Geisterstimmen
Echoraum Literatur

von Christiaan L Hart Nibbrig

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Verlag: Velbrück
Format: Taschenbuch
Genre: Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft
Umfang: 136 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.03.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Wie man Bücher zum Sprechen bringt: In seinem ingeniösen Essay "Geisterstimmen" begreift der Germanist Christiaan L. Hart Nibbrig Literatur als eine Partitur, die im Lesenden ein Echo erzeugt.

Was will uns der Dichter damit sagen? Die dümmste alle Lehrerfragen wird zu einem vertrackten Vexierspiel, wenn man sie nur ein klein wenig anders stellt: Was will uns dieser Text sagen? Denn keine Rede davon, dass wir nur dort Stimmen hören, wo jemand spricht. Schon die Floskeln "Das sagt mir nichts" oder "Dies spricht mich an" unterstellen eine anonyme Rede, die uns erreichen oder verfehlen kann, ohne dass ein Subjekt deshalb Laute von sich geben muss. Und dennoch: Sollten Texte sprechen, mit welcher Stimme sprechen sie dann eigentlich? Und ist die Stimme als unverwechselbares Merkmal einer Person überhaupt geeignet, einem Text zugeordnet zu werden? Aber gilt nicht auch, dass wir jedem Text eine Stimme selbst dann verleihen, wenn wir ihn stumm für uns lesen? Wer also spricht zu uns, wenn wir ein Buch aufschlagen? Der an der Universität Lausanne lehrende Germanist Christiaan L. Hart Nibbrig hat diesen und ähnlichen Fragen nun einen ingeniösen Essay gewidmet: "Geisterstimmen". Der Titel deutet an, dass es um jene Stimmen geht, die nur mittelbar, gleichsam ohne Stimmwerkzeuge zu uns sprechen. Es geht um die faszinierende Frage, was geschieht, wenn wir literarische Texte als Partitur auffassen:"Wie aber hören wir die Stimme des Textes, wenn wir ihn als Partitur lesen, wie hören wir die gelesene Stimme im Text? Wie Rede und Wechselrede erzählter Figuren, wie die tonlose Vielstimmigkeit eines Gedichts, einer erzählerischen Komposition, den Rhythmus von Texten, ihr Tempo, ihre Pausen, ihre Diktion, ihren Tonfall, ihr Timbre, ob sie dröhnen oder flüstern, kurz: ihre Stimme?" Hart Nibbrig lauscht gleichsam der Stimme der Texte, wobei sich zentral die Frage nach dem Verhältnis von Stimme und Körper in die Ausgangslage der Überlegungen schiebt: "Die Affekte, die in der Stimme mitschwingen, verdanken sich einer Verabschiedung vom Körper, die ihr sein Mitschwingen auf den Weg gibt. Und so kann sie den Körper immer nur als verlorene Ganzheit, von der sie sich abgespalten hat, evozieren, insofern sie ihn, ihr Inneres, nach außen bringt als ihren Resonanzraum, als ihr Anderes setzt und sich als ihre Verschiedenheit von ihm." Das Faszinosum der Stimme besteht in ihrer Körperlosigkeit, die dennoch immer auf einen Körper verweist. Daraus ergibt sich die zentrale These dieser Untersuchung: "Von Stimme sprechen heißt dann: mit diesem Sprengstoffgemisch rechnen aus Körperlich- Körperlosem, unverfügbar gewordenem, luftig losgelöstem Eigenen. Heißt dann: von Echo sprechen. Und zugleich – von Literatur. Von nichts anderem."

Echoraum Literatur also. Literatur als Echo und als Vorgabe, die im Lesenden ein Echo erzeugt. Nicht der unmittelbare Laut, sondern der Klang, der wiederkehrt, sich wiederholt, weiterschwingt und sich in den Weiten der Deutungen verlieren mag, wird an den Partituren der literarischen Texte hörbar. Und gleichzeitig – und dem gilt der Schwerpunkt von Hart Nibbrigs Essay – thematisiert die Literatur selbst immer wieder die Stimme und ihre Resonanzmöglichkeiten. Die Geschichte der Nymphe Echo aus Ovids "Metamorphosen" steht am Anfang dieser Selbstbefragung. Echo hatte einst durch ihre betörende Stimme Juno abgelenkt, derweil sich Jupiter mit anderen Nymphen vergnügte; zur Strafe hatte Juno dann Echo dazu verurteilt, nichts eigenes mehr sagen zu können, sondern immer nur die letzten Worte eines Gehörten wiederholen zu müssen. Aus Gram über ihre unerfüllte Liebe zu Narziss verfällt Echos Leib, ihre Knochen werden zu Stein, aber ihre nachhallende Stimme erhält sich über ihren Tod hinaus: "Die akustische Repetition von Stimme geht, wenn auch auf tödliche Weise, gleichsam über den Körper als materiellen Träger von Stimme hinaus, und das beliebig gewordene Echo-Spiel der Laute, die aufhören, Träger von intendiertem Sinn zu sein, winken zurück über die Schwelle des Todes." Literatur als Echoraum: das ist auch eine Frage nach jenem Widerhall der Texte, durch den sie die physische Sterblichkeit transzendieren. Die vom Körper abgelöste, auf ein anderes Medium übertragene Stimme – die selbst im extremsten Fall "Medialität pur" sein kann – verweist auf die Möglichkeit einer Sprache, die jenseits der Menschen gesprochen wird: Geisterstimmen. Deren Spuren, wie sie sich im Mythos von Orpheus und in der Geschichte der Sirenen, in den akustischen Philosophien Nietzsches und Heideggers, in den Gedichten Eichendorffs und Baudelaires, in den Stimmen der Geister bei Shakespeare und E. T. A. Hoffmann und nicht zuletzt bei Franz Kafka und seiner Angst vor dem Telefon auffinden lassen, geht Hart Nibbrig mit Kenntnisreichtum, Akribie und einem wachen Ohr nach. Am Ende referiert Hart Nibbrig jene berühmte gegenläufige Begebenheit, in der eine Geisterstimme eine der grandiosesten Schreibarbeiten der Moderne auslöst: In Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" hört Marcel am Telefon die Stimme seiner Großmutter, sie erscheint ihm unangreifbar wie ein Gespenst, und als das Telefongespräch abbricht, ist es wie eine endgültige Trennung: "Daraus aber entspringt der Schreibimpuls, das ,gewaltige Bauwerk der Erinnerung' zu errichten, die Phantasietätigkeit, mit der Marcel nach dem Abbruch der Telefon-Beziehung in sich hineinlauscht." Nicht nur endet so der Essay mit dem Ausblick auf eine "Telefon-Poetik", er deutet auch an, dass dort, wo die Apparate verstummen, das Innere selbst noch einmal zu jenem Resonanzraum wird, in dem wir, wie vergeblich auch immer, auf das Echo einer Stimme warten.

Konrad Paul Liessmann in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 23)


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