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Verlag: Blumenbar
Erscheinungsdatum: 01.05.2008

Rezension aus FALTER 31/2008

All You Need Is Love

Und irgendwann ist das Aufnahmegerät voll. Richard Milward sitzt in einem Münchner Innenhof und spricht über seinen Debütroman "Apples". Das vom Erwachsenwerden im heutigen England erzählende Buch hat dort im vergangenen Jahr mächtig eingeschlagen, ",Catcher in the Rye' meets The Arctic Monkeys", schrieb die Times. Zum Erscheinen der deutschen Übersetzung hat der Verlag einen Pressenachmittag angesetzt. Und so schüchtern und entrückt Milward beim Händeschütteln noch wirkt – ein bisschen so, wie man sich den jungen Jarvis Cocker vorstellt –, so sehr sprudelt es aus ihm heraus, wenn es darum geht, sich über die Faszination auszulassen, die das Schreiben auf ihn ausübt.
"Das Buch ist entstanden, als ich 19 und nach der Schule ein Jahr arbeitslos war", sagt der inzwischen 24-jährige Milward. "Ich kann mir nur vorstellen, dass es die Leute deshalb gern lesen, weil es von einem geschrieben wurde, der das Geschilderte noch aus eigener Erfahrung kennt. Normalerweise werden Bücher über 15-Jährige von Leuten geschrieben, die 40 sind. Sorry, aber das kann nicht stimmen." Milward vermeidet es höflicherweise, den Namen Nick Hornby auszusprechen, aber im Prinzip ist "Apples" genau das: das Buch, auf das all jene, denen Nick Hornbys Versuche, die Jugend von heute zu erklären, mittlerweile zu schablonenhaft und unglaubwürdig erscheinen, schon länger gewartet haben.
Nicht nur für ein Jugendbuch ist es richtig originell und gut geschrieben. Als Folie dient die Geschichte von Adam und Eva, die Helden heißen Adam und Eve und besuchen gemeinsam die Schule. Ort der Handlung ist das nordenglische Middlesbrough, das mit dem Paradies allerdings nur wenig gemeinsam hat. "Ich wollte ein stimmiges Porträt meiner Stadt zeichnen", erklärt Milward, der nebenbei übrigens genau das tut und gerade ein Fine-Arts-Studium am Londoner St. Martin's College – berühmt geworden durch den Pulp-Song "Common People" – abgeschlossen hat. "Middlesbrough ist eine dieser Industriestädte, in der es schon lang keine Fabriken mehr gibt. Die Minenarbeiter waren traditionell starke Trinker, ihre Söhne haben dieses Verhalten übernommen. Der Ruf der Stadt in England ist furchtbar, weil sie verdreckt ist, eine hohe Arbeitslosigkeit und viele Drogensüchtige hat. Aber es ist auch ein verrückter und schöner Ort voller Kontraste."
Zwischen Wochenendbesäufnissen und Dealern, jugendlichen Schwangeren und jugendlichen Schlägern wachsen die beiden heran und erleben auf drastische Weise die ganz typischen Teenagerprobleme von Herzschmerz bis Zores mit den Eltern. "Mich hat es gereizt, über 15-Jährige zu schreiben, weil es eine Zeit ist, in der sich große Veränderungen abspielen", meint Milward. "Die Mädchen werden schon zu Frauen, die Jungs sind noch Kinder. Und alle führen sie sich ziemlich verrückt auf, haben trotz allem aber ein Herz und Emotionen."
Die Figur des männlichen Protagonisten trägt deutliche autobiografische Züge, wie der Autor gesteht. Adam ist ein sensibler Junge voller Ängste und mit einer Zwangsstörung ("Ich musste immer alles mehrmals schließen, bis ich das Gefühl hatte, dass die Sachen richtig zu waren"), der Zuflucht in Beatles-Songs sucht, wenn ihn sein Vater beim Onanieren erwischt. Besserung ist in Sicht, als er sich in die Ecstasy-Tabletten einwerfende und Alkopops vernich­tende Schulschönheit Eve verliebt. Die wirkt zunächst oberflächlich, ist wie fast alle handelnden Personen in dem Buch aber erfreulich vielschichtig gezeichnet. Die Tochter einer an Krebs erkrankten Alleinerzieherin kommt bald als ausgesprochen herzliche ­Person rüber, Adam wiederum überwindet seine Unsicherheiten und mutiert für seine Angebetete zum Partytiger – zumindest so lang, bis er von einem Rivalen böse verdroschen wird und Eve wieder aus den Augen verliert.
"Apples" ist eine wundervolle Liebesgeschichte, die ohne erfüllte Liebe, ja ohne eine richtige Liebesszene auskommt. Am nächsten kommen sich die beiden Hauptfiguren auf einer Party, als Adam über Eve wacht, während sie ihren Vollrausch ausschläft. Dass die Szene dennoch etwas herzerwärmend Zärtliches hat, muss wohl an Milwards literarischem Talent liegen. Tatsächlich ist "Apples" zwar seine erste Buchveröffentlichung, der Autor aber alles andere als ein Anfänger. "Ich habe mit zwölf begonnen, Bücher zu schreiben und an Verleger zu verschicken. Während meine Freunde in die Glotze schauten oder am Computer spielten, habe ich eben jeden Nachmittag eine Stunde geschrieben. ,Apples' ist mein siebentes Buch, aber mein erstes wirklich eigenes. Die Vorgänger waren Versuche, Irvine Welsh zu kopieren."

Milward sagt, er habe eine Schwäche für gute Geschichten, dabei ist ihm die Form alles andere als egal. In "Apples" wechselt die Perspektive immer wieder zwischen Adam und Eve, dazwischen dürfen auch einige Nebenfiguren erzählen. In seinem nächsten Roman, der in Großbritannien 2009 erscheinen wird, soll jeder einzelne Absatz unabhängig für sich stehen. "Ich mag experimentelle Literatur. Meine Lieblinge sind die Beat-Autoren, vor allem Richard Brautigan. Auch von der französischen Oulipo-Gruppe gibt es tolle Sachen. Aus solchen Texten kann ich mehr für mich rausholen als aus aktuellen Romanen."
Obwohl er nun diplomierter Künstler ist, hat Richard Milward vor, als freier Schriftsteller zu leben. "Ich habe mir das Kunststudium anders vorgestellt", meint er etwas enttäuscht. "Eigentlich musste ich mir alles selbst beibringen, dabei dachte ich, die lehren einen Dinge." Auch London konnte das Nordlicht nicht wirklich beeindrucken. Demnächst geht es zurück nach Middlesbrough. Wie seine alten Bekannten darauf reagieren werden, dass er als Literatur-Shootingstar zurückkehrt? "Das ist das Gute am Norden: Solche Sachen sind den Leuten dort egal, die sind nicht so leicht zu beeindrucken."

Sebastian Fasthuber in FALTER 31/2008 vom 01.08.2008 (S. 51)


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