt wird der frisch gebackene Schriftsteller nach Frankfurt eingeflogen, von einer, selbstverständlich bildhübschen, Verlagsassistentin im Porsche abgeholt und im Marriot einquartiert, bei der Preisverleihung mit einem Scheck ausgestattet und, hast dus nicht gesehen, auf eine siebenwöchige Lesetour durch Deutschland geschickt.

Das gefällt diesem zunächst natürlich sehr gut: Das Publikum ist dankbar, die Groupies ("ich mag Sie, Herr Autor. Wirklich") ausreichend. Für Frauen hat der nicht mehr ganz so junge Jungautor erstaunlicherweise ja einiges übrig: "Es gibt Männer, die entweder für einen schönen Busen oder für lange Beine Selbstmord begehen würden. Das hat etwas mit Kindheitserinnerungen zu tun. Walerian musste in der Kindheit definitiv viel gelaufen sein." Fragt sich bloß, was die Busenfetischisten seinerzeit waren - Brustschwimmer?

Was folgt (und mehr als die Hälfte des Buches ausmacht), ist eine Abfolge von hanebüchenen, mit Gymnasiastenhumor gespickten Dialogen und eine "Handlung", die zwischen Literaturbetriebssatire und dem sentimentalen Lamento über die Mühen der professionalisierten Schriftstellerexistenz hin und her eiert.

Das letzte Kapitel eröffnet eine Rückblende auf die Jugend der Freunde Walerian und Bruno, die mit ihren romantischen Machosprüchen ein paar Mädchen beeindrucken wollen. Die Dialoge unterscheiden sich unwesentlich von jenen, die ihnen vorhergegangenen sind, aber erst zehn Jahre danach stattfinden. Und so - nämlich vom Ende her - gelesen, wird auch klar, dass es sich bei "Papiertiger" um eine Art Tragikomödie des ewigen Maturanten handeln muss, gefangen in den Sentimentalitäten darob, dass die Zeit, in der die Zirkuspferde in die aufgehende Sonne galoppierten (so das in seinem entschiedenen Kitsch fast schon gewagte Schlusstableau), unwiederbringlich dahin ist.

Was mag man einem solchen Menschen raten? Radek Knapps Buch hält einen passablen Lösungsvorschlag bereit: "Es gab mal einen Autor, der bekam eine Krise und kehrte in seinen alten Beruf zurück. Er wurde wieder Milchmann."Leben wie im Märchen! Vor der Leidenschaft des Biedermeiers für Volksliteratur und ihre Bearbeitung mittels Weichspüler konnte dieser Satz nur als Drohung verstanden werden. Umschreibt er doch jene Brutalität, die den Alltag der kleinen Leute bis zur Industrialisierung prägte. Auch im kommunistischen Russland wurden Kinder geraubt - nicht anders als in "Rumpelstilzchen" - und Menschen aus Habgier vergiftet - nicht anders als in "Schneewittchen". Das will uns Svetlana Vasilenko in "Die Närrin" einbläuen und verpackt deshalb die Geschichte ihrer Heimat in ein böses Märchen vom staatlich misshandelten Mädchen Nadjka, das den christlichen Glauben zurück in die Herzen der zwangsatheistischen Bauern bringt. Inhaltlich zweifelsfrei richtig. Die Diktatur des Proletariats war eine Diktatur mit allen Schikanen. Aber wohin führt die Stilisierung einer roten Kinderpflegerin zur Hexe und die Verklärung eines Kindes, das ob einer Behinderung sozial aus dem Rahmen fällt, zur mythischen Lichtgestalt? Wohl nicht weiter als bis zum Geständnis, dass Russland über ein Jahrzehnt nach Gorbatschow noch immer traumatisiert ist und entsprechende Schwierigkeiten hat, auf direktem Weg auszusprechen, was ihm unter Stalin und Co widerfahren ist. Weniger traumatisiert sind die Menschen des Erzgebirges, einem der klassischen Armenhäuser Deutschlands. Kerstin Hensel, 1961 im damaligen Karl-Marx-Stadt geboren, hat mit "Im Spinnenhaus" ihren Entbehrungen ein liebliches Denkmal gesetzt. Der Roman, der hundert Jahre Geschichte von unten erzählt, demonstriert, wie leicht das Märchenhafte ins Konservative kippt, wenn es nur noch nahe legt, sich mit den Umständen abzufinden, und das negiert, was die "Anti-Heimat-Literatur" der späten Siebzigerjahre geleistet hat. Weshalb er momentan voll im Trend liegt.In Billigläden wird sie Regale geklebt. Metrosstationen in aller Welt weisen mit ihrer Hilfe den Fahrgästen den Weg. Werbung, Information und Buchtitel: Die Helvetica ist eine der am häufigsten verwendeten Schrifttypen - und daher so anonym, dass sie kaum jemanden auffällt. Der Schweizer Verleger Lars Müller hat diesem Produkt aus der Blütezeit des eidgenössischen Grafikdesigns ein Denkmal gesetzt. 1957 hat sie der Züricher Schriftdesigner Max Miedinger (1920-1980) entworfen. Das Buch ist eine wunderschöne Hommage an dieses Erfolgsprodukt modernistischer Alltagsgestaltung und ihren in Vergessenheit geratenen Urheber. Die mediale Dokumentation von Katastrophen wirft nicht nur die Frage nach der Authentizität, sondern auch nach der Adäquatheit und Zulässigkeit der Abbildung auf. Die zynische Auffassung, die Existenz des Fernsehens erfordere nachgerade die Übertragung des Unglücks, hat Elfriede Jelinek in ihr Stück "Das Werk" einmontiert: "Nein, diesmal ist es ausnahmsweise kein Flugzeug und kein Wald, es ist eine Gletscherbahn, und leider sieht man nicht, wie sie brennt, denn sie brennt unterirdisch, das Fernsehen ärgert sich ja so!"

"Die unglaubliche Koinzidenz, dass der Unfall in der Gletscherbahn und der (mithilfe von Zwangsarbeitern erfolgte, Red.) Staudammbau fast gleich viele Tote gefordert haben: 155 und die offiziellen 160", habe sie, so Jelinek im Falter-Interview (14/03), auf die Idee gebracht, die beiden Ereignisse literarisch zu verknüpfen. Der Textstrudel, der eine Vielzahl von Zitaten, Meinungen und Positionen mit sich reißt, wurde von der Autorin in legerer, jeglicher psychologischen oder inhaltlichen Konsistenz Hohn sprechenden Weise auf verschiedene Rollen verteilt. Diese Mimesis an das permanente Rauschen der Medien weist Jelineks Texte von der ersten Zeile an als "unauthentisch" aus. Dass zu Tode gekommene Kinder als fun-versessene Anhängsel der Sportartikelindustrie dargestellt und zugleich als Sprachrohr antisemitscher Alpenvereinsideologie eingesetzt werden ("In den Alpen"), ist indes ein artifizieller Zynismus, der sich einer skrupulösen Haltung verdankt: Den Stern der Wohlanständigkeit mag er sich partout nicht an die eigene Brust heften. Positionen der Identifikation werden ebenso wenig angeboten wie eine moralische Veredelung der Opfer.

Im grellen Licht eines anthropologischen Pessimismus und mit barockem Furor wird der Anspruch, ein bisschen Platz und Aufmerksamkeit zu beanspruchen ("mein kleines Leben soll groß werden, bitte ich mir aus"), als schiere Anmaßung entlarvt. Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und der Tod - ein sadistischer Nachfahre des gelassenen Raimund'schen Handwerkers - lässt seinen Hobel tanzen: "Sie haben noch nie von meinem Verlust gehört, ich meine davon, dass ich verloren gegangen bin bei diesem Bau? Oje, das tut mir leid. Da habe ich mir wieder einmal Illusionen gemacht. Ich fürchte, mein Verlust wird am schwersten für mich selbst sein. Ich werde mich selber verschmerzen müssen."


"Geschichte besteht ja darin, dass man Leute, die sich ohnedies nie verstecken wollten, aus dem Verborgenen herausholt." Die erinnernde Funktion von Literatur wird bei Jelinek bestätigt, indem sie ironisch abgewiesen wird. Denn nichts spricht dagegen, dass man sich gerade der "versteckten" Toten zu erinnern versucht und nicht nur jener, die sich "schlecht benehmen", wie es im "Werk" heißt. 155 Tote beim Gletscherbahnunglück, 160 (offiziell) beim Kraftwerksbau.


