Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich

von David Foster Wallace, Marcus Ingendaay

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: marebuchverlag
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 37/2002

Mit großformatigen Bildern und in einem kindlich-biblischen Sprachmix erzählt F.K. Waechter seine charmante Version der Weltenschöpfung: Am Anfang war demnach Tohuwabohu und Suppe. Und ein kleiner Mann mit Zylinder, der trotzig die Suppe auslöffelt, was in Folge zur Erschaffung der Weltmeere, des Windes, der Kontinente und einer kleinen Frau führt. Wie das alles möglich wurde, das verrät letztere indes nur ihrem Schöpfer. Ihrem vermeintlichen Schöpfer. Denn ganz am Anfang, noch vor dem Innentitel, da schöpfte schon die Frau: den Teller voller Suppe."Als sie einander vorgestellt wurden, machte er eine witzige Bemerkung in der Hoffnung, damit gut anzukommen. Sie lachte nachhaltig in der Hoffnung, damit gut anzukommen. Später fuhren sie getrennt nach Hause, den Blick starr geradeaus gerichtet und mit demselben verkrampften Ausdruck im Gesicht. Der Mann, der sie einander vorgestellt hatte, mochte eigentlich keinen von beiden besonders, tat jedoch so, weil er das gute Verhältnis nicht belasten wollte. Man konnte ja nie wissen, oder? Oder? Man konnte ja nie wissen."

Bemerkenswert, wie der gefeierte amerikanische Autor David Foster Wallace unter dem sinnigen Titel "Ein stark verkürzter Abriss des postindustriellen Lebenstils" mit einigen wenigen Sätzen die Ökonomie der modernen Beziehungswelt auf den Punkt bringt. Mit dieser Kürzest-Story öffnet sich effektvoll der Vorhang für den bemerkenswerten Reigen "Kurze Interviews mit fiesen Männern". Denn die Geschichten haben - mögen sie auch hinsichtlich Länge, Stil und Handlung stark variieren - alle ein gemeinsames Thema: die Leiden des Individuums an der globalisierten Massenkultur und Warenwelt.

Ob es um fiese Männer geht, die im Interview sprachmächtig von den eigenen Perversionen und über die Manipulation von Frauen sprechen, oder ob eine hoffnungslos depressive Person sich in eine fast schon Bernhard'sche Spirale des Schmerzes redet - Foster Wallace ist in seiner Story-Sammlung überall dort zur Stelle, wo es weh tut. Grandios etwa die aus der Perspektive der Frau erzählte Geschichte "Adult World", die vom Sexleben in einer Ehe handelt. Jahrelang ob des gequälten Gesichtsausdrucks ihres Mannes beim Liebesspiel über ihre horizontalen Fähigkeiten im Zweifel, sucht die Frau schließlich im Sex-Store "Adult World" nach Hilfsmitteln. Das Naheliegendste aber, nämlich Kommunikation mit dem Mann, der sich nachts verdächtig oft zum Studium des Yen-Kurses ins verschlossene Zimmer zurückzieht, findet in der Welt der Erwachsenen praktisch überhaupt nicht statt. Bis die Frau das Auto ihres Gatten vor dem ominösen Shop stehen sieht und endlich den nahe liegenden Schluss zieht, dass der Penis ihres Mannes nicht aufgrund unsachgemäßer Behandlung, sondern wegen exzessiver Onanie ständig wund ist.

