Slumberland

von Paul Beatty, Robin Detje

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Blumenbar
Erscheinungsdatum: 10.10.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Wie man mit Jazz die Berliner Mauer wieder aufbaut

Paul Beattys satirischer Roman "Slumberland" schickt einen Schwarzen durch das Berlin von 1989

Der Neger ist jetzt offiziell Mensch. Alle sagen das, sogar die Briten. Ob es wirklich einer glaubt, ist einerlei; wir sind so mittelmäßig und gewöhnlich wie der Rest der Gattung." Am Beginn von ­"Slumberland" ruft DJ Darky noch das Ende der Blackness aus. Doch natürlich wird genau die Frage der Hautfarbe den Platten drehenden Ich-Erzähler und Autor Paul Beatty den ganzen Roman über beschäftigen.
Darky, der mit einem phonografischen Gedächtnis ausgestattet ist und sich an jedes Geräusch erinnert ("als wäre mein ganzes Leben ein Song, den ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme"), verschlägt es 1989 von Los Angeles nach Berlin. Gerade hat er aus unzähligen obskuren Soundquellen den perfekten Beat geschaffen, jetzt braucht er dafür einen musikalischen Partner. Die abgetakelte Rapperin Bitch Please ist es definitiv nicht.

Vor kurzem hat ihn aus Deutschland ein anonymes Paket erreicht. Darin befindet sich eine Videokassette mit einem Sodomitenporno, dessen grausliche Handlung von himmlischer Jazzmusik verfremdet wird. Diese Töne, schließt Darky, können nur von Charles Stone stammen, einem auch "der Schwa" genannten genialen Free-Jazz-Unsichtbaren, der hier als eine Art Salinger oder Pynchon der Musikszene auftritt.
Er macht sich also auf, seinen untergetauchten spirituellen Doppelgänger in Berlin zu suchen. Als Hauptquartier eignet sich die Kneipe Slumberland, in der Darky als "Juke­box-Sommelier" anheuert und den Besuchern erlesenste Singles kredenzt. Die Musik ist hier zwar lediglich der ­Soundtrack erotischer Anbahnungen, nachdem es sich um ein Lokal handelt, in dem weiße Frauen schwarze Männer abschleppen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Schwa irgendwann auftaucht, aber ziemlich hoch.

Weil die Legende sich mit ihrem Auftritt Zeit lässt, hat Autor Paul Beatty ausreichend Gelegenheit, seinen Helden über Schwarz und Weiß, die USA und Deutschland, Musik und Frauen philosophieren zu lassen. Sein Darky mag zwar emotional verkorkst und ein einsamer Typ sein, aber er ist nie um einen Spruch verlegen.
Als er in Berlin seine ersten Gedenktafeln sieht, denkt er an einen Supermarkt: "[Sie] rufen die Katastrophen aus wie müde Kassierer in der letzten Nachschicht: Achtung, ein Holocaust in Gang zwei." Als die Mauer fällt und er seinen ersten Ossi sieht, sinniert er: "Ostdeutsch zu sein, das war, wie ich vermutete, ganz ähnlich wie schwarz zu sein – das dauernde Parolenbrüllen, die Protestlieder, kein Strom, keine Ferngespräche." Und vor Journalisten, die ihn aufgrund seines makellosen Geschmacks interviewen wollen, flieht er: "Nichts macht eine gute Sache so schnell kaputt wie ihre Entdeckung durch alternde Rockkritiker."

Schön ist, dass in diesem bunten Reigen an komischen Ereignissen, der nicht immer direkt von einem Plot geleitet ist, Weiße wie Schwarze gleichermaßen ihr Fett abbekommen. Hier stehen die Willis und Karl-Ludwigs, die Darky in Jazzkneipen pflichtschuldig über Rassismus ausfragen; dort steht ein Protagonist, der seine Hautfarbe mit viel Selbstironie zur Schau trägt und im Slumberland auch gern einmal den einen oder anderen "Neger" (Weißbier mit Cola) zischt.
Die Begegnung von Darky und Schwa gerät dann leider als Antiklimax des Romans. Die beiden haben sich in Wahrheit recht wenig zu sagen. Und obwohl die Idee, den Jazzer die Berliner Mauer aus Klängen wiedererrichten zu lassen, hübsch ist, gehört die finale Jamsession, die das Duo über dem perfekten Beat spielt, zu den schwächeren Szenen.
Paul Beatty, der zuvor vor allem als Lyriker sowie als Herausgeber einer humoristischen Anthologie hervorgetreten ist, versteht eine Menge von Musik, er verfügt über eine scharfe Beobachtungsgabe und bösen Witz. Großer Erzähler ist er indes noch keiner.

Sebastian Fasthuber in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 8)


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