Menschen und Superhelden

von Jonathan Lethem, Michael Zöllner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Tropen
Erscheinungsdatum: 01.01.2005

Rezension aus FALTER 42/2005

Dann sind wir Helden

Der US-Amerikaner Jonathan Lethem transformiert Trash- und Popzutaten in Hochliteratur.

Gäbe es in der Literatur immer gleich umgehend Gerechtigkeit, der aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn stammende Jonathan Lethem müsste längst ein Star vom Range seiner US-Vornamenskollegen Franzen ("Die Korrekturen") und Foer ("Alles ist erleuchtet") sein. Stattdessen ist er auch nach mehreren großen Romanen wie zuletzt "Die Festung der Einsamkeit" immer noch ein Geheimtipp.
Der Weg zu Anerkennung und Erfolg führt bisweilen über seltsame Pfade. Kaum einer weiß das besser als der 41-jährige Lethem. Es ist die Spezialität des New Yorkers, sich in seinen Büchern übel beleumundeter Genres aus dem Groschenromanmilieu anzunehmen und diese mit hochliterarischen Elementen und großem erzählerischem Können zu ungewöhnlichen, halb fantastischen, halb realistischen Romanen zu verarbeiten. Lethem befindet sich damit in der besten Gesellschaft etwa eines Kurt Vonnegut ("Schlachthof 5"), der wegen seiner Sprünge zwischen Hoch- und Popkultur lange Jahre missverstanden und unterschätzt wurde.
Zur Literatur gekommen ist Jonathan Lethem relativ spät, als er im Alter von dreißig Jahren mit nichts als einem abgebrochenen Kunststudium in der Tasche von der Westküste nach New York zurückkehrte. Motor fürs Schreiben war der frühe Tod seiner Mutter, den er durch einen Roman bewältigen wollte. Allerdings erwies sich der Stoff als höchst problematisch, und Lethem schrieb erst eine Reihe semitrashiger Romane, die auf die Tradition der hard-boiled novel, auf Science-Fiction à la Philip K. Dick, auf Comics und Popmusik zurückgriffen und denen nichts heilig war.
Das Debüt "Knarre mit Begleitmusik" (lang nur in einer inferioren Heyne-Taschenbuchfassung lieferbar, jetzt als "Der kurze Schlaf" in neuer Übersetzung erhältlich) ließ mit seinem absurden Plot und wunderlichen Figuren zumindest schon eine ausufernde Fantasie erahnen. Dass Lethem nicht nur das Absurde beherrscht, zeigten die folgenden Romane wie "Als sie über den Tisch kletterte", die schräge, aber auch bewegende Geschichte einer jungen Physikerin, die sich in ein schwarzes, alles verschlingendes Loch verliebt. Hier tauchte auch erstmals die Abwesenheit der Mutter als Motiv in Lethems Jahr für Jahr anwachsendem Werk auf.
Im deutschsprachigen Raum ist Jonathan Lethem seit seinem US-Durchbruch "Motherless Brooklyn" präsent, das 2000 von der American Library Association zum Buch des Jahres gewählt und mit dem National Book Critics Circle Award ausgezeichnet wurde. Der kleine Kölner Tropen Verlag nutzte die Chance, das Buch den großen Verlagshäusern wegzuschnappen und die tragikomische Geschichte von einem unter dem Tourettesyndrom leidenden Privatdetektiv in deutscher Übersetzung herauszubringen. Seitdem ist bei Tropen jährlich ein neues Lethem-Buch erschienen, in dem Stammübersetzer Michael Zöllner die Nuancen des talentierten Stilisten immer besser trifft.
Den bisherigen Höhe- und möglicherweise auch Wendepunkt im Schaffen des Autors stellt das vergangenen Herbst auf Deutsch erschienene Romanmonster "Die Festung der Einsamkeit" dar. Hier verzichtet Lethem weitgehend auf fantastische Elemente und überrascht mit der einfühlsamen Erzählung einer oder besser: seiner Jugendgeschichte aus Brooklyn, denn hinter der Hauptfigur Dylan verbirgt sich zu weiten Teilen der junge Jonathan Lethem.
Mit seinen bohemistischen Eltern wächst Dylan/Jonathan in einer heruntergekommenen Ecke von Brooklyn auf. Die Familie gehört zu den ersten Teilnehmern an einer Aktion, die weiße Familien in einem ausschließlich von Schwarzen bewohnten Viertel ansiedeln will. Der Bub wird von den schwarzen Nachbarskindern regelmäßig verprügelt und seiner Pausenbrote beraubt, verschweigt dies aber gegenüber seinen Eltern – auch weil er den Zorn der kids in der Straße versteht. Erst über die Liebe zur Musik, die wie ein Soundtrack über dem Roman schwebt, findet er einen Freund, den schwarzen Mingus. Dass Dylan am Ende als Musikjournalist Karriere macht, während Mingus crackabhängig wird, erweist sich als eine bittere, aber höchst glaubwürdige Pointe.

Dass Lethem nicht nur mit Romanen zu reüssieren vermag, beweist seine soeben erschienene Storysammlung, die erzählerisch virtuos, dabei aber immer auch sparsam und präzis Szenarien entwirft, in denen sich das Alltägliche und das Übernatürliche, das Komische und das Rührende auf wundersame Weise vermischen. "Menschen und Superhelden" geht auf Lethems Faible für Marvel-Comics und andere Aspekte der Popkultur zurück, die er mit vielen Männern seiner mit dem Erwachsenwerden hadernden Generation teilt. So lesen wir hier etwa von Vierzigjährigen, die tolle Jobs haben, im Geiste aber immer noch in den Superheldenkostümen ihrer Kindheit stecken.
Zurzeit nimmt sich Jonathan Lethem nach zehn Jahren rastloser Textproduktion eine kurze Auszeit, um über einen neuen Roman nachzudenken. Leisten kann er es sich: Ende September wurde ihm das begehrte MacArthur Fellowship (umgangssprachlich "Genie-Beihilfe" genannt) zugesprochen, ein mit 500.000 Dollar dotiertes Fünfjahresstipendium, an das keinerlei Verpflichtungen geknüpft sind. Lethem, der einige Jahre von der Hand in den Mund gelebt hat, wird es schon richtig zu nutzen wissen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 42/2005 vom 21.10.2005 (S. 29)


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