Die Stadt verlassen

von Christine Angot, Christian Ruzicska

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Tropen
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 10/2002

Was nach Erscheinen des Skandalbuchs geschah, kann man in Angots neuem Roman "Die Stadt verlassen" nachlesen, der sich zu "Inzest" ungefähr so verhält wie die Spätausgabe von "Aktenzeichen XY" zur Hauptsendung: Die Autorin berichtet penibel vom Verlauf der Auflage und von ihren Reaktionen auf die Reaktionen von Betroffenen, Kritik und Leserschaft. "Ein verrückter Schriftsteller ist ein Widerspruch in sich", stellt Angot klar, sie vergleicht ihre Situation mit antiken Tragödienhelden (Ödipus, Antigone) und fragt sich das ganze Buch hindurch, ob sie ihre Heimatstadt verlassen soll (tatsächlich ist sie mittlerweile von Montpellier nach Paris übersiedelt). So wie ein Skandal oft spannender ist als sein Gegenstand, so ist paradoxerweise auch "Die Stadt verlassen" interessanter als jenes Buch, ohne das es nicht hätte geschrieben werden können.Die französische Literaturszene kam in den vergangenen Jahren nicht zur Ruhe: Ein "Aufreger" jagte den anderen. Zwischen den ersten Büchern von Michel Houellebecq (Thema: zu wenig Sex) und Catherine Millet (Thema: sehr viel Sex) erregte 1999 ein Werk mit dem lapidaren Titel "Inzest" die Gemüter. Der siebente Roman der 1959 geborenen Christine Angot war ihr erster Bestseller: Sex sells, "verbotener" Sex erst recht. Über weite Strecken ist das Buch allerdings der innere Monolog einer Frau, die eine für alle Beteiligten - auch den Leser - anstrengende Liebesbeziehung mit einer Ärztin durchleidet. Um ihre neurotischen Zustände zu erklären, berichtet Angot (die sich nicht hinter einer Erzählfigur verbirgt) schließlich davon, dass sie vom 14. bis zum 16. Lebensjahr ein sexuelles Verhältnis mit ihrem Vater hatte. Das Buch liest sich einerseits schmerzhaft selbsttherapeutisch, andererseits macht Angot immer wieder auch den literarischen Vorgang zum Thema - Selbstkritik inklusive: "Ich bin nicht Nietzsche, ich bin nicht Nijinski, ich bin nicht Artaud, ich bin nicht Genet, ich bin Christine Angot, ich habe die Mittel, die ich habe, und damit basta."

Wolfgang Kralicek in FALTER 10/2002 vom 08.03.2002 (S. 65)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Inzest (Christine Angot, Christian Ruzicska)

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