Eine Kiste explodierender Mangos
Roman

von Mohammed Hanif

Derzeit nicht lieferbar

Übersetzung: Ursula Gräfe
Verlag: A1 Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 384 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.03.2009

Rezension aus FALTER 24/2009

Von Bomben und Bandwürmern bedroht

Weiß noch jemand, wer Zia ul-Hac war? Der schwergewichtige Mann mit dem messerscharf gezogenen Mittelscheitel, dem enormen, kühn gezwirbelten Schnurrbart und dem Grinsen, das wie für die Ewigkeit auf seinem Gesicht gefroren schien? Bei uns ist der pakistanische Präsident, der sich 1977 als Oberkommandierender der größten muslimischen Armee an die Macht putschte und seinen Vorgänger hinrichten ließ, schon fast wieder vergessen.

Dabei war er einst der Lieblingsdespot des Westens. Seine Armee wurde mit amerikanischer Hilfe zur Atommacht aufgerüstet und er selbst vom CIA als Pate jener afghanischen Dschihadisten eingesetzt, die die Welt seither nicht mehr losgeworden ist. Ziu ul-Hac war an vorderster Stelle dabei, als aus frommen Muslimen, die sich gegen die Kommunisten in den Krieg schicken ließen, Gotteskrieger wurden, die ihre Waffen gegen den spendablen Ausrüster von gestern kehrten.
Was immer wir heute an schlechten Nachrichten aus Afghanistan oder Pakis-tan zu hören bekommen, es hat mit dem grobschlächtigen General zu tun. Er war es, der die Islamisierung der Gesellschaft, der sich Pakistan heute kaum mehr zu erwehren vermag, in die Wege geleitet und die terroristischen Organisationen des Nachbarlands, die inzwischen sein eigenes Land bedrohen, großgezogen hat. Am 17. August 1988 ist der Finsterling bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Bis heute ist nicht geklärt, ob es ein Unfall oder ein Attentat war, das mit dem Diktator auch dessen halber Regierungsmannschaft den Tod bescherte.

Wie Zia ul-Hac gestorben ist, gestorben sein könnte, davon handelt der rasante und hochkomische Roman "Eine Kiste explodierender Mangos", in dem der Autor, der 1965 im Osten Pakistans geborene Mohammed Hanif, allerdings auch davon erzählt, was es heißt, in einer Diktatur zu leben. Es ist eine pechschwarze, streckenweise rabiate und höhnische Satire, die er geschrieben hat. Aber auch als politischer Thriller hat sein Roman einiges zu bieten, den man überdies dem vor allem in Lateinamerika gepflegten Genre des Diktatorenromans zurechnen könnte; Ziu ul-Hac ist ein düsterer asiatischer Widergänger der Patriarchen, Despoten, Generäle, mit denen sich die lateinamerikanische Literatur nicht zufällig so häufig beschäftigt.
Die Handlung beginnt mit Juni 1988 und läuft unerbittlich auf jenen Tag zu, an dem Zia ul-Hac den Chef seines Geheimdienstes, allerlei Minister und hohe Offiziere unvermittelt nötigt, mit ihm die Staatsmaschine zu besteigen, die vier Minuten nach dem Start auf die Erde knallen wird. Solche überraschenden Verfügungen hatte Zia ul-Hac geliebt, weil er dachte, sein Leben am ehesten schützen zu können, indem er seine Feinde stets vollzählig um sich scharte. Und seine engsten Mitarbeiter waren ja seine größten Feinde. Im Übrigen baute er darauf, dass die Generäle sämtlicher Waffengattungen untereinander tödlich verfeindet waren, dass diese Generäle mit den Spitzen des Geheimdienstes verfeindet waren, der selbst wiederum aus lauter miteinander verfeindeten Cliquen bestand. Was sie alle einte, war die Furcht, der Präsident könne sie des Verrats verdächtigen, in die Pension schicken oder ins Gefängnis werfen.
Erzählt wird der Roman von dem jungen Unteroffizier Ali Shigri, der am Ende, als der Diktator und seine Entourage das Flugzeug bestiegen haben werden, in die Kamera des Fernsehens lächelt und sich den Lesern als Überlebender vorstellt: "Ich bin der, der davonkam." Ali Shigri, der köstlich grobe Volten gegen die militärische Kaste schlägt, der er selber angehört, ist der Sohn eines Offiziers, der im Auftrag des Präsidenten den Kontakt zu den afghanischen Fundamentalisten herstellte und eines Tages überraschend Selbstmord verübte. Ob er dazu genötigt wurde oder ihn nicht überhaupt Spezialisten des Geheimdienstes aufknüpften, bleibt offen; der Sohn sinnt jedenfalls auf Rache und will den Präsidenten ermorden, den er wegen seiner Grausamkeit, aber auch wegen seiner Dummheit und bigotten Frömmelei verachtet.
Ziu ul-Hac hatte die Gewohnheit, in jeder Lebenslage "den Koran zurate zu ziehen – als wäre es nicht das Wort Gottes, sondern das Tageshoroskop auf der letzten Seite der Pakistan Times". Mehr wundergläubig als spirituell empfindsam war er "ein Mullah, dessen Verständnis von Religion nicht über das Nachplappern dessen hinausging, was er von anderen Mullahs gehört hatte". Nach und nach erfahren wir, dass Ali Shrigi beileibe nicht der Einzige ist, der ein Attentat auf den Präsidenten, diesen "Mullah mit dem Instinkt eines bestechlichen Steuerberaters", plant.

Die verschiedensten Verschwörungen werden im grotesken Finale auf dem Flughafen miteinander verknüpft: Der oberste Geheimdienstler hat Gas in die Klimaanlage des Flugzeugs gefüllt, das er nun selber besteigen muss und in dem Gewerkschafter bereits als letztes Geschenk an den Präsidenten eine Kiste Mangos deponiert haben, die alsbald explodieren werden, aber auch eine Giftschlange ist mit dabei und eine vergiftete Säbelspitze spielt eine Rolle; doch ehe seine Feinde dem Präsidenten den Garaus machen könnten, quillt bereits Kot und Blut aus ihm, denn der Bandwurm, der seit langem in ihm ist und an ihm frisst, hat sich endlich durch die Leber zum Herzen durchgearbeitet ...
Hanifs Roman erschien zuerst in England, dann in Indien und ist heute in Pakis­tan ein Bestseller. Solange ein Roman wie dieser, so frech und böse, voll unverstelltem Hass auf die korrupte Staatsbande wie die frömmlerischen Menschenfeinde, dort erscheinen kann, ist noch nicht alle Hoffnung für Pakistan verloren. 

Karl-Markus Gauß in FALTER 24/2009 vom 12.06.2009 (S. 30)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb