Digitale Öffentlichkeit
Neue Wege zum ethischen Konsens

von Christine Kolbe

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin University Press ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Genre: Medien, Kommunikation/Medienwissenschaft
Erscheinungsdatum: 26.09.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Im Superhirn fiepen digitale Synapsen

Als der 22-jährige Matti Juhani Saari im finnischen Kauhajoki im September zehn Menschen erschoss, hatte er diese Tat zuvor über YouTube angekündigt. Ohne Internet wäre das nicht passiert, argwöhnten daraufhin Technokritiker. Das Internet stelle narzisstischen Psychopathen erst eine weltweite Bühne für ihre krankhafte Selbstdarstellung. Werden wir durch das Internet tatsächlich brutaler und blöder? Oder werden wir durch die ständige Vernetzung – nicht nur sozial – intelligenter? Solchen Fragen gehen zwei Bücher nach, die in Form und Inhalt unterschiedlicher nicht sein könnten.
Das erste stammt von Michael Maier, dem ehemaligen Chefredakteur der Presse und des Stern sowie Begründer der Netzeitung. Seinem Buch "Die ersten Tage der Zukunft" ist zugutezuhalten, dass es zwei starke Thesen bereithält. Seiner journalistischen Herkunft gemäß verpackt sie Maier bereits im Untertitel: "Wie wir mit dem Internet unser Denken verändern und die Welt retten können". Ausgangspunkt und erste These: Wir stehen heute vor einem Abgrund, der etwas mit "Ozonloch. Erderwärmung. Klimakatastrophe. Eiszeit" zu tun hat – und mit der Energiekrise, Atombomben, dem Völkermord im Sudan und Osama Bin Laden auch irgendwie.
Viel genauer führt Maier das nicht aus. Jedenfalls könnte es bald zu spät sein, und die Menschheit bedürfe einer kollektiven Anstrengung, um sich der kommenden Gefahren zu erwehren.

Hier kommt das Internet ins Spiel. In schillernden Farben zeichnet Maier ein Bild, wie Menschen durch My­Space, Facebook & Co quasi spielerisch Kollaboration und Partizipation lernen können. Im Gegensatz zu den Vor-Internetgesellschaften mit ihren vertikalen Hierarchien und entsprechend alten Eliten komme es im Web auf jeden Einzelnen an, gebe es eine Kommunikation aller mit allen.
Diese Grassroots-Interaktion werde in Zukunft der Schlüssel sein, dem drohenden Kollaps zu entkommen. Nur die besten Ideen könnten uns dabei helfen – und das Internet sei das passende Medium dazu, so die zweite These Maiers.
So weit, so gut. In den vergangenen Jahren lobten oder verteufelten Vertreter aller politischen Couleurs die kollektive Intelligenz, die durch das Internet gefördert wird. So warnte der Computerwissenschaftler Jaron Lanier vor ihrem Hang zum Totalitären und bezeichnete sie als "digitalen Maoismus", in dem der Einzelne auf der Strecke bleibe.
Michael Hardt und Antonio Negri hingegen sahen im Netzwerk schlechthin die Form aktueller Gesellschaften. Ihr politisches Subjekt, die Multitude, verbanden sie mit utopischen Hoffnungen, die sich auf die neuen Formen transnationalen Zusammenarbeitens via Web stützten. Und wie steht Michael Maier dazu? Leider gar nicht.

