Wunderkind Erjan

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Durch die Weite der Steppe Kasachstans fährt ratternd ein Zug. In ihm begegnen sich ein Reisender und Erjan, das Wunderkind. Der Knabe spielt mitten in dieser vom Zug durchquerten Einöde so virtuos auf seiner Violine, dass nicht nur dem Erzähler Hören und Sagen vergeht. Doch die Musik bleibt nicht das einzige Wunder. Denn der Junge, der aussieht wie zehn oder zwölf, ist in Wahrheit bereits ein Mann von 27 Jahren; als Kind tauchte er allen Warnungen zum Trotz in einen nuklear verseuchten See. Hamid Ismailov versetzt damit das Blechtrommel-Motiv des Immer-Kind-Bleibenden in die Einöde des von 486 Atombombentests verseuchten Kasachstan und gibt ihm eine herbe Intensität von tiefer Schönheit. Zwei Welten prallen darin aufeinander: die Weite und Einsamkeit der Steppe Kasachstans und die moderne Welt außerhalb davon – der Zug, der diese wie stehen gebliebene Welt täglich durchfährt, die Atomtests, die wie eine unsichtbare Macht die Natur und die Menschen verändern, die Musik, die einen anderen Rhythmus in Yerzhans Leben bringt.

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FALTER-Rezension

Geigenspiel und Weichenstellung

Vom Kaspischen Meer im Westen bis zur Mongolei im Osten breitet sich die kasachische Steppe als gespenstische Leere aus. Auf Satellitenbildern erkennt man Eisenbahnstrecken als feine graue Linien. In einem dieser Züge sitzt ein paar Tage schon ein Mann, als ein Kind durch den Waggon geht, das auf seiner Geige atemberaubend einen Ungarischen Tanz von Johannes Brahms spielt. Er will mit dem Jungen ins Gespräch kommen, doch die Antworten kommen patzig. Zuallererst will er einmal klarstellen, dass er Erjan heißt, kein Kind mehr ist, sondern 27 Jahre alt – was er mit seinen Papieren beweisen kann. Und dann erzählt er einen Tag und eine Nacht und noch einen Tag lang seine Geschichte.

Die beginnt in Qara-Shagan, zwei Häusern, die mitten in die Steppe gesetzt wurden – an der Stelle, wo es auf der eingleisigen Fernstrecke ein Ausweichgleis gibt, auf dem Schnellzüge Güterzüge überholen können. Erjans Großvater bediente die Weichen, in seinem Haus wuchs er auf, zusammen mit einer Handvoll Verwandten. Im anderen Gebäude wohnte eine Kollege des Großvaters sowie dessen Enkelin Aysulu. Der Großvater spielt die Dombira, eine Langhalslaute. Erjan, der schon in jungen Jahren als sein hoch begabter Schüler auffällt, hält sich damit aber nicht lange auf und sattelt auf die Geige um – unter Anleitung eines Bulgaren, der in der nahe gelegenen „Zona“ arbeitet. In atemberaubendem Tempo erlernt er internationales Konzertrepertoire, man nennt ihn fortan, und zwar auf Deutsch, das „Wunderkind“.

Als frühreif erweist sich Erjan aber nicht nur als Musiker, sondern auch in seiner Beziehung zu besagter Aysulu. Schon als Kinder kommen sich die beiden auf eine Weise nahe wie andere erst in den Jahren der Pubertät. Die beiden könnten als märchenhaftes Paar auch in den kasachischen Sagen vorkommen, die ihre Großmütter erzählen. Ihre Geschichte aber nimmt ein schlimmes Ende. Als Erjan zwölf Jahre alt ist, unternimmt die Schulklasse einen Ausflug in die „Zona“, in der wirklichen Welt das Atomwaffentestgelände von Semipalatinsk, wo zu Sowjetzeiten 468 Kernexplosionen stattfanden. In einem unbeobachteten Moment stürzt er sich in den „Toten See“, der angefüllt ist mit Schwerem Wasser, einem Rückstand der Atomexplosionen. Nach Monaten zeigen sich die Folgen: Er hat aufgehört, zu wachsen; Aysulu wird ihn bald um einen Kopf überragen. Das einst gefeierte Wunderkind ist jetzt ein Außenseiter, der sich in Fernzügen ein paar Rubel zusammenbetteln muss.

Hamid Ismailov, der seit langem in London lebt, wuchs selbst in Kasachstan auf und kennt die Welt dieses Wiedergängers von Oskar Matzerath, der seinen Mitreisenden auf einer endlosen Eisenbahnreise mit seiner Lebensgeschichte unterhält wie einst schon Posdyschew in Tolstois „Kreuzersonate“. Er verwandelt die Leere der kasachischen Steppe in einen magischen Raum der Ungleichzeitigkeiten, wo die Großmutter ihrem Enkel die Welt mit Sagen zu erklären versucht, während der Großvater als Agent der Moderne die Weichen stellt. Die Tiere sind den Menschen ganz nahe, spielen ihre feste Rolle in diversen Ritualen und verfügen über ein eigenes Wissen von der Welt, das sie freilich nicht preisgeben. Und aus der fernen DDR schickt immer mal wieder Dean Reed, Elvis Presleys Stellvertreter in den Staaten des Warschauer Pakts, Grüße in Erjans Kinderzimmer.

Über die Monotonie der Steppe legt sich ein vielgestaltiges kulturelles Patchwork, das Andreas Tretner in seiner für den Leipziger Preis nominierten Übersetzung geschickt und mutig nachbildet. Der Text selbst ist auf Russisch verfasst, aber in Gedichten, Eigennamen und Begriffen finden sich viele kasachische Einsprengsel, die er nur transkribiert (in einem Glossar findet sich dann die Übersetzung). So öffnet dieser Roman immer wieder Fenster in eine Welt, deren Archaik einer westeuropäischen Leserschaft auf faszinierende Weise unheimlich erscheinen mag – und weckt nun, da die Geister der UdSSR aus ihren Gräbern steigen, aber auch beklemmende Gefühle.

Tobias Heyl in Falter 11/2022 vom 18.03.2022 (S. 18)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheFriedenauer Presse
ISBN 9783932109980
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 03.03.2022
Umfang 150 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Friedenauer Presse
Übersetzung Andreas Tretner
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