Kapitalismus als Religion

von Dirk Baecker

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Verlag: Kadmos
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Drei Mal Kapitalismus und retour: Robert Misik hat eine kluge Marx-Einführung vorgelegt, und zwei viel beachtete Sammelbände beschäftigen sich vor allem mit dem Für und weniger mit dem Wider der Marktwirtschaft.

Fakten, Fakten, Fakten - und immer an die Leser denken", tönte die Reklame für das deutsche Nachrichtenmagazin Focus. "Dass man sich gefälligst an die Fakten zu halten habe, ist das Postulat der vielen bunten Nachrichtenblätter, die das, was sie für Fakten halten, gerne in bunte Tabellen füllen", schreibt Robert Misik in "Marx für Eilige". Er bezeichnet diese Faktengeilheit der Journaille als "materialistischen Reflex", als eine Art "dumpfen Alltagsmarxismus, der beinahe zum gesunden Menschenverstand geworden ist". Zum Ausdruck vor allem bevorzugt von jenen Schreiberlingen, die sich das Scheitern des Realen Sozialismus am liebsten auf die eigenen Fahnen heften würden.

Robert Misik kennt sich aus mit derartigen Hakenschlägen der Dialektik. Sei es als ehemals umtriebiger Verfechter sozialistischer Alternativen, sei es als ehemaliger Außenpolitik-Chef von Format - einer Zeitschrift, die ihre Fakten ebenfalls gerne in bunte Tabellen füllt. Das Sein bestimmt eben auch beim Autor dieses klugen Büchleins das Bewusstsein, und Gassenhauer dieser Art sind es, die Karl Marx nach wie vor nicht totkriegen lassen. "Marx für Eilige" ist dann auch durchaus lebendig - und U-Bahn-kompatibel. Zwischen der U3-Station Kardinal-Nagl-Platz bis zur U4 in Meidling (einmal umsteigen) geht sich ein Einblick in die Marx'sche Ideologietheorie aus, ein Überblick über seine Geschichtsphilosophie braucht auch nicht viel länger. Letztere wurde von der politischen Linken seit Anbeginn und lange vor dem Urteil der Geschichte ob ihrer Zielgerichtetheit kritisiert, nicht zuletzt von der Gruppe Socialisme ou Barbarie im Frankreich der späten Fünfzigerjahre.

Diese auf Rosa Luxemburg zurückgehende Alternative bemüht auch die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Merkur - (pseudo-)provokant gewendet als "Kapitalismus oder Barbarei". Da der Kapitalismus doch gesiegt habe und von vielen westlichen Intellektuellen noch immer nicht geliebt werde, macht sich eine Schar von FAZ-, Zeit- und anderen Journalisten dazu auf, die zivilisatorische Macht des Kapitals zu herzen. Richard Herzinger etwa gedenkt der Manchesterliberalen als "Philanthropen und radikale(n) Demokraten, die ihren Einsatz für freie Märkte in einem untrennbaren Zusammenhang mit ihrem Anliegen sahen, die Armut zu bekämpfen". Jörg Lau singt im Gefolge Hegels ein Loblied auf die Freiheitsmomente der menschlichen Entfremdung, ohne die es "weder Fortschritt noch Bildung oder Esprit, sondern nur Stagnation und Dumpfheit" gebe.

Die Harald-Schmidt-Biografin Mariam Lau wiederum versteht mit dem kontinentaleuropäischen (oder neuerdings: kerneuropäischen) Antiliberalismus keinen Spaß und trifft bei ihren Nachforschungen über die Feinde der Freiheit auf eine illustre Schar, die von Rousseau bis Bourdieu, Habermas und Arundhati Roy reicht. Bei dieser Verteidigung des Kapitalismus gibt es zwar keine nennenswerten Ankläger mehr (Globalisierungskritiker à la Attac werden von den Merkur-Liberalen ebenso belächelt wie von Misiks Marx), aber jede Menge durchaus interessanter Anknüpfungspunkte.

"Kapitalismus als Religion" zu betrachten, bleibt einem anderen Buch vorbehalten: dem von dem deutschen Soziologen Dirk Baecker herausgegebenen gleichnamigen Werk. Ausgehend von einem Textfragment Walter Benjamins, in dem dieser die Grundzüge der religiösen Struktur des Kapitalismus skizziert, gehen Autoren wie der Medienwissenschaftler Norbert Bolz oder der Volkswirtschaftler Birger Priddat der heutigen Relevanz der Analysen nach. Apologetik steht bei Baecker & Co nicht im Vordergrund, dafür muss man wieder zum Merkur greifen, in dem es um die Freiheit geht, für die "der Kapitalismus das Mittel, nicht der Zweck" war, wie die Herausgeber schreiben.

Wessen Freiheit damit gemeint ist, wird schon beim ersten Blick klar: Während der Schriftzug "Kapitalismus oder Barbarei" auf dem Coverbild der "Zeitschrift für europäisches Denken" die nördliche Halbkugel unseres Planeten ziert (genauer: Nordamerika, nicht Europa), verschwindet der komplette Süden im Weichzeichner des Grafikprogramms. Einzig scharf sichtbar: ein großes Fragezeichen, das irgendwo in Südamerika beginnt - auch ein Faktum, bei dem an die freiheitsliebenden Leser gedacht wurde.

Lukas Wieselberg in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 30)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Marx für Eilige (Robert Misik )

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