Doktor Wakankar
Aus dem Leben eines aufrechten Hindus

von Uday Prakash

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Verlag: Draupadi
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 112 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.06.2009

Rezension aus FALTER 37/2009

Der Inder schreibt nicht nur auf Englisch

Die indische Verfassung nennt 18 "Nationalsprachen", denen sie einen besonderen Status garantiert. Insgesamt sind es jedoch weit über 100 Sprachen, die in diesem einen Land, dessen ethnische und religiöse Vielfalt der des ganzen europäischen Kontinents nicht nachsteht, gesprochen werden. Freilich, wenn es um indische Literatur geht, sind immer nur jene Autoren gemeint, die ihre Bücher auf Englisch verfassen und wohl mehr den internationalen als den indischen Buchmarkt im Auge haben. Salman Rushdie und Vikram Seth, Arundhaty Roy und Rohinton Mistry werden in aller Welt gelesen, und mit dem 35-jährigen Aravind Adiga ist jetzt schon die nächste Generation indischer Autoren dabei, einer weltweiten Leserschaft das Staunen über die Sinnlichkeit, den Überlebenswitz, die urbane Weltläufigkeit der Inder zu lehren.

Gezählt sind hingegen die indischen Bücher, die aus einer der "Nationalsprachen" übersetzt wurden, aus dem Telugu zum Beispiel, das immerhin von 60 Millionen Menschen im Bundesstaat Andhra Pradesh gesprochen wird, oder aus dem Gujarati, in dem Mahatma Ghandi seine Reden, Aufsätze und Studien verfasste. Hindi ist nicht nur die Muttersprache von 300 Millionen, sondern auch so etwas wie die gemeinsame Staats- und Verwaltungssprache über den diversen "Nationalsprachen". Keine zehn Bücher sind bisher aus dieser Sprache ins Deutsche übersetzt worden; jetzt aber ist eines dazugekommen, das die Entdeckung lohnt: die bitterkomische Lebensgeschichte eines "aufrechten Hindus", der für Gerechtigkeit und sozialen Fortschritt kämpft und darüber sein eigenes Leben zu versäumen droht.

Der 1947 geborene Uday Prakash ist in seiner Heimat einer der bekanntesten Erzähler. Mit "Doktor Wakankar. Aus dem Leben eines aufrechten Hindus" hat er einen merkwürdigen Roman verfasst, der politischer Traktat, pechschwarze Satire und eine Studie über das Scheitern zugleich ist. Vom titelgebenden Dr. Wakankar erfahren wir eingangs, dass er 48 Jahre alt, übergewichtig, sehr religiös und Arzt ist, eine Glatze, vier erwachsene Töchter und etliche typisch hinduistische Ideale hat. Hindu zu sein heißt ja nicht nur, einer sehr weit gefassten und nicht kodifizierten Religion anzugehören, die kein geistliches Oberhaupt und keine verbindlichen Regeln kennt, sondern Gurus, die ihren Anhängern die religiösen und weltlichen Dinge durchaus unterschiedlich erklären; nein, "Hindu", das ist im Lauf 20. Jahrhunderts auch zu einer nationalen Kategorie geworden. Und Dr. Wakankar ist ein begeisterter Anhänger des Sangh, jener Kulturbewegung, der die Hindus als die Juden Asiens gelten, "Opfer der schlimmsten Verbrechen. Die mächtigsten Staaten hatten sich verschworen, sie zu vernichten. Aber während die Juden mittlerweile über ihren eigenen Staat Israel verfügten, war dies den Hindus immer noch verwehrt."
Der Roman spielt in den 70er- und 80er-Jahren und endet, als die aus dem Sangh hervorgegangene hindunationalistische Partei die Wahlen in Indien gewinnt; diese Partei hat seither viel Schaden angerichtet, den Konflikt mit den Muslimen geschürt und unverhohlen rassistische Kampagnen entfesselt. Was wir aus dem Roman erfahren, ist gewissermaßen die heroische Vorgeschichte einer nationalen Erweckung, die später so abstoßende und jämmerliche Folgen zeitigte.
Prakash schreibt bald aus ironischer Dis­tanz zu seinem idealistischen Helden, der sich am Ende in der hinduistischen Nationalbewegung getäuscht sieht, bald aus dessen Innensicht. So entsteht das facettenreiche Porträt eines Intellektuellen, der das Gute will, aber Gefahr läuft, daraus eine Ideologie des Guten zu machen, die ohne das Böse und den Bösen, die es zu bekämpfen gilt, nicht auskommen kann. Am Ende muss Dr. Wakankar erkennen, was aus seinen Idealen in der politischen Realität wurde. Bang fragt er sich in seinem Tagebuch: "Hoffentlich war mein Leben nicht völlig vergeblich."
Als Arzt hat Wakankar den genialen diagnostischen Blick. Er hält nicht viel von den Chirurgen, die immer alles auf-, ab- oder herausschneiden müssen, ihm genügt es, in das Auge des Patienten zu sehen, um zu wissen, woran er leidet. Diese Begabung lässt ihn zwar beim mürrischen Premierminister, der ihm zufällig über den Weg läuft, sofort die richtige Diagnose stellen – "chronische Verstopfung und Hämorrhoiden" –, sie nützt seiner beruflichen Karriere jedoch wenig, denn als leidenschaftlich naiver Kämpfer für das Gute eckt er in jedem Krankenhaus bei den korrupten Oberärzten und Verwaltern an. So wird er zuerst in eine abgelegene Bergregion versetzt, wo die indigene Urbevölkerung, die Adivasi, darbt und an Seuchen dahinstirbt, später in eine Bergarbeiterstadt in der Provinz, in der die Jugend sich mit der Polizei immer wieder heftige Gefechte liefert.

Eines Tages hat die Hindubewegung gesiegt, ohne dass sich im Lande irgendetwas zum Besseren wenden würde. Ganz Indien ist käuflich, vom Premierminister bis zum Provinzpolizisten, und dass es jetzt die Hindus sind, die sich die Pfründe des Staates unter den Nagel reißen, daran leidet niemand mehr als der Hinduaktivist der ersten Stunde, jener unbeugsame Dr. Wakankar, der sein Leben, das Glück der Familie, die Gesundheit einer Illusion geopfert hat. Aber eine letzte Bewährungsprobe wartet noch auf ihn, die er zwar nicht überleben, aber dennoch glänzend bestehen wird.
Die wahre Geschichte eines Landes steht in seiner Literatur geschrieben; anzuzeigen ist ein kleiner, feiner Roman, in dem die Konflikte dieses großen Landes am Schicksal eines "aufrechten Hindus" erfahrbar werden.

Karl-Markus Gauß in FALTER 37/2009 vom 11.09.2009 (S. 26)


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