Aber selbst diese Einsicht ändert so gut wie nichts: Statt das Gespräch zu suchen, leben die Ehepartner immer schweigsamer aneinander vorbei. Das gemeinsame Liebesleben wird sowieso auf ein Minimum reduziert, denn nach ihrer Entdeckung ist die Frau gleichfalls zur sexuellen Autistin geworden. Die beiden hatten, wie Foster Wallace in einem lakonischen Nachsatz zu dieser Beschreibung der privaten amerikanischen Hölle hinzufügt, "damit eine Ebene erreicht, auf der sie in aller Ruhe und mit gegenseitiger Achtung überlegen konnten, ob sie Kinder miteinander haben wollten."Als leichte Begleitlektüre empfiehlt sich Foster Wallaces kleines Buch "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich", das in der neu gegründeten Reihe "Geschichten vom Meer" im marebuchverlag erschienen ist. Hier gerät der Autor selbst in eine Ausnahmesituation, die ihn in Zweifel bezüglich der eigenen Identität stürzt. Von der Zeitschrift Harper's Magazine erhielt er den Auftrag, von einer Luxus-Kreuzfahrt zu berichten: "Alles, was sie wollen, behaupteten sie, sei eine persönliche Doku-Postkarte im Breitwandformat. Mit anderen Worten: Junge, lass dich feudal durch die Karibik schippern und schreib einfach auf, was du gesehen hast." Für einen Intellektuellen, der seine Zeit am liebsten in abgedunkelten Räumen verbringt, eine Grenzerfahrung: Den ganzen Tag über herrscht gute Laune per Verordnung, ein Blick hinter die Kulissen wird dem reisenden Autor von der dubiosen griechischen Schiffsführung verweigert, und die an Bord befindliche Bibliothek besteht ausschließlich aus Bildbänden.

Foster Wallace, der grundsätzlich vor keinem Kalauer zurückschreckt, widmet sich in "Schrecklich amüsant" vor allem den kleinen Absonderlichkeiten. So wundert er sich etwa darüber, warum seine Kabine immer dann aufgeräumt wird, wenn er sie länger als 30 Minuten verlässt. Woher weiß das Personal im Vorhinein, wann er wieder zurückkommen wird? Man will es lieber nicht wissen.

