Popkulturtheorie

von Jochen Bonz

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Verlag: Ventil
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Die Textsammlung "Popkulturtheorie" und das HipHop-Kompendium "American Rap" aus dem Mainzer Ventil-Verlag versprechen mehr, als sie letztlich halten.

Der kleine Ventil-Verlag hat sich in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten deutschen Adresse für die diskursive Auseinandersetzung mit der Popkultur entwickelt. Neben einer Reihe einschlägiger Veröffentlichungen publiziert der Verlag auch das halbjährlich in Buchform erscheinende Musikmagazin Testcard. Bei aller Wertschätzung für diese Arbeit wird die Qualität der jeweiligen Texte den selbst formulierten Ansprüchen indes nicht immer ganz gerecht.

Wer sich bei dem von Jochen Bonz herausgegebenen Reader "Popkulturtheorie" etwa den im Ankündigungstext versprochenen "Überblick über die jüngsten Forschungsansätze in den Bereichen Cultural Studies und Poptheorie" erwartet, wird bei der Lektüre eher enttäuscht. Der einstige politische Anspruch der Cultural Studies tritt hier weitgehend in den Hintergrund, und "Poptheorie" verkommt einmal mehr zum schwammig-schicken Begriff.

Dementsprechend kann man die im Vorwort gepriesene thematische Vielfalt der acht Beiträge auch als euphemistische Deutung ihrer Beliebigkeit kritisieren. Die Inhalte reichen jedenfalls von einer Untersuchung der Wechselwirkung zwischen dem Theaterstück "Die neuen Leiden des jungen W." und der Jeansproduktion in der DDR der frühen Siebzigerjahre über den Bericht zu einer ethnographischen Studie zur Formierung einer Punksubkultur in einem slowenischen Dorf bis hin zu einer von Lacan und Freud inspirierten Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von jungen Frauen zum Pop. Dass dieses Nebeneinander nicht wirklich als schlüssig erscheint, fällt dabei weniger ins Gewicht als die qualitative Schwankungsbreite der Beiträge, die teils kenntnisreich-unterhaltsam, teils schlicht haarspalterisch-ausgefallen sind. Auch "American Rap" von Jan Kage kann die Verlagsankündigung nicht wirklich einlösen - nämlich das derzeit aktuellste und umfassendste HipHop-Kompendium zu sein. Auf der Grundlage einer offensichtlich etwas schlampig redigierten Diplomarbeit verfolgt der deutsche Sozialwissenschaftler und Journalist die These, dass HipHop heute die kollektive Identität der afroamerikanischen Bevölkerung unter vierzig definiere. Abgesehen von der streckenweise etwas holprigen Schreibe des in einzelnen Details nicht immer ganz sattelfesten Autors oszilliert das Buch allzu unentschlossen zwischen einer streng wissenschaftlichen und einer populären Auseinandersetzung.

Seine eigentliche Chance wäre die Möglichkeit gewesen, ein kompaktes Einführungswerk in die weltweit erfolgreichste Jugendkultur der letzten zwanzig Jahre zu schaffen. Teile des Buches lösen dieses Vorhaben zwar ansatzweise ein; dem gegenüber stehen aber eine etwas mangelhafte Stringenz und der geringe Lesefluss. Und bei aller Bedeutung, die HipHop im Alltagsleben der jungen afroamerikanischen Bevölkerung zweifelsohne zukommt, basiert die Grundannahme des Autors schlichtweg auf einem in dieser Form nicht zulässigen Essenzialismus.

Weder lässt sich die Bedeutung von HipHop nämlich auf die afroamerikanische Bevölkerung der USA beschränken, noch kann diese individuell gewiss vielfach gegebene Bedeutung verallgemeinernd auf breite Teile dieser Bevölkerungsgruppe angewendet werden. Dabei blendet er den ganz profanen Aspekt von HipHop als Spielart der globalen Popkultur tendenziell gegenüber seiner sozialen und politischen Bedeutung aus. David Toops Buch "Rap Attack" bleibt somit als Grundlagenwerk zur HipHop-Kultur weiterhin unersetzlich.

Gerhard Stöger in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 38)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

American Rap (Jan Kage)

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