Manchmal sehe ich am Himmel einen endlos weiten Strand

von Katharina Faber

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Verlag: bilgerverlag
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 13/2003

Für "Manchmal sehe ich am Himmel einen endlos weiten Strand" wurde Katharina Faber mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet.

Nach so vielen Jahren vermisse ich dich noch immer und immer wieder, und ich suche dich morgens mit geschlossenen Augen." Auf den romantischen Eingangssatz von Katharina Fabers Romanerstling "Manchmal sehe ich am Himmel einen endlos weiten Strand" (der Titel ist ein Rimbaud-Zitat) folgt sogleich die Ernüchertung. "Sie sagte dann manchmal, so ein schönes blondes Erwachen jeden Morgen, und schon hatten wir wieder Streit." Das sind nur zwei der unzähligen Stimmen eines polyphonen Romankosmos, der ohne einen einzigen wirklichen Dialog auskommt: jene der Protagonistin Darja Savary, Besitzerin von Montadour Cyclo Comp., einer Autogarage in einer südfranzösischen Kleinstadt mit zunehmenden Finanzproblemen, und die von Mathias Staritz, Student aus Deutschland, Vater des gemeinsamen Sohnes Grégoire, der nach einer unglücklichen Liebesgeschichte mit Darja im Drogenrausch ins Meer geht.

Das war vor dreißig Jahren, und Mathias ist nur eines der Objekte vergangener Begierden auf dem Trümmerhaufen von Darjas Leben. Viktor Ortlieb, Ehemann und Vater von Victoire, vor dem die Zürcherin Darja nach Südfrankreich floh, starb vor zehn Jahren bei einem Autounfall: Darja hatte sein Auto manipuliert. Außerdem ist da noch Rudolphe Blanchard (seit sechs Jahren tot), nicht nur Darjas Liebhaber, sondern auch der ihres Sohnes und - last but not least - Georges Delevre, Mechaniker und Exlover, dessen Selbstmordversuch misslingt. Die eigentliche Geschichte handelt von Darja und Alain, einem aus der Psychiatrie entflohenen Mörder, den sie beim Versuch, ihr Auto zu klauen, ertappt hat und mit dem sie ein Jahr lang zusammenlebt. Mit ihm hat Darja ein unausgesprochenes Agreement: Sie will von seiner Geschichte ebenso wenig wissen wie er von der ihren - Mörder, Hoffnung der Frauen. Zwar hilft ihr das über ihre immer bedrängendere Vergangenheit nicht hinweg - "seit Alain im Haus ist, denke ich ein ums andere Mal an Mathias, wenn ich Alain in den Armen habe, möchte ich zu Mathias zurück, ich fahre Mathias über den Rücken und höre Alain seufzen, dann fällt mir Rudolphe ein" - aber sie hat Sex und entwickelt Zuneigung. Alain kocht, interessiert sich für nichts, Darja versinkt unaufhaltsam im Strudel ihrer Erinnerungen, die sie nicht im Alkohol zu ertränken vermag, und wird für ihre Umgebung gänzlich unfassbar: "Sie lebt in einem Freiheitsrausch (...) niemand kann sagen, ob sie überhaupt jemand zugehört hat."

Der Exzess der Freiheit wird vom Bankrott der Autofirma begleitet. Das drehbuchartige Finale: Grégoire klärt die Mutter über die Mördervergangenheit ihres Geliebten auf ("er kann dich vögeln wie er will, er bleibt ein Fremder ..."); die Tochter Victoires kündigt ihre Heimkehr an ("ich bin in Lebensverzug geraten durch die vielen Männer"); und Alain, der mittlerweile mit Darja tut, was er will, verlässt sie. Ein letztes Aufbäumen gegen den Verlust ihrerseits schlägt fehl: Alain geht weg, und sie wird auf ihre Mutterrolle zurückgeworfen.

Was an Katharina Fabers aus dem Vollen schöpfenden Roman verblüfft, ist der Umstand, dass sich der Leser trotz der Rasanz der Erzählung (die Sätze sind mitunter mehrere Seiten lang), und trotz der raschen Sprünge zwischen den gut drei Dutzend Figuren nie im Chaos verliert. Im Gegenteil: Es entsteht ein beklemmendes, spannend zu lesendes Bild einer absolut entfremdeten Gesellschaft mit zunehmend apokalpytischen Zügen - dabei sieht alles ganz normal aus.

Dass Katharina Faber mit diesem gewaltigen Monolog, in dem nicht einmal die eingestreuten "politischen" Statements (über die französische Résistance, über Deutschland oder die Opfer des Neoliberalismus) aufgesetzt wirken, einen großen und absolut zeitgemäßen Roman geschrieben hat, steht außer Zweifel. Wofür sie von der Jury der Rauriser Literaturtage gerechterweise auch mit dem Preis für das beste deutschsprachige Prosadebüt des Jahres 2002 ausgezeichnet wurde.

Erich Klein in FALTER 13/2003 vom 28.03.2003 (S. 63)


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