Legende

von Ronald M. Schernikau

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Verlag: ddp goldenbogen
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 27/1999

"der sozialismus ist da!"

Noch 1989 nahm der Schriftsteller Ronald M. Schernikau die DDR-Staatsbürgerschaft an. Acht Jahre nach seinem Tod versucht ein kleiner Dresdner Verlag nun, Schernikaus literarisches Vermächtnis, die 700 Seiten schwere "legende", auf den Markt zu bringen.

1. irgendwer hat den leuten eingeredet, wir alle müssen sterben. das ist natürlich völliger humbug.

2. keiner stirbt, wenn er nicht will, und jeder lebt, solange er weitermacht. das problem ist: die leute machen nicht.

Ronald M. Schernikau: "legende"

Der eine weiß das eine und der andere das andere. Ich bin Ronald M. Schernikau, ich komme aus Westberlin, ich bin seit 1. September 1989 DDR-Bürger, ich habe drei Bücher veröffentlicht, und ich bin Kommunist."

Mit diesen Worten begann der Genannte seine Rede auf dem Kongreß der Schriftsteller der DDR im März 1990, dem letzten seiner Art. Und nachdem der damals noch nicht dreißigjährige Schernikau die Genossen eindringlich auf die Leistungen des im Stadium der Selbstabschaffung befindlichen sozialistischen Staates aufmerksam gemacht ("Die BRD hat in ihren vierzig Jahren keinen einzigen Blankvers hervorgebracht") und sie für ihre Passivität gescholten hatte ("Was mich verblüfft, ist die vollkommene Wehrlosigkeit, mit der dem Westen Einlaß gewährt wird"), konstatierte er zum Abschluß seiner Ansprache trocken: "Am 9. November 1989 hat in Deutschland die Konterrevolution gesiegt. Ich glaube nicht, daß man ohne diese Erkenntnis in der Zukunft wird Bücher schreiben können."

Mit dem Schreiben hatte es der 1960 in Magdeburg geborene und 1966 mit seiner Mutter nach Westdeutschland übersiedelte Schernikau dann eilig. 1991, im Jahr seines Todes, notierte der an Aids Erkrankte, der mit seiner "Kleinstadtnovelle" (1980) einen der allerersten Coming-out-Texte im deutschen Sprachraum verfaßt hatte, in sein Tagebuch: "Sie müssen bedenken, daß ich gezwungen war, mein Spätwerk schon in den Dreißigern zu liefern." Wenn alles gutgeht, wird dieses Spätwerk noch heuer in den Buchhandel kommen. Um die Auflage der 700 Seiten starken "legende" aber vorfinanzieren zu können, hat sich der Dresdner Verlag ddp goldenbogen zu einer ungewöhnlichen Vorgehensweise entschlossen. Er bietet die "legende" in einer limitierten Subskriptionsauflage von 500 Stück zum Preis von DM 135,- an. Verkauft sie sich, sind die Produktionskosten gedeckt und die normale Ausgabe der "legende" (DM 65,-) kann gedruckt werden. "Wobei wir uns sicher nicht kleinlich geben", merkt Verlagsleiter Sigurd Goldenbogen an. "Wenn nur 450 verkauft sind, werden wir das trotzdem machen. Das Stückchen Restrisiko trägt der Verlag." 250 Stück der Sonderausgabe sind bereits subskribiert (u.a. auch von der österreichischen Schauspielerin Hilde Sochor), bis Ende August soll sich zeigen, ob es die "legende" geben wird.

Die ersten fünf Manuskripte der mit großer - bis zur Typografie reichender - Sorgfalt am Atari-Computer geschriebenen Manuskripte hat Schernikau noch selbst an die Verlage geschickt. Die Absagen erlebte er nicht mehr. Und abgesagt haben alle - "die ganze erste und zweite Garde", wie Thomas Keck, Schernikaus Lebensgefährte und Erbe, anmerkt. Für die Ablehnung mögen, wie Verleger Goldenbogen einräumt, "sehr, sehr verschiedene Motive" ausschlaggebend gewesen sein. Zu den ökonomischen und ästhetischen kommen aber sicher auch noch politische Gründe. "Es ist einfach nicht opportun", so Keck, "ein Werk zu bringen, das den Kernsatz enthält: ,Der Kommunismus wird siegen werden.'"

