Sklaven der Einsamkeit

von Patrick Hamilton

Derzeit nicht lieferbar

Übersetzung: Miriam Mandelkow
Verlag: Dörlemann
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 360 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.02.2006

Rezension aus FALTER 25/2006

Bände mit Erzählungen und Kurzgeschichten werden vor allem im deutschen Sprachraum ungern gelesen. Ein Rie-sen-feh-ler! Die "Wyoming Stories" von Annie Proulx, die nun im Windschatten des Filmerfolges unter dem Titel "Brokeback Mountain" als Taschenbuch neu aufgelegt wurden, konfrontieren Bewohner emotional und meteorologisch temperierter Landstriche mit einer harten Welt - "Wetter und Weite, sonst nicht viel" -, in der man schnell einmal erfroren, ertrunken, kastriert oder sonst wie zu Tode gebracht wird. Sporenschmiede, schwule Cowboys und sprechende Traktoren interessieren Sie nicht? Tun sie doch, jede Wette!

Aus gegebenem Anlass wird die Rubrik "Aufgeblättert" einmalig durch einige persönliche Empfehlungen bereits besprochener Bücher ersetzt, die erneut ans Herz der Leser zu legen der Literaturredakteur nicht lassen kann. Bereits vor einem Jahr hat der Zürcher Dörlemann Verlag den wunderbaren und todtraurigen Trinkerroman "Hangover Square" erstmals in deutscher Übersetzung herausgebracht und damit dem britischen Autor Patrick Hamilton (1904-1962) zu verdientem Nachruhm verholfen. Der nun nachgeschobene, 1947 im englischen Original erschienene Roman "Sklaven der Einsamkeit" steht seinem Vorgänger in nichts nach. Er schildert die Zeiten des Blitz in der englischen Provinz, wo sich in trüber Routine im Rosamund-Tearoom ein wahres Inferno an sozialen und amourösen Kleinkriegen entspinnt. Hamilton ist ein gnaden-, aber keineswegs mitleidloser Beobachter, der auch noch peripheren Figuren große Auftritte zugesteht: Die Beschreibung von Miss Steele auf Seite 30ff. etwa sei allen anthropologisierenden Apologeten des bösen Blicks als Remedium empfohlen.

Auch zur Entdeckung freigegeben ist Richard Yates (1926-1992), der mit "Elf Arten der Einamkeit" vor 44 Jahren ein Buch vorgelegt hat, dessen diskreter erzählerischer Intelligenz nach wie vor nur ganz, ganz wenige das Wasser reichen können: Geschichten, die sich mit der Institution der Schule, des Spitals, der Ehe oder des Militärs befassen und Herz und Hirn gleichermaßen beschäftigen.

Klaus Nüchtern in FALTER 25/2006 vom 23.06.2006 (S. 24)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Elf Arten der Einsamkeit (Richard Yates, Hans Ulrich Wolf, Anette Grube)
Brokeback Mountain (Annie Proulx)

Rezension aus FALTER 11/2006

Das englische Fräulein

Patrick Hamiltons ebenso sarkastischer wie mitfühlender Roman "Sklaven der Einsamkeit" von 1947 beschreibt eine kleine englische Pension als Ort des beständigen sozialen Kleinkriegs.

Kaum zu glauben, dass "Sklaven der Einsamkeit" vor nun bald schon sechzig Jahren erschienen ist. Dieser Roman des englischen Autors Patrick Hamilton (1904-1962), der jetzt in Miriam Mandelkows Übersetzung im kleinen, literarisch ambitionierten Züricher Verlag Dörlemann auf Deutsch vorliegt, ist nämlich von einer geradezu unheimlichen Frische. Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil er vom abgestandenen, aus den Fugen geratenen, in die Hoffnungslosigkeit driftenden Leben in einer englischen Pension zur Zeit des Zweiten Weltkriegs berichtet. Die Pension Rosamund Tea-Room liegt in Thames Lockdon, einem fiktiven Ort, "halb Dorf, halb Stadt", nur wenige Eisenbahnstunden von London entfernt. Vorbild ist Henley an der Themse, in das sich der Autor während des Weltkriegs aus London zurückgezogen hatte.

Es ist also der Erzählton, dem es gelingt, diese Obdachlosigkeit unter einem bezahlten Obdach zu einem Anliegen des Lesers zu machen. Mit stupender Leichtigkeit und hoch entwickeltem Sarkasmus, der jedoch - anders als besorgte Ernsthafte und Korrekte fürchten - Mitgefühl nicht ausschließt, wohl aber das hohle Pathos punktiert, versteht es Hamilton, die spezielle Atmosphäre von Rosamund Tea-Room zu erzeugen, der seit Kriegsbeginn von Mrs. Payne als Pension geführt wird. Die Evakuierungen, Folge der Bombardierungen Londons, werfen für die geldfixierte Besitzerin also Kriegsgewinne ab. Sie bringen ihr fortwährend neue zahlende Gäste ins Haus, an beziehungsweise von denen sich die schriftlich fixierten und erst recht die ungeschriebenen Regulative des Hauses biegsam und zugleich unverrückbar bestätigen lassen. Allein die Sitzordnung im Salon gehorcht einer für Novizen uneinsehbaren Taktik der kleinen und umso zermürbenderen Schikanen. Blickregime, Tonfälle, Sprechweisen akkordieren diese Gesetze der Bosheit und des Austricksens.

Zu den neu Angekommenen gehört auch Miss Roach, deren Wohnung in Kensington ausgebombt wurde. Sie ist 39 Jahre alt und arbeitet in einem Londoner Verlag, nachdem sie die Qualen und Quälereien des Schuldiensts quittiert hatte. Ihrer Perspektive ist der Roman weitgehend verpflichtet, doch hindert das den Erzähler keineswegs, diese Sicht ironisch zu kommentieren, wie bereits ihr illusionsloses Selbstbild vor dem Spiegel beweist: "Sie hatte, das wusste sie, den Teint einer Bauersfrau und das Gesicht eines Vogels. Auch die Augen hatten etwas Vogelartiges, schwarzbraun, schimmernd, sanft, beschwörend, ratlos. Das Haar, von unbestimmtem Braun, trug sie in der Mitte gescheitelt. Sie war erst neununddreißig, doch hätte man sie für fünfundvierzig halten können. Sie hatte schon vor Jahren jede ,Hoffnung' aufgegeben. Im Grunde hatte sie nie ,Hoffnungen' gehabt. Wie so viele ihresgleichen - die Hoffnungslosen - war sie zu liebenswürdig und zu bemüht in Gesellschaft und im Gespräch und erweckte daher zuweilen den ganz unzutreffenden Eindruck der Vornehmheit."

In der Pension erwarten sie, nicht ohne ihr Dazutun, Demütigungen und Schikanen - zuerst und vor allem in Gestalt des redseligen Mr. Thwaites. Dieses Scheusal von einem alten Mann "zwischen sechzig und siebzig" wird nicht minder prägnant eingeführt: "In den trägen, doch wachsamen braunen Augen, in seinem Gang und seiner Stimme lagen die Standhaftigkeit, die Selbstzufriedenheit, die träumerische, geradezu traumwandlerische Sicherheit dessen, der sein Leben lang auf den Gefühlen anderer herumgetrampelt ist."

Das Ritual der Erniedrigungen, das dieser "Präsident der Hölle" inszeniert, braucht natürlich seine Statisten, Claqueure, Zwischenträger und feige Schweigende. Dynamik entsteht in diesem Roman, der ohne handlungsstarke Geschichte auskommt, vor allem durch die sporadische Anwesenheit von amerikanischen Soldaten; insbesondere ist dafür ein Lieutenant verantwortlich, seines Zeichens ein Trunkenbold und ein eben so plumper wie unermüdlicher Schürzenjäger. Von seinen in keinem Fall erotisch zu nennenden Avancen ist Miss Roach nicht ausgenommen. Nicht untypisch für Desillusionierte nimmt sie diese ernst, obwohl sie dies hinter einem Schild von Vorbehalten und herablassenden Distanzierungen gegenüber diese unraffinierten amerikanischen Provinzler auch gut verbirgt, wenigstens vor sich selber. Sein Heiratsversprechen, das er, wie sich am Ende herausstellt, so ziemlich jeder Frau im Umkreis gegeben hat, lockte immerhin mit einer Wäscherei eines Kaffs in Pennsylvania. Und obwohl ihn Miss Roach längst wieder aufgegeben hat, meint sie doch im Stillen, dass der Heiratsantrag, den sie von ihm bekommen hatte, der einzig ehrlich gemeinte gewesen sei.

Die Leiden des englischen Fräuleins steigern sich rapide, als die deutsche Bekannte Vicki Kugelmann in die Pension einzieht. Mit perfidem Kalkül machte diese sich Mr. Thwaites nicht nur zu ihrem Verbündeten, sondern auch zu ihrem Verehrer. Der Spott und Hohn für Miss Roach ist ein gutes soziales Bindemittel für die deutsche Außenseiterin, die mühelos die Führung in der Pension übernimmt (was wohl auch als politischer Sarkasmus des Autors zu verstehen ist).

Der Roman endet als perfektes Melodram, geht also glimpflich aus für Mrs. Roach: Als Erbin von 500 Pfund finden wir sie, die überstürzt aus der Pension ausgezogen ist, vorübergehend im noblen Londoner Hotel Claridge untergebracht, mit Aussicht auf eine Wohnung in der Hauptstadt. Abgesehen einmal von diesem Romanende, das Verächter des Melodrams wohl nur im Kino genießen können, ist dieser Roman ebenso intelligent wie - auf hellsichtig-melancholische Weise - unterhaltend.

Karl Wagner in FALTER 11/2006 vom 17.03.2006 (S. 27)


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