Afghanistan Picture Show
oder wie ich lernte, die Welt zu retten

von William T. Vollmann, Peter Torberg

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: marebuchverlag
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 50/2003

William T. Vollmann zählt zu den umstrittensten Autoren der Gegenwart. Zwischen wildem Schreiben und extremem Leben zieht der US-Amerikaner keine Trennlinien.

",Sind Sie ein Tourist?' ,Nein, ich sammle Spenden.' ,Sammeln Sie viel Geld oder nur ein paar tausend Dollar?' ,Wahrscheinlich nur ein paar tausend Dollar.' ,Ich finde, Sie sollten uns entweder wirklich helfen oder es bleiben lassen. So helfen Sie uns nicht.'" William T. Vollmann hatte bestimmt andere Vorstellungen von Afghanistan, als er vor 25 Jahren als naiver Jüngling voll hehrer Ideale dorthin aufbrach, um dem Volk im Kampf gegen die sowjetischen Unterdrücker zur Seite zu stehen. Freilich musste er im Laufe seines Aufenthalts erkennen, dass die Menschen weder Essen noch Medikamente von ihm wollten, sondern nur Geld zur Anschaffung von Waffen. "Seine Vorstellung, er könne irgendwie von Nutzen sein, ließ sich nicht aufrechterhalten", resümiert Vollmann denn auch die Reise des "jungen Mannes", von dem er in dem einige Jahre später verfassten Buch nur mehr in der dritten Person und im Stil einer "gescheiterten Pilgerfahrt" erzählen kann.

Mit der nichtfiktiven "Afghanistan Picture Show" - Untertitel "Wie ich lernte, die Welt zu retten" - liegt nun endlich ein Titel des vor allem als Romanautor und Berichterstatter aus Krisengebieten tätigen Schreibers auf Deutsch vor, der in den USA als einer der kompromisslosesten und besten seiner Zunft gilt. Es mag freilich nicht die klügste Wahl für eine erste Arbeitsprobe in deutscher Sprache sein, denn seit seinem inzwischen mehrmals revidierten Achtziger-Erstling hat der heute 45-jährige Seitenfüller eine Entwicklung zu einem ganz anderen Autorenkaliber durchgemacht, das man in dem unterhaltsamen, aber in Bezug auf Vollmanns Arbeit eben wenig aufschlussreichen Buch noch vergeblich sucht.

Einzige Parallele des Schmökers zu späteren Veröffentlichungen: Werke wie "The Atlas" oder "The Royal Family" berufen sich fast ebenso stark auf reale Begebenheiten. Und hier kommt Vollmanns große Eigenart ins Spiel. Denn er schreibt nicht etwa über Hinz, Kunz und ihre Alltagsprobleme, sondern hegt generell eine Vorliebe für Krisen- und Kriegsterritorien, Prostituierte und Junkies - und liebt es, sich für die Recherche seiner Geschichten, deren journalistische Versionen in Magazinen wie dem New Yorker erscheinen, an Ort und Stelle zu begeben.

Dabei betreibt er nicht etwa vom gesicherten Hotelzimmer aus flüchtige Nachforschungen, sondern lebt ganz im Stil eines method actor über einen längeren Zeitraum mit den Kriegstreibern, Rebellen, Flüchtlingen und Huren zusammen. "Diese Erfahrungen sind wunderbar für mich, sie machen mich glücklich", gab Vollmann dem San Francisco Chronicle einmal als Grund für seine empirische Vorgehensweise an. Besonders angetan haben es dem Autor die Straßenarbeiterinnen, mit denen er nicht nur für "The Royal Family" Crack geraucht hat, sondern erklärtermaßen auch privat regen Umgang pflegt. "Mich fasziniert diese Welt, da in ihr von Sex über Geld bis Gewalt alles vorkommt", gab er zu Protokoll.

Addiert man den reisenden Beobachter mit dem ansonsten zurückgezogen in Sacramento lebenden Autor und dem nicht ganz unproblematischen Sex-Maniac, dann ergibt Vollmann so etwas wie die längst fällige Quersumme aus Thomas Pynchon, William Burroughs und Klaus Kinski. Kein Wunder also, dass er momentan neben David Foster Wallace oder Dave Eggers der Liebling der US-Colleges ist und über eine stetig wachsende Fangemeinde verfügt.

Bei aller Popularität macht er es seinen Lesern aber nicht immer leicht. Abgesehen von den Ambiguitäten um seine Person - die er mit Aussagen wie "Safe sex is for wimps" gerne noch anstachelt -, fährt er auch literarisch bisweilen schwere Geschütze auf. So verbirgt Vollmann nicht, dass er sich beginnend von der Antike bis ins Heute schon mehrere Bibliotheken einverleibt hat, sondern wirft alle denkbaren Stile und Wissensgebiete ins Gefecht. Auch neigt er in seinen meist umfangreichen Texten zur Abschweifung und versteckt die brillantesten Gedanken dabei nur zu gern in ellenlangen Fußnoten. Dabei kratzt er jedoch im Vergleich zu Pynchon oder Wallace in puncto Nachvollziehbarkeit meist noch die Kurve, bevor sich der Leser verabschiedet.

Auf der anderen Seite gibt Vollmann es als Hobbyjournalist gelegentlich weit einfacher und braucht sich angesichts der dafür fließenden Honorare längst keine Sorgen mehr ums Überleben zu machen. Trotzdem schreibt er in puncto Intensität und schierer Textmasse nach wie vor so, als ob es um sein Leben ginge. Das brachte ihm die Diagnose "Karpaltunnel-Syndrom" ein, hielt ihn offenbar aber nicht davon ab, in den letzten Jahren wie besessen an einem Monsterprojekt zu arbeiten, das sich schließlich über 4000 Druckseiten erstreckte.

Gleichermaßen philosophische Deklaration, Autobiografie, Journalismus und Geschichtsschreibung in messerscharfer Prosa, behandelt "Rising Up And Rising Down" ein weiteres Leibthema des Autors: Gewalt in all ihren Facetten. "Das Ganze hat als politisches Manifest begonnen", erklärte Vollmann kürzlich bei der Präsentation des in etwas gebündelter Form nun tatsächlich erschienenen Werks. "Mir schwebte zunächst ein etwas längerer Essay vor, der eine moralische Analyse zur Beurteilung von Gewalt liefern und erkunden sollte, wann sie gerechtfertigt ist. Dann ist mir die Sache ein wenig über den Kopf gewachsen." Da das ähnlich auch für die potenziellen Leser der sich überraschend rasant verkaufenden Startauflage von 3500 Stück gilt, hat der Autor sein - erstaunlich simples - Resümee gleich im Anschluss an die Lesung verkündet: "Manchmal geht es nicht ohne Gewalt, aber die meisten Entschuldigungen, die ich im Laufe der Jahre dafür gehört habe, waren nicht besonders gut."

Sebastian Fasthuber in FALTER 50/2003 vom 12.12.2003 (S. 61)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Rising Up And Rising Down (William T. Vollmann)

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