Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Blumenbar
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Mit den Frauen geht auch die Seele des Landes

Die Augen eines geliebten Menschen sehen bei ihm aus "wie frisch gemahlener Kaffee", Stimmen klingen "würzig", Freude fühlt sich an "wie aufflatternde weiße Tauben". Der Vergleich mit den Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht" und ihrer heiteren Erotik mag sich aufdrängen, doch erzählt Murathan Mungan in "Tschador" vom genauen Gegenteil: In dem kurzen Roman geht es nicht um Lebenslust, sondern um deren brutale Unterdrückung.
Sinnlich, üppig und poetisch ist nur die Sprache, in der der 53-Jährige vom Schicksal eines jungen Mannes namens Akhbar erzählt. Dieser kehrt nach langen Jahren im Ausland in sein vom Krieg zerstörtes Heimatland zurück, das unschwer als das Afghanistan zu Zeiten des Taliban-Regimes zu erkennen ist.

Akhbar findet seine Heimat nicht wieder. Im Elternhaus wohnen abweisende Fremde, Nachbarn und Bekannte sind weggezogen oder tot, ihre Häuser und Läden wurden von frühzeitig gealterten jungen Männern übernommen. Die Gerüche der Kindheit sind ebenso verschwunden wie die Freude aus den Gesichtern der Menschen. Die Stadt hat ihre Seele verloren, der Bürgerkrieg unüberwindliche "Grenzen aus Toten" errichtet.
Im Legendenton schildert Mungan Hoffnung und Vorfreude des Heimkehrers, seine Enttäuschung und die immer verzweifelteren Versuche, in den fremd gewordenen oder zerstörten Stadtvierteln und den alles überwuchernden Friedhöfen Spuren seiner Familie zu finden. Das Misstrauen seiner Landsleute macht ihm zu schaffen, noch mehr aber die Tatsache, dass die Frauen völlig aus dem öffentlichen Leben verbannt sind. Schon bald wird die Suche nach Mutter und Schwestern zu einer Suche nach dem Weiblichen an sich. Schließlich streift sich Akhbar, der immer häufiger von Trugbildern heimgesucht wird und den Frauen in ihre Verbannung folgen möchte, selbst eine Burka über. Er macht sich auf den Weg nach Norden, wo er die Mutter vermutet. Dabei wird er selbst zu einer der zahlreichen tragischen, an der Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit lebenden Figuren, die durch das Land irren und an deren Existenz er noch kurze Zeit zuvor nicht so recht glauben wollte.

Auf den knappen 126 Seiten seines im türkischen Original bereits 2004 erschienenen Romans bringt Murathan Mungan erstaunlich viel unter: Er macht die Verzweiflung eines Menschen spürbar, der seine völlige Entwurzelung und Isolation erlebt und dem die Heimkehr zum endgültigen Exil wird. Darüber hinaus zeigt er die immergleichen Mechanismen der Unterdrückung – polizeiliche Willkür, ein stetig geschürtes kollektives Misstrauen und ein gut funktionierendes Spitzelwesen – und vermittelt so eine Ahnung vom Leben unter einem fundamentalistischen Terrorregime.
Vor allem aber ist der schmale Band des bekennenden schwulen Autors eine beklemmend schöne Hommage an die Weiblichkeit, deren Fehlen das Leben schlicht unerträglich macht: "Wenn man vergaß, wie das Lächeln einer Frau aussah, dann war das, als verwelke die Sonne."

Georg Renöckl in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 10)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb