Sonderstab Musik
Organisierte Plünderungen in Westeuropa 1940-45

von Willem de Vries

€ 25,80
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Vorwort: Fred K Prieberg
Verlag: Dittrich
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/20. Jahrhundert (bis 1945)
Umfang: 384 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.1998

Das Buch behandelt einen düsteren Aspekt der Musikpolitik im NS-Staat: Die Tätigkeit des berüchtigten Einsatzstabes Rosenberg und seines 'Sonderstab Musik' vor allem in Frankreich während der Okkupation durch die Wehrmacht. Die Musikwissenschaft der Bundesrepublik hat sich fünfzig Jahre lang um dieses Thema herumgedrückt – nur wegen einiger sogenannter Koryphäen, die mittlerweile oder immer noch den Ton angaben und daher zu schonen waren. Der Autor Willem de Vries scheut sich nicht, alle die Namen zu nennen, bis fast zur letzten Sekretärin. Er tut das sachlich und ohne daß der gerissenste Rechtsanwalt hier einen Ansatzpunkt für juristische Aktion entdecken würde. Einer der Tatbeteiligten, der jüngste der Uberlebenden, hatte de Vries bereits im Vorfeld der Arbeit mit Klage gedroht. Geboren 1939 in Amsterdam. 20 Jahre Redakteur und Produktionsleiter im Verlag 'Excerpta Medica' 1984 Studium der Musikwissenschaft 1991-93 Dozent an der Universität in Amsterdam, spezialisiert auf Darius Milhaud/Französische Musik Seit 1993 Redakteur für die Fernseh- Live-Sendung 'Reisender in der Musik' Seit 30 Jahren beschäftigt sich Willem de Vries intensiv mit dem 2. Weltkrieg.

Rezension aus FALTER 12/1999

Braune Tone

Musik als unpolitische Kunst? Musikwissenschaftler also als unpolitische Forscher, unschuldig nur den hehren, tonend bewegten Formen verpflichtet? So sauber, wie die deutsche und osterreichische Musikwissenschaft ihr Image nach dem Zweiten Weltkrieg gepflegt hat, war die Realität während der Zeit der NS-Diktatur nie. Lediglich die Legende eben von der "unpolitischen Kunst" Musik mag jenen dabei geholfen haben, eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte zu verhindern, die wußten, was deren Ergebnis werden würde.
Über 50 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft ist nun erstmals ein Buch erschienen, das die Rolle der Musikwissenschaft während des Dritten Reiches an einigen Beispielen untersucht. Der holländische Musikwissenschaftler und -journalist Willem de Vries weist in "Sonderstab Musik. Organisierte Plünderungen in Westeuropa 1940-45" ausführlich nach, inwieweit Musikwissenschaftler wie Herbert Gerigk und Wolfgang Boetticher (beide auch nach dem Krieg noch anerkannte Forscher) in die Enteignungen und Plünderungen des Sonderstabs Musik - einer Kommandoeinheit des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg (ERR) - verwickelt waren und sich an ihnen bereicherten, ohne je an Rückgabe zu denken - exemplarisch geschildert am Privatbesitz des Komponisten Darius Milhaud und der Pianistin Wanda Landowska.
De Vries beschreibt aber auch die Strukturen deutscher Musikpolitik von 1928 bis 1945, schildert die involvierten Institutionen und zeigt, wiederum exemplarisch, den erschreckend hohen Grad auf, in dem sich die Forschung in den Dienst nationalsozialistischer Kulturpolitik nehmen ließ - etwa durch Verfälschungen von Briefen Robert Schumanns im Sinne einer rassenreinen Geschichte oder durch die Erstellung eines "Lexikons der Juden in der Musik" -, inklusive Autorenkontinuität bis weit in die Nachkriegszeit. Von einer umfassenden Aufarbeitung kann also noch keine Rede sein; umso mehr gibt Willem de Vries' Untersuchung nun auch für die Musikwissenschaft Anlaß, sich grundlegend mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzten.

Carsten Fastner in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 34)


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