Elfriede Jelinek hat ihre Stücke "In den Alpen" und "Das Werk" auch in Empörung über den Umstand geschrieben, dass die 155 Skifahrer - angesichts der flagranten Sicherheitsmängel - "der Gier des Fremdenverkehrs" geopfert wurden. Auch der Zirkusbrand von Hartford ließe sich - in Hinblick auf die unterbliebenen Sicherheitsüberprüfungen - ähnlich zuspitzen, aber O'Nan verzichtet darauf. Die Ursache des Feuers - Brandstiftung gilt als sehr wahrscheinlich - ist bis heute nicht restlos geklärt. Der Materie selbst hat sich der Autor nur zögerlich genähert. Als er selbst nach Hartford zog und sich in der Bibliothek ein Buch "über die größte Katastrophe in der Geschichte des Staates Connecticut" ausleihen wollte, wurde ihm mitgeteilt, dass es keines gebe. Lakonischer Kommentar des Autors: "Das fand ich nicht richtig."

Also ging O'Nan daran, diese Lücke zu schließen. Wobei er - bei einem ähnlichen Thema - genau den entgegengesetzten Weg ging, den Elfriede Jelinek mit ihren beiden zitierten Stücken beschritten hat. "Es wäre obszön gewesen, wenn ich das Schicksal dieser Leute recherchiert und sie sozusagen als reale Figuren verwendet hätte. Ich habe ganz bewusst rein fiktive verwendet, das verwendete Material sind alles Diskursfetzen", erklärte die Autorin im Interview. Stewart O'Nan sieht es genau umgekehrt: Befragt, warum er keinen Roman über den Zirkusbrand schriebe, meinte er: "Die Frage überraschte mich; daran hatte ich nie gedacht. Als ich intensiver zu recherchieren begann, entdeckte ich, dass meine Entscheidung aus einem einfachen Grund richtig war: weil die Wahrheit oft seltsamer ist als jeder Roman." Der Autor des "Zirkusbrandes" will es genau wissen, und er breitet dieses Wissen in allen Details vor uns aus, auch wenn kein Leser imstande ist, die 34 "Hauptpersonen" des Buches überhaupt auseinander zu halten, geschweige denn im Fortgang der streng in synchronen Schnitten erzählten Ereignisse im Auge zu behalten.

Und weil es Stewart O'Nan wirklich genau wissen will, traut er auch den Berichten der Zeitzeugen nicht vorbehaltlos (es ist sozusagen das Privileg der "Nachgeborenen", es besser wissen zu können - ohne dass sich daraus eine moralische Überlegenheit ableiten ließe): Seine Gesprächspartner erinnerten sich zum Beispiel daran, am Tag des Brandes mit der Straßenbahn gefahren zu sein - die freilich schon drei Jahre davor eingestellt worden war; andere wollten sich bis ins Detail an einen Absturz der Hochseilartisten erinnern - der allerdings nie stattgefunden hatte.

"Der Zirkusbrand" geht über die - möglichst detailgenaue - Rekonstruktion eines Unglücks hinaus. Er inkludiert auch die Geschichte des Erinnerns und Gedenkens an dieses Unglück, und er registriert - in einer Art empathischem Positivismus - das Spektrum jener Handlungen, die zusammen so etwas wie ein anthropologisches Raster ergeben: So kann der Mensch sein! Er kann Kinder von der Tribüne stoßen und sich nach ihren Kindern bückende Mütter überrennen, um selbst möglichst schnell aus dem brennenden Zelt zu kommen; er kann sich aber auch selbstlos in Gefahr begeben, um andere zu retten.

Wolfgang Paterno in FALTER 15/2003 vom 11.04.2003 (S. 71)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Närrin (Svetlana Vasilenko, Esther Kinsky)
Papiertiger (Radek Knapp)
Der Zirkusbrand (Thomas Gunkel)
Im Spinnenhaus (Kerstin Hensel)
In den Alpen (Elfriede Jelinek)
Bruchlandungen (Martin Bruch)

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