Darwin
Die Entdeckung des Zweifels

von Petra Werner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Osburg
Erscheinungsdatum: 01.01.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Schafft den Darwinismus ab!

So ein Doppeljubiläum klingt zunächst einmal wie eine feine Sache: Vor 200 Jahren wurde Charles Darwin geboren, vor 150 Jahren erschien sein Hauptwerk "Über den Ursprung der Arten". Nur hat das simultane Hochlebenlassen von Mann und Theorie so seine Tücken. Klar, man darf Darwin als den größten Biologen aller Zeiten verehren. Nur hat sich die Evolutionstheorie seit seinen Lebzeiten derartig dramatisch weiterentwickelt, dass dem englischen Rauschebart wohl Hören und Sehen verginge, hörte er von Neandertaler- DNA oder Populationsgenetik.
Die britische Evolutionsbiologin Olivia Judson schlug daher in ihrem exzellenten Blog "The Wild Side" vor, den Begriff Darwinismus abzuschaffen. Wir flögen ja auch mit Flugzeugen und nicht mit "Wrighties". Ein ebenso berechtigter wie aussichtsloser Einspruch, Darwin und seine Theorie bleiben in unserer Vorstellungswelt untrennbar miteinander verbunden. Das wissen auch die Verlage, die seit langem gierig auf das Doppeljubiläum 2009 stieren und schon seit Monaten Sachbücher en masse auf den Markt bringen. Nur leidet so manche Neuerscheinung an dem Spagat zwischen historischem Darwin und der aktuellen Forschung.

Zum Beispiel "Tatsache Evolution. Was Darwin nicht wissen konnte" von Ulrich Kutschera. Was den historischen Teil angeht, praktiziert Kutschera eine überholte, weil kontextarme Geschichte der großen Männer. Was die Rekapitulation des Forschungsstandes seiner eigenen Disziplin angeht, hat der deutsche Evolutionsbiologe zwar viel Wissenswertes mitzuteilen, verharrt aber beim Frontalunterricht. Zudem verleidet einem die Penetranz, mit der er sich selbst zitiert, das Lesen gehörig.
Auch Steve Jones mangelt es nicht an Selbstbewusstsein, aber wenigstens schreibt der Brite besser als Kutschera. "Darwins Garten" will ein intellektueller Spaziergang durch die sehr unterschiedlichen Interessengebiete des Jubilars sein und dabei den Leser quasi auf den neuesten Stand bringen. Und zwar mithilfe von fleischfressenden Pflanzen, dem Gefühlsleben von Hunden und Affen und den Verdiensten der Regenwürmer. Das liest sich gut, gerät aber mitunter etwas geschwätzig und reichlich bunt. Der Versuch, historische Person und aktuelle Erkenntnisse zur Deckung zu bringen, wirkt forciert. Darwin dient in erster Linie als Wäscheleine, auf der die Themen aneinandergereiht werden.
Dann vielleicht besser nur den Namen auf den Buchdeckel schreiben? "Der Darwin- Code" von Thomas Junker und Sabine Paul ist das 137. Buch, das uns erklärt, warum wir eigentlich noch Steinzeitmenschen sind: nämlich weil sich unsere Gene in den letzten 10.000 Jahren kaum verändert haben. Durch die Brille der evolutionären Psychologie versteht man unsere Vorliebe für fettiges Essen, die Anziehungskraft wohlgeformter Körper des jeweils anderen Geschlechts und sogar Selbstmordattentäter. Diese sprengen deshalb ihren eigenen Genpool in die Luft und verzichten damit auf Fortpflanzung, weil sie damit ihrer Sippschaft nützen, die ja zum Teil auch ihre Gene trägt. Fachbegriff: Verwandtenselektion. Noch lustiger wird es am Ende, als Junker und Paul allen Ernstes behaupten, die Naturwissenschaften könnten natürlich die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten. Den Kulturwissenschaften legen sie ans Herz, doch bitte die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie nicht weiter zu ignorieren, sonst könnten sie "keine begründeten Aussagen über den Menschen machen". Sie selbst hingegen ignorieren sozial- und kulturwissenschaftliche Ansätze weitgehend.

