Avantgarde-Routine

von Thomas Raab

€ 11,40
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Verlag: Parodos Verlag
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur
Umfang: 92 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.10.2008

Rezension aus FALTER 50/2008

Keine leere Schachtel

Der aus Graz stammende, in Wien lebende Prosaautor und Kognitionsforscher Raab erlangte unlängst mit einer skurrilen Presseaussendung einiges an Aufmerksamkeit: Nach dem Tod von Michael Crichton (2,06 m!) sei er (Körpergröße 200 cm!) nun der größte lebende Autor der Welt. Im Hochformat kam nun sein jüngstes Buch heraus, dessen Cover ein Foto von Raab zeigt, der, selbst eine Zigarette angesteckt, dem Betrachter eine Packung "Avangard No 9" entgegenhält. Das Sujet stellt schalkhaft die berühmte Fotoarbeit der Künstlerin Valie Export mit der Smart-Export-Schachtel aus dem Jahr 1970 nach.
Der Umschlag nimmt Kernthesen des Buchs vorweg: An die Stelle von Innovation ist die ironisierende Wiederholung getreten, "Avantgarde, die Neunte" sozusagen; der kreative Akt gerinnt zur Präsentation des Gegebenen, die vorgezeigte Schachtel bleibt ohne den die Ironie transportierenden Kontextverweis sinn-leer.

Raab bemerkt zutreffend, dass unter Künstlern heutzutage lediglich darüber Übereinstimmung herrscht, dass es keine Avantgarde mehr gäbe. Die Frage nach der Vorreiterrolle der Kunst sei vom "Problem des Reüssierens auf dem jeweiligen Markt verdrängt" worden. Wie einstmals avantgardistische Praktiken (z.B. Lautpoe­sie) in der Reklame Verwendung finden, driftet der Begriff "Avantgarde" als bloße Spielmarke zur Bezeichnung von etwas Ausgesuchtem in die Warenwelt ab: "smooth purified taste – new enriched flavor", wie die kroatische "Avangard"-Schachtel verspricht.
Mit der historischen Sichtweise reiht sich Raab zunächst in die Hauptabteilung der Avantgarde-Diskussion ein, und auch seine Periodisierung erfolgt gemäß gängiger Literatur: "klassische" Avantgarde nach 1860, "historische" 1900 bis 1920 und Neo-Avantgarde 1950 bis 1970. In den Blickpunkt rückt Raab das Entstehen derartiger Bewegungen, wobei er als deren Voraussetzung vier Subroutinen annimmt: Erstens wirtschaftliche Prosperität mit ausreichend Zeit- und Bildungsressourcen, die für ein distanziertes "ästhetisches" Erleben notwendig sind; zweitens eine parareligiöse Utopie seitens der Künstler, die diese motiviert, große Ressourcen für nicht unmittelbar gewinnbringende Vorstellungen aufzubringen; drittens ein großer demografischer Druck, der Vertreter der aufstrebenden Intellektuellenschicht in neue Betätigungsfelder jenseits der besetzten Spitzenpositionen treibt, und schließlich das Vorhandensein eines "staatstragenden" Publikums, das mit Ablehnung auf die Neuerungen der Umstürzler reagiert, wodurch diese erst zu Gruppen zusammengeschweißt würden.
Infolge der Kürze von Raabs Darstellung ergibt sich freilich ein Manko an empirischen Daten, was der Argumentation fallweise die Plausibilität nimmt. Die zitierten demografischen Untersuchungen beschränken sich auf Frankreich im 19. Jahrhundert, weshalb unausgesprochen bleibt, dass die Voraussetzungen etwa der russischen Avantgarde nach 1900 grundverschieden waren von jenen der italienischen Futuristen oder der künstlerischen Vorhut in Zürich oder Berlin zur selben Zeit.
Hingegen sind Raabs kognitionswissenschaftlichen Ausführungen nachvollziehbar und gewitzt, vor allem dann, wenn der Autor mittels Selbstbeobachtung gewonnene Einsichten zum Besten gibt oder wenn er das Innenleben des Individuums mit dessen Mikro-Ökonomie eng führt. Als nicht haltbar erweist sich dagegen seine Behauptung, dass sich die avantgardistischen Utopien einer generellen Abneigung gegenüber naturwissenschaftlichem Denken und der Technik verdanken würden. Die für etliche Avantgardisten charakteristische Technikbegeisterung (zum Beispiel der Futuristen) blendet er ebenso wie den gesamten Mediendiskurs aus seiner Analyse aus. Damit wird auch die Frage nach der allfälligen Existenz zeitgenössischer Techno- oder Cyber-Avantgarden hinfällig.

Raabs Essay geht vor allem mit seiner Analyse der Befindlichkeit aktueller "creative industries" über die Routine jüngerer Avantgarde-Darstellungen hinaus. Mit Beispielen von Paul Virilio bis Johnny Rotten führt er den Nachweis, wie seit den Siebzigerjahren Avantgarden und deren Utopien in diverse Subkulturen aufgegangen sind. Den entscheidenden Grund, weswegen es keine Avantgarden mehr gebe, setzt Raab im Fehlen eines entsprechenden Publikums an. Die Führungsschicht von "proletarischen Managern oder managenden Proletariern" ist heute jeglicher künstlerischen Äußerung gegenüber indifferent, weil vollkommen tolerant. Künstler, so heißt es, seien heute nur mehr "role models einer wirtschaftlich effektiven Erbenkultur". Anstelle von avantgardistischen Utopien bleibt der Kunst lediglich Selbstironisierung als Routine.

Paul Pechmann in FALTER 50/2008 vom 12.12.2008 (S. 55)


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