Foster Wallace beschreibt das Luxusschiff als eine Art Paralleluniversum, in dem die Neurotiker aus den "Kurzen Interviews mit fiesen Männern" Urlaub vom Alltag machen und von der Crew konsequenterweise rund um die Uhr wie unmündige Kleinkinder umsorgt werden. Denn das Hirn wird schon beim Begrüßungscocktail abgegeben: "Ich habe erwachsene US-Bürger aus dem gehobenen Mittelstand gehört, erfolgreiche Geschäftsleute, die am Info-Counter wissen wollten, ob man beim Schnorcheln nass wird, ob Skeetschießen im Freien stattfindet, ob die Crew ebenfalls an Bord schläft oder um welche Uhrzeit das Midnight-Buffet eröffnet wird."Obwohl die Texte von Thomas Bernhard teilweise so autobiografisch waren, dass sie beschlagnahmt wurden, blieb die Privatperson Thomas Bernhard stets ein Fremder. Der jetzt als Buch erschienene Katalog zu einer voriges Jahr zusammengestellten Ausstellung erhellt auf mehreren Ebenen den Zugang zum Autor: Einerseits werden Bernhards Beziehungen zu seinem Großvater Johannes Freumbichler und zu seinem "Lebensmenschen" Hedwig Stavianicek materialreich dokumentiert, andererseits enthält der Band teilweise unveröffentlichte Originalmanuskripte aus dem Nachlass - und tolle Fotos.Der Drang, einen Partner fürs Leben zu finden, macht krank. Zumindest in jener Literatur, die sich bei der Beschreibung von Paarungsvorgängen auf große Metaphern verlässt. Dabei passiert es immer wieder, dass ein Autor bei der Verbildlichung emotionaler Konstellationen gewaltig über die Stränge schlägt. Sina Fischer, Heldin aus dem Roman "Das Eis, das bricht" von Sabine Friedrich, überlebt nur knapp einen Überfall. Dass sie danach in ein langes Koma fällt, wird aber weniger als Unglück, denn als eine Chance, als Zeit der Läuterung dargestellt. Vor dem Überfall war Sina der Prototyp eines post-studentischen Singles. Es bedurfte wohl eines harten Schlags auf das Hirn, um ihre Reifung zum ehefähigen Weib einzuleiten. Als Sina aus dem Koma erwacht, wartet denn auch prompt ihr Mann für immer am Bettrand. Ein ordentlicher Schlag auf den Frauenkopf löst offenbar alle Probleme.Gewalt ist auch Moritz Than ausgesetzt, der Protagonist aus dem Debüt des Münchners Thomas Lang. Seine Geliebte hat Than sitzen lassen. Möglicherweise ist die unfreiwillige Trennung mit jenem geheimnisvollen Unfall identisch, der die Stummheit verschuldet hat - "Than" kann nicht sprechen. In der miniaturisierten Realität der Fraueninsel im Chiemsee will sich der Single von den Herausforderungen des Lebens erholen. Vergeblich. Lang hetzt seine allesamt emotional verwundeten, schwer an der Bürde einer beschädigten Biografie tragenden Figuren gegeneinander. Ein totes Kind liegt in beinahe jedem Haus. Durch den Mord an einem Jungen beginnt die Situation zu eskalieren. Die Insulaner erwählen sich den Stummen zum Sündenbock und schreiten zur Selbstjustiz, um sich selbst rein zu waschen. Gäbe es mehr Autoren, die mit schwierigen Metaphern so sicher jonglieren können wie Thomas Lang, niemand würde sich über die Behauptung mokieren, dass Krankheit und Partnerschaft verwandte Begriffe sind.Holocaust im Unterricht Wie können Lehrer Schülern die Schrecken des Holocaust begreiflich machen? Ein neu erschienener Band mit Texten von Politikwissenschaftern und Historikern und anderen Materialien für den Unterricht versucht, innovative Ansätze für Lehrende zu finden und gibt Anregungen für Schülerprojekte, durch die sich die Jugendlichen mit dem Nationalsozialismus auseinander setzen können. Zusätzlich bietet dieser Band eine Auflistung von CD-ROMs und Internetseiten zum Thema. Als Moderatoren sind Stermann und Grissemann auf dem Hörbuch "Sprechen Sie Österreichisch?" im Einsatz, das als akustische Ergänzung zum gleichnamigen Wörterbuch von Alfred Schierer und Thomas Zauner erschienen ist. In einem 45-minütigen Crashkurs demonstrieren Dialekt-Fachleute wie Dolores Schmidinger, Hansi Lang (Wien) oder Eberhard Forcher (Tirol), wie man am Würstelstand korrekt eine Bestellung aufgibt oder wie man österreichische Polizisten anredet ("Inspektor gibts kan"). (CD € 19,90)Die Herren Dirk Stermann und Christoph Grissemann sind nicht nur das erfolgreichste deutsch-österreichische Komiker-Duo seit Eduard Zimmermann und Peter Nidetzky, sondern auch ein Beispiel dafür, dass Witzemachen letztlich harte, ehrliche Arbeit ist. Wie viel Humor die beiden für ihre diversen Auftritte in Radio, Fernsehen und auf der Bühne tagaus, tagein produzieren, wird deutlich, wenn sie wieder ein Buch mit gesammelten Texten herausgeben. Der neue, bereits dritte Band heißt "Willkommen in der Ohrfeigenanstalt" und enthält unter anderem die "elf goldenen Regeln zur Gewichtsreduzierung" ("1. Vor Betreten der Waage Stuhlgang"), Tagebücher, Hörspiele und sogar Gedichte. Besonders anschaulich kommt ihr von solidem Sprachgefühl und Mut zur Geschmacklosigkeit geprägter Witz zum Ausdruck, wenn die beiden einander Nachrufe schreiben. "Es geht kein Großer von uns, mehr ein kleines Rädchen, aber jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied", schreibt Grissemann über Stermann. Dieser revanchiert sich, indem er sich für den Freund eine denkbar würdelose Todesart ausdenkt: "Christoph Mark Grissemann ging gestern von uns, nachdem er im Alkoholrausch an meinem Erbrochenen erstickt ist."Wer Kunstgeschichte studiert, will auch nur Sex: Hans-Ulrich Treichels Roman "Der irdische Amor".