Die blinden Flecken der evolutionären Psychologie sind bestens bekannt. Zum 137. Mal sei hier deswegen gesagt: Menschen mit ihren Genen gleichzusetzen ist irreführend. Die kulturelle Evolution hat den Menschen in den letzten 10.000 Jahren wesentlich geprägt. Selbst auf rein biologischer Ebene sind die Gene nicht die einzigen Informationsträger.
Wenn es darum geht, wer wir sind und woher wir kommen, sind gewisse Themen wohl unvermeidlich. Dazu gehört auch die leidige Auseinandersetzung mit dem Kreationismus, die sich im Kreis zu drehen scheint. Einen bemerkenswerten Ausbruchsversuch unternimmt der US-amerikanische Philosoph Philip Kitcher. In "Mit Darwin leben" zerlegt er zunächst die verschiedenen Spielarten des Schöpfungsglaubens bis hin zum pseudowissenschaftlich gewandeten Intelligent Design in ihre staubigen Einzelteile.
Müsste man sich auf eine öffentliche Debatte mit Kreationisten vorbereiten: Dieses Buch liefert genau die Beispiele, mit denen man ein unentschlossenes Publikum gewinnen könnte. Etwa die zahlreichen Belege für unintelligentes Design in der Ausstattung vieler Lebewesen, denn die Evolution ist kurzsichtig und opportunistisch in ihrer Bauweise. So gleicht unsere DNA einer Müllhalde, und unsere Samen- und Eileiter sind unsinnigerweise verschlungen.
Kitcher ist die sanfte Alternative zu Richard Dawkins, der mit dem Vorschlaghammer auf das Kartenhaus des Kreationismus eindrischt und für religiöse Sensibilitäten nichts übrig hat. Gläubige Menschen werden aber ihre Überzeugungen nicht für ein Linsengericht aufgeben, so Kitcher. Wem es um das Seelenheil geht, bei dem stechen folgende Argumente nicht: Ohne vernünftige Wissenschaft schrumpft die Wirtschaft oder können die Kinder der Leser nicht in Harvard studieren. Kitcher hat Recht: Der Darwinismus ist subversiv – und wie man spirituelle Bedürfnisse damit versöhnt, ist noch lange nicht ausgemacht.

Dies war wohl schon dem Meister selbst bewusst. Petra Werner erzählt in "Darwin. Die Entdeckung des Zweifels" sein Leben nahe an den Quellen und doch romanhaft: hier ein Plausch der Eheleute, dort eine gelehrte Diskussion am Kaminfeuer. Unklar bleibt, worin der Mehrwert einer literarischen Aufarbeitung besteht, wenn die Autorin sie lediglich zaghaft hier und da ein wenig ausschmückt. Noch dazu, wo der Blick durchs imaginierte Schlüsselloch zu rührseligem Biedermeier tendiert.
Nein, dann doch lieber eine richtige Biografie, etwa die des US-amerikanischen Wissenschaftsjournalisten David Quammen, der etwa auch Darwins kleine Eitelkeiten und seinen gut versteckten Ehrgeiz in einem einfühlsamen Porträt zeigt. "Charles Darwin" ist blendend geschrieben, nicht episch breit, sondern problemorientiert angelegt und noch dazu reflektiert. Warum etwa wartete Darwin mit der Veröffentlichung seiner Theorie zwei Jahrzehnte? Die Antwort darauf gibt es nicht, auch so banale Dinge wie Zeitmangel spielten eine Rolle.

Wer eine neue Interpretation von Darwins Leben(swerk) sucht, muss zum gerade erst auf Englisch erschienenen "Darwin's Sacred Cause" greifen. Die bewährten Darwin- Biografen Adrian Desmond und James Moore führen zwei Gründe dafür an, dass Darwins entschiedene Ablehnung der Sklaverei die Entwicklung seiner Abstammungslehre entscheidend beförderte. Erstens kämpfte die Familie Darwin und noch mehr die eng mit ihr verbandelte Familie Wedgwood seit mehreren Generationen für die Abschaffung der Sklaverei. Und zweitens sah Darwin auf seiner Weltreise nicht nur die Formenvielfalt der Natur, sondern eben auch, wie in Südamerika Sklaven auf das Übelste misshandelt wurden. Befürworter der Sklaverei behaupteten stets eine naturgegebene Ungleichheit, dagegen setzte Darwin einen gemeinsamen Ursprung. Bei ihm wurden alle Menschen