"Ein seltsamer Mensch, der Schernikau", erinnert sich Elfriede Jelinek, die ebenfalls erfolglos versucht hat, die "legende" bei einem großen Verlag, unter anderem bei ihrem Stammhaus Rowohlt, unterzubringen. Beim ersten und einzigen Treffen mit dem Schriftsteller hätte sie diesen "fast hinausgeschmissen": "Er ist plötzlich unangemeldet vor meinem Haus gestanden - und das ist so ziemlich das Schlimmste, was man mir antun kann." Geblieben ist der Eindruck eines unauflösbaren Gegensatzes: "Ich konnte ihn und was er geschrieben hat nicht in Übereinstimmung bringen - diesen dünnen, schüchternen, aber sozialistisch überzeugten Menschen mit dieser heiteren, schwerelosen Prosa." Durch die "seltsame Unbekümmertheit und Sorglosigkeit" von Schernikaus Texten fühlt sich Jelinek an die Literatur eines Rainald Goetz erinnert. Im Verlagsfolder schreibt sie dazu: "Schernikau will etwas erreichen, er kränkt nicht den Sinn, den etwas hat, während Goetz immer noch mehr Spaß will. (...) Goetz ist lustig, Schernikau keck. Sie verlangen beide etwas, ja, haben auch beide etwas zu bieten, der eine dröhnt, der andre will, daß es dröhnen soll, dafür haut er schließlich die ganze Zeit auf die Pauke."

Was immer da auch dröhnt, es ist die Anstrengung einer akribischen, über Jahre hin währenden Anstrengung. Schernikaus "legende", die sich nichts Geringeres als die Bibel zum Muster genommen hat, entstand zwischen 1983 und 1991. Zugrunde liegt ihr, wie Keck weiß, "eine ganz große Selbstdisziplinierung - schon was das Lesen und Sammeln von Material betrifft. Das hat jeden Tag mehrere Stunden in Anspruch genommen."

Schernikau sammelte alles. Nicht nur Werke von Elfriede Jelinek oder der verehrten Irmtraud Morgner fungierten als Zitatensteinbruch, auch "ganz, ganz viele Zeitungen - von den Schund- und Pornomagazinen bis hin zu Konkret, iD oder hochgradigen Fachmagazinen. Der Falter und die Volksstimme gehörten übrigens auch dazu", weiß Keck. Bevölkert wird die "legende" von Menschen, Halbgöttern und Göttern. Und die "halbgötter sind menschen, die als götter wiederkehren. um einer von den göttern zu werden, gilt es, sich einer prüfung zu unterziehen. die prüfung der götter ist die welt", heißt es in Vers 4 im ersten Buch des zweiten Teils der "legende", in der unter anderem die "ungeheure traurigkeit des späten kapitalismus" besungen wird.

Das geografische Zentrum der "legende" ist die "Insel" Westberlin: "wie das eigelb im spiegelei liegt die insel mitten im land. wie das spiegelei in der bratpfanne liegt das land in der welt." Zuallererst treten vier Götter namens fifi, kafau, stino und tete auf und müssen zunächst einmal des Schokoladenfabrikanten anton tattergreis' Liebling und Nachfolger janfilip geldsack retten, der traurig in seinem Privatjet sitzt ("leider gehört mir alles") und über seine Selbstabschaffung nachsinnt, die er durch Heirat mit einer Kommunistin zu bewerkstelligen hofft: "nicht als person, ich werde mich als kategorie vernichten. ich soll mich nicht mehr geben. es soll keinen mehr geben wie mich, niemals mehr."

Wer sich bei janfilip geldsack an Jan Philip Reemtsma erinnert fühlt, liegt nicht falsch, auch wenn diese Entschlüsselung, wie Thomas Keck betont, "so nicht aufgeht". Ebenso hätten "die vier Götter einen realen Hintergrund, den ich aber nur ungern verraten würde, um das Lesevergnügen nicht zu trüben. Es sind allesamt herausragende Personen der deutsch-deutschen Kultur und Geschichte, die in ihrem realen Leben aber nichts miteinander zu tun hatten."

Während sich beim Lesen der ersten 20 Manuskriptseiten dieses von Elfriede Jelinek "der Ecke des linken Schelmen-Romans" zugeordnete Werk in durchaus homogenem Tonfall präsentiert, lauern in weiterer Folge Brüche ohne Zahl. Unter anderem in die "legende" eingearbeitet wurden: diverse Essays, ein großer Monolog in Blankversen ("Die Frau im Kofferraum") und eine Kriminalkomödie in Stanzenform. Und Rückblenden. Rückblenden müssen sein, denn wie steht schon geschrieben in Vers acht des dritten Buchs des zweiten Teils: "schon an dieser stelle die erste rückblende, um den leser auf die übergroße komplitesse des erzählwerks vorsichtig vorzubereiten."

Klaus Nüchtern in FALTER 27/1999 vom 09.07.1999 (S. 58)


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