Die kunsthistorischen Seminare gelten gemeinhin als die Zentren des erotischen Lebens einer Universität: Junge Damen werden dort vermutet, die sich der ästhetischen Bildung widmen, weil sie aus diesem oder jenem Grund auf schnödes Karrieredenken verzichten können. Es ist hier nicht der Ort, den Wahrheitsgehalt dieser Unterstellung zu überprüfen, hier geht es nämlich um Ulrich Treichels neuen Roman. Dessen Held Albert hat sicher nicht zufällig Kunstgeschichte inskribiert, denn er ist ein erotischer Unglücksrabe, dessen sexuelle Bedürfnisse in einem eher ungünstigen Verhältnis zu ihrer Befriedigung stehen.

Dabei hat er früh mit den Frauen angefangen, war vom Internat geflogen, weil er mit einer Mitschülerin erwischt worden war, und da er ungefähr um diese Zeit beginnt, Kropotkin und Wilhelm Reich zu lesen, dürfen wir die nicht ausdrücklich datierte Handlung in den späten Sechzigerjahren ansiedeln. Dazu passt, dass er aus der Provinz nach Berlin zieht, um dort bei einem berühmten Caravaggio-Experten zu studieren. Kein Zufall auch dies, manifestiert sich Caravaggios Meisterschaft doch gerade auch in der höchst anschaulichen Wiedergabe von Fleisch, Haut und Spalten, die man so und so sehen kann. Albert hatte schon immer ein sehr unmittelbares Verhältnis zu Bildern: Als Kind sammelte er Autogrammkarten, später verlegte er seinen Schwerpunkt auf Onaniervorlagen, wobei er deren Prinzip der bildlichen Repräsentation ignorierte und sie dermaßen mit seinen Fingern traktierte, dass sie bald in Fetzen gingen.

Zurück nach Berlin. Die Zwischenprüfung gerät zum Desaster, weil Albert noch immer eine magische Beziehung zu den Bildern pflegt, wo vom Kunsthistoriker sachliche Distanz erwartet wird. Der Versuch, in Rom zu studieren, endet ebenso katastrophal, weil er dort unschuldig in eine Polizeirazzia gerät und des Landes verwiesen wird. Erotisch verworren taumelt er ein paar Wochen durch das sommerliche Berlin, bis er Elena kennen lernt. Sie bedient in einer als Restaurant getarnten Spielhölle, sie ist Sardin, wunderschön und sehr geheimnisvoll. Dass sie an Albert Gefallen findet, dass sie umstandslos mit ihm schläft, wundert ihn vermutlich noch mehr als die Leser. Die beiden werden ein zwar seltsames, aber glückliches Paar. Schließlich will Elena zurück in ihr Heimatdorf, um dort einen Kosmetiksalon zu eröffnen und schlägt Albert vor, doch mitzukommen; der ist von so viel Zuneigung überwältigt und glaubt tatsächlich, dort seine Abschlussarbeit über Caravaggio schreiben zu können.

Das nächste Desaster: Carbonia erweist sich als trostloses Kaff, der Kosmetiksalon befindet sich in einer Neubauruine, im Hinterzimmer ist nicht einmal Platz für eine Reiseschreibmaschine Das Paar trennt sich so unvermittelt, wie es sich gefunden hat: Albert reist zurück nach Berlin, nicht weil er, wie er vorgibt, die dortigen Bibliotheken konsultieren müsste, sondern weil er am Strand eine attraktive Studentin aus Kiel kennen gelernt hat. Keine Tränen, keine Eifersucht. Die sardische Frau, ein ruhender Pol im Wandel der Zeiten, wie Albert aus dem Merian-Heft gelernt hat Treichels Roman, wieder einmal ein Fest der Erzähl- und Fabulierkunst, kann auf tiefsinnige Interpretationen locker verzichten. Er liest sich an einem Sonntagnachmittag und er lebt in erster Linie davon, dass er Liebe und Sex nicht psychologisiert, sondern stattdessen Amor mit seinen anarchischen Kräften spielen lässt. Warum dieses unvermittelte Bedürfnis nach Sex? Warum gerade zwei so unterschiedliche Menschen wie Albert und Elena? Warum dann plötzlich Klara aus Kiel? Lauter falsche Fragen. Von Amor getroffen, werden die Menschen blöde, vergessen die Bildungsreise nach Rom und folgen der schönen Elena in die sardische Ödnis. Und wenn die italienische Reise am Ende eben nicht mehr der intellektuellen, sondern der erotischen Vervollkommnung dient: Dann kann an Amors Triumph niemand mehr zweifeln.Bekannt wurde Edward Gorey (1925-2000) vor allem als Buchillustrator: Seine poetisch-versponnenen Zeichnungen zieren nicht nur die Cats-Vorlage "Old Possums Katzenbuch" von T.S. Elliott, sondern auch Werke von Samuel Beckett, oder Edward Lear. Gorey schrieb aber auch selbst Bücher. Sein erstes, nun auf Deutsch wiederaufgelegtes Werk handelt vom Schriftsteller Ronald Frederic Melf und davon, wie man Romane schreibt. Corey hat seinen hintersinnigen Text kongenial illustriert - mit gleich magischen wie ironischen Zeichnungen, die ein wenig an Paul Flora erinnern und Melfs erste Inspirationen ebenso ins Bild rücken wie seine Schreibkrisen, seine Fahnenkorrekturen oder seinen Umgang mit späteren Rezensionen.Ein letztes Mal verschafft John Updike seinem berühmten Helden Rabbit einen Auftritt: Noch als Toter beeinflusst dieser das Leben seiner Hinterbliebenen.

Eines der besten Bücher John Updikes, herausgegeben von der University of Mississippi, enthält seine gesammelten Interviews. Nicht trotz, sondern gerade weil Updike ein entschiedener Gegner dieser Gattung ist - er nennt sie "eine verachtenswerte Halbform, wie Maden" -, wurde er zu einem ihrer Meister. Es fällt einem kein anderer ein, der sich mit solcher Wendigkeit und Selbstironie durch die Labyrinthe einander immer ähnlicher Journalistenfragen bewegen könnte. Von Dick Cavett auf CNBC provokativ befragt, ob Freud nicht bloß ein weiterer toter weißer Mann des westlichen Kanons sei, antwortet er: "Das ist er, und viele von uns werden es sein."

Ein Schriftsteller, so erklärte Updike einmal, solle nicht an der Universität unterrichten, diese Tätigkeit korrumpiere ihn, ein Universitätslehrer bekomme zu viel Aufmerksamkeit, zu viel Beifall, zu viel Freundlichkeit von allen Seiten, und gerade für einen Autor liege hierin die größte Gefahr. Die Bedrohungen, denen ein Schriftsteller ausgesetzt ist, die ständige Versuchung, seine Selbstzweifel an ein Gefühl von der eigenen Bedeutung und an nichts sagende Freundlichkeit zu verraten, sind ein Hauptthema dieser gesammelten Gespräche: "Nettigkeit ist der Feind!"

Updike, der früh berühmt wurde und von da an zum zeitgenössischen Klassiker emporstieg, war sich stets der vielen Klippen bewusst, die einen Erfolgreichen daran hindern, sich geistige Beweglichkeit und Neugier zu erhalten. Deswegen ist er heute so weit von jener würdevollen Erstarrung entfernt, in die der Weltruhm viele seiner Kollegen getrieben hat.

John Hoyer Updike wurde 1932 in der Kleinstadt Shillington in Pennsylvania geboren, wo er eine einsame Kindheit in einem den Lesern seiner frühen Romane wohlbekannten Farmhaus weit vor der Stadt verlebte. Immer wieder beschrieb er, wie das urbane, literarische New York, das er nur aus Zeitschriften wie dem New Yorker kannte, für ihn zu einer imaginierten Gegenwelt wurde; es ging darum, "auf einer dünnen Bleistiftlinie hinauszugelangen aus Shillington". Nach dem Schulabschluss studierte Updike in Harvard und veröffentlichte in einer Studentenzeitschrift satirische Gedichte, auf die der New-Yorker-Herausgeber William Shawn aufmerksam wurde. Updike wurde kurzerhand für den New Yorker engagiert, für den er drei Jahre arbeitete und dem er bis heute als prominentester Literaturkritiker des Magazins verbunden ist.

Nach drei Jahren in der Metropole traf er die wichtigsten Entscheidung seiner Karriere und zog in die Kleinstadt Ipswich, wo er sein neues und ureigenes Thema fand: das von Partnertausch und sexueller Liberalität geprägte Dasein der jungen Mittelschicht amerikanischer Vorstädte. Sein für damalige Verhältnisse unerhört freizügiger Roman "Ehepaare" brachte ihm, nicht zufällig 1968, endgültig Reichtum und Anerkennung; auch die Romane "Der Sonntagsmonat", "Das Gottesprogramm" und natürlich "Die Hexen von Eastwick" sind in diesem Milieu angesiedelt. Updikes unbestrittener Beitrag zur Literaturgeschichte aber sind und bleiben die vier Romane um Harry "Rabbit" Angstrom.



Von Anfang an waren die "Rabbit"-Bücher bewusst als christlich-existenzialistisches Gegenbuch zu Jack Kerouacs "On the Road" angelegt. Man könne, erklärte Updike in einem Interview, eben nicht immer auf der Straße sein, als Mensch sei man Teil eines Sozialvertrages und habe irgendwann, wohl oder übel, heimzukehren. Rabbit, einst erfolgreicher Schulbaseballspieler, nun gefangen in einem schlechten Job und einer unglücklichen Ehe, verlässt in "Hasenherz" (1960) seine Familie, versucht es eine Weile mit der Freiheit und entscheidet sich dann doch, das Leben als Familienvater mit einer Frau, die er nicht mehr liebt und einem Sohn, der ihm zutiefst fremd ist, auf sich zu nehmen.

Mag Updike als Stilist von Proust und Nabokov, den Meistern unendlich fein komponierter Prosa, geprägt sein, in seinem Weltbild ist er es, wie seine große Abhandlung über die Theologen Barth und Tillich, sein Essay über das Matthäus-Evangelium oder seine häufigen Anspielungen auf Pascal und Kierkegaard zeigen, bis heute vom christlichen Existenzialismus. "An easy humanism plagues the land", schrieb er 1969 im philosophischen Langgedicht "Midpoint", "I choose to take an otherworldly stand." In eben diesem außerweltlichen Standpunkt liegt die Wurzel seiner Ironie und der spöttischen, oft als Menscheinfeindlichkeit interpretierten Distanz zu seinen Figuren. "We need other worlds", heißt es lakonisch in einem erst kürzlich veröffentlichten Gedicht "This one will fail."

Ursprünglich nicht als Fortsetzungsgeschichte geplant, fügte Updike Rabbits Leben in jeder Dekade einen weiteren Band hinzu: In "Unter dem Astronautenmond" lassen sich Harry und seine Frau Janice mit einer Hippie-Kommune ein und erlebten die sexuelle Befreiung mit, in "Bessere Verhältnisse" kommt Harry durch die Ölkrise zu Wohlstand, in "Rabbit in Ruhe" zieht er sich aus dem Berufsleben zurück und stirbt an verfettetem Herzen.

Was die "Rabbit"-Tetralogie noch weit vor Meisterwerken wie der Autobiografie "Selbst-Bewußtsein" oder den experimentellen Romanen "Der Zentaur" und "Der Coup" zu Updikes populärstem Werk machte, war die Akkuratesse, mit der hier eine Geschichte des privaten amerikanischen Lebens geschrieben wurde, deren Detailreichtum gerade in der Abbildung scheinbarer Nebensachen und vergänglicher Moden kein zeitgenössischer Romancier etwas entgegenzusetzen hatte. So entfaltet sich auch die Handlung der nun auf Deutsch veröffentlichten Novelle "Rabbit, eine Rückkehr" vor dem Hintergrund der Lewinsky-Affäre, des Flugzeugabsturzes des Kennedy-Erben, des zwischen Liberalität und christlichem Fundamentalismus tief gespaltenen Amerika der Clinton-Jahre. Eine plötzlich auftauchende uneheliche Tochter zwingt Rabbits Hinterbliebene zur Erinnerung an den noch immer übermächtigen Toten, und beim Thanksgiving-Festessen des letzten Jahres des alten Jahrtausends eskaliert der Streit zwischen den verschiedenen Teilen der Familie (Rabbits Witwe Janice hat inzwischen wieder geheiratet; der Sohn von Rabbit und Janice lebt noch im Haus der Mutter).

Diese Novelle ist kein fünfter Teil, sondern ein Epilog zu Harry Angstroms Geschichte, ein melancholischer, von Endzeitbildern durchsetzter Abgesang auf eine große negative Heldenfigur. "Rabbit, eine Rückkehr" ist wohl auch ein Zeugnis dafür, wie schwer es Rabbits Autor gefallen sein muss, von seiner vitalsten Erfindung Abschied zu nehmen. "Rabbit", schrieb Updike einmal, "war für mich der Weg hinein - eine Eintrittskarte in das Amerika, das mich umgab." Und wirklich - ohne Harry scheint Amerika wieder ein bisschen ferner gerückt, etwas weniger verständlich. Dass es uns tatsächlich so geht, dass wir es beim Lesen dieses Nachrufs in Novellenform wirklich so empfinden, als wäre die Welt ärmer geworden, ist kein kleines Verdienst dieses Buches.

Wolfgang Kralicek in FALTER 37/2002 vom 13.09.2002 (S. 62)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Schöpfung (F.K. Waechter)
Kurze Interviews mit fiesen Männern (David Foster Wallace, Marcus Ingendaay)
Eine Harfe ohne Saiten oder Wie man Romane schreibt (Edward Gorey, Wolfgang Hildesheimer)
Rabbit, eine Rückkehr (John Updike, Maria Carlsson)
Thomas Bernhard und seine Lebensmenschen. Der Nachlaß (Martin Huber (Hg.), Peter Karlhuber (Hg.), Manfred Mittermayer (Hg.), Fotonachlaß Anny Madner Archiv der Stadt Salzburg, Rudolf Brändle, Ingrid Bülau, Annemarie Hammerstein-Siller, Gerda Maleta, Manfred Mittermyer, Rudolf Neuböck, Kurt Osinger, Ferry Radax, Christian Strasser, Thomas Bernhard Nachlaßverwaltung GmbH, Hilde Zuckerstätter)
Der irdische Amor (Hans-Ulrich Treichel)
Holocaust und Nationalsozialismus (Eduard Fuchs, Falk Pingel, Verena Radkau Garc¡a)
Sprechen Sie Österreichisch? (Alfred Schierer, Thomas Zauner)
Than (Thomas Lang)
Das Eis, das bricht (Sabine Friedrich)
Willkommen in der Ohrfeigenanstalt (Dirk Stermann, Christoph Grissemann)

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