Statt handelnde Subjekte mit Interessen zu beschreiben, greift der studierte Jurist in die Kiste der Naturwissenschaft. Die vielen kleinen Menschen, die in Chatrooms herumwuseln, Instant Messaging benutzen oder bloggen, sind für Maier Synapsen des "Superhirns Internet". Schalthebel und Teile dieses größeren Ganzen, das uns "besser, klüger und schneller" vor dem Abgrund bewahren könne.
Doch der Hirnmetapher nicht genug, schnappt auch noch die Delfinfalle zu. Das Echolotsystem, mit dem sich die putzigen Meeressäuger unter Wasser über weite Strecken mit Angehörigen ihrer Schule unterhalten, soll Vorbild für die Menschen sein. Genauso schnell und sozial erfolge auch die Kommunikation über das Internet.
Maier projiziert menschliches Verhalten munter ins Tierreich und vergisst dabei auf das soziale und politische Wesen des Menschen, das nicht erst durch das Internet erfunden wurde. Das einzige handelnde Subjekt in seinem Buch ist die Spezies Mensch. Diese könne sich durch die via Internet neu erlernte soziale Intelligenz nicht nur retten, sondern im Vor­übergehen auch noch die Klassenfrage lösen.
Das Problem dabei: Diese Art hat noch nie jemand gesehen.
Die Spezies Mensch hat die Eigentümlichkeit, sich nicht als solche zu begreifen. Viel eher neigt sie dazu, sich als möglichst vielfältig aufzufassen: Die Unterschiede zwischen Griechen und Barbaren, Amerikanern und Russen etc. sind das, was Menschen zumindest bisher ausmachte. Man kann dazu auch Gesellschaft und Geschichte sagen. Nur wer diese simple Tatsache und dazu noch die Zeit des Kalten Kriegs vergisst, kann wie Michael Maier bizarr unhistorische Sätze schreiben wie: "Warum der Mensch auf den Mond flog, ist noch nicht ganz klar."
Maiers Buch ist da am besten, wo man seine persönliche Begeisterung für das Netz spürt. Wenn er die alten Eliten attackiert, weil sie sich vor dem neuen Kollektiv fürchten, und er lieber von den eigenen Kindern lernt, entstehen die lebendigsten Sätze.
Den Vorwurf, zu wenig historisch zu argumentieren, kann man Christine Kolbe nicht machen. Im Gegenteil. In ihrem Buch "Digitale Öffentlichkeit" kümmert sich die deutsche Philosophin vornehmlich um die Geschichte und schreckt vor einer Beurteilung der Gegenwart zurück. Ihr Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen den bestimmenden Medien einer Gesellschaft und deren Fragen nach dem "guten Leben" aufzuzeigen.
Um zu überprüfen, ob sie das auch erreicht, heißt es, sich erst einmal an Kolbes Sprache samt akademischem Substantiv-Stakkato zu gewöhnen.
Abgesehen davon liefert Kolbe für die zwei von ihr ausgesuchten historischen Epochen interessante Zusammenhänge. Sowohl für den Beginn der philosophischen Ethik in der Antike als auch für die deutsche Aufklärung beschreibt sie das Verhältnis von ethischer Reflexion und vorherrschendem Medium als wechselseitig wichtiges.
Im Griechenland des 5. Jahrhunderts v. Chr. vollzog sich der Übergang einer Gesellschaft, die sich vor allem mündlich über das "gute Leben" verständigte, hin zu einer schriftlich geprägten. Dieser Prozess der Literalisierung habe sich auch auf die ethische Reflexion ausgewirkt, meint Kolbe.

Der sokratische Dialog etwa, der über geteilte Begriffsfindungen auch zu gemeinsamen normativen Haltungen führen sollte, war noch eine klassisch mündliche Technik. Bei seinem Schüler Plato sah das schon anders aus. Dieser kritisierte zwar ausdrücklich die Schrift als Medium, das im Gegensatz zum Gespräch keine individuelle Zuwendung möglich mache. Diese Kritik selbst und seine Ideenlehre mit der zentralen Idee des Guten wurden aber schriftlich vorgebracht.
Aristoteles schließlich als Begründer der Wissenschaften bediente sich erstmals durchgängig eines "objektiv rationalen Begründungsprozederes" und dies dazu passend "konsequent und vollständig in schriftlicher Sprache". Auch die Fragen nach dem richtigen Leben und die Unterscheidung von Gut und Böse mussten sich nach wissenschaftlichen Kriterien richten, die Schrift war das passende Medium der dafür nötigen Arbeit an Definitionen, Begriffen und Systematik. So einschneidend wie die Literalisierung in der Antike ist die Erfindung des Buchdrucks in der Neuzeit gewesen. Mit ihm entstand erstmals der öffentliche Raum, ein größeres Publikum, an das sich etwa Immanuel Kant bei der Formulierung seiner vernunftgeleiteten Moraltheorie wandte.

So überzeugend und umfangreich, wie Kolbe die historischen Parallelen von ethischer Reflexion und medialen Bedingungen zieht, so enttäuschend endet aber letztlich ihre Beschreibung der Gegenwart. Welche Strukturen digitale Öffentlichkeit hat – relativ leichte Teilhabe am Diskurs, Orts- und Zeitungebundenheit, Interaktivität etc. –, das wurde schon vielfach beschrieben, nun auch ausführlich von Kolbe. Relativ kurz geht sie auf das Verhältnis dieser Strukturen zu dem von ihr ausgesuchten Bereich angewandter Ethik, der Bioethik, ein.
Wie das "Superhirn Internet" im Michael Maier'schen Sinne dazu beitragen könnte, die durch den medizinischen Fortschritt neuen Fragen nach Anfang und Ende des Lebens zu beantworten, wird nur angedeutet. Und nachdem man sich von einem hoffnungsvollen Cliffhanger zum nächsten durchgelesen hat, heißt es bei Kolbe auf der allerletzten Seite unleugbar richtig, aber lapidar: "Die Beschreibung des Neuen ist erst möglich, wenn das Neue schon wieder alt ist."

Lukas Wieselberg in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 48)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die ersten Tage der Zukunft (Michael Maier)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb