Die beste aller Welten

von Irena Brežná

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Verlag: Ebersbach & Simon
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Erscheinungsdatum: 01.07.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Jetzt müssen wir nur noch glücklich sein

Wie hat man sich die "beste aller Welten" vorzustellen? Wohl kaum so, wie es im Roman der slowakisch-schweizerischen Schriftstellerin Irena Brežná vorkommt: nämlich als arbeits- und entbehrungsreiches Leben im (tschecho-)slowakischen Realsozialismus der 60er-Jahre. Dennoch glaubt die Protagonistin fest an diesen: an die treue Freundschaft des kleinen Landes zum großen, beschützenden Bruder, an den gemeinsamen Feind jenseits des Ozeans und an die Solidarität der Proletarier.
Immerhin, so muss relativierend angemerkt werden, ist die Ich-Erzählerin Jana erst elf Jahre alt. Dementsprechend naiv und einfach sind ihre Perspektive und Sprache: "Schade, der Krieg ist vorbei, auch die Große Revolution ist vorbei, und unsere Proletarier sind schon frei. Alles Wichtige ist getan, wir müssen nur noch glücklich sein, und das ist furchtbar schwierig."
Die gesellschaftspolitischen Bezüge bleiben in den propagandistischen Metaphern stecken, wie sie das Mädchen von der "Kollegin Lehrerin" tagtäglich vorgesetzt bekommt. Jana hält sich daran fest "wie am letzten Strohhalm", wird sie doch ständig von der subversiv agierenden Mutter und dem bürgerlichen Vater sowie der an der alten Gesellschaftsordnung festhaltenden Großmutter in ihrer vorbildlich proletarischen Haltung erschüttert. Als die Mutter aufgrund ihrer Fluchtpläne inhaftiert wird, setzt in Jana ein Bewusstwerdungsprozess ein, der sie zwischen die Weltbilder geraten lässt. Dies findet seinen Ausdruck in sprachlichen Kippbildern, die mit der Mehrdeutigkeit der Worte spielen, wörtlich nehmen, wo allegorisch gesprochen wird, und allegorisch sprechen, wo die Wahrheit tabu ist.

Der Till-Eulenspiegel-Effekt ist dadurch vorprogrammiert. Die Kluft zwischen verkündeten Worten und unterlassenen Taten wächst in Janas Wahrnehmung wie ihre Kritik am eigenen Volk, das sie liebevoll "Täubchenvolk" nennt. Wo sie seinen Fatalismus, die mangelnde Willenskraft, die Ziellosigkeit und Resignation anprangert, büßt die ansonsten erstaunlich konsequent durchgehaltene Perspektive einer Elfjährigen an Glaubwürdigkeit ein.
Jana muss an das totalitäre System glauben, denn sie weiß es nicht besser. Durch die Versuche, es mit der Logik eines Kindes zu begreifen, bekommt ihr proletarisches Bewusstsein Risse: "Wir sind ein kleines Land mit einem großen Freund. Ich kann es allerdings kaum glauben, dass ein Großer einen kleinen Freund nötig hat. (…) Wir lernen in der Schule die große Sprache, denn Freunde soll man verstehen, umso mehr, wenn man ihnen nicht traut." Mit Logik ist gleichgeschalteten Systemen nicht beizukommen, mit einem gesunden Misstrauen gegenüber den Mitmenschen, hinter denen Denunzianten stecken könnten, schon eher.

Ein Jahr sitzt Janas Mutter in Haft. Es ist rührend, wie die Tochter mit der Abwesenheit umgeht, wie sie die widerspenstige Mutter aus ideologischen Gründen erst skeptisch betrachtet, im Laufe dieses Jahres aber immer besser zu verstehen lernt – auch deshalb, weil Jana beginnt, zu einer Frau heranzureifen. War ihr das kokette Verhalten ihrer schönen Mutter zuvor peinlich, erkennt sie nun, dass die "Waffen der Frau" durchaus politischen Zwecken dienen und selbst fest verschlossene Gefängnistüren öffnen können.
In einschlägig ideologisierter Wortwahl beginnt sie über das Verhältnis der Geschlechter nachzudenken: "Bei uns denken die Männer weiterhin wie ehemalige Grundbesitzer, als gehörten ihnen die wichtigsten weiblichen Körperländereien. Wenn ich groß bin, werde ich die Gutsbesitzer enteignen." Mit der Mär der Gleichstellung der Geschlechter im Realsozialismus wird hier gehörig aufgeräumt.
Irena Brežná, die selbst 1968 aus der Slowakei in die Schweiz emigrierte und schriftstellerisch in der deutschen Sprache verankert ist, ist bisher vor allem durch Reportagen über Mittel- und Osteuropa hervorgetreten. In ihrem ersten Roman "Die beste aller Welten" versteht sie es, eine naive Sichtweise ideologiekritisch zu nutzen, ohne dabei direkt anzugreifen. Das stellt sie in eine Reihe mit Imre Kertész und Herta Müller.
Den Roman als "leichte Lektüre" zu bezeichnen, wie dies der Verlag tut, wird dem Buch nicht gerecht. Mag die einfach gehaltene Sprache auf den ersten Blick auch leicht wirken, so sind darin doch überaus komplexe Gedankengänge verpackt, die ein Lesen auf mehreren Ebenen erfordert. Salopper formuliert: selten einen gedanklich so dichten Prosatext gelesen, der mit einer so einfachen und zugleich schönen Sprache daherkommt.

Alexandra Millner in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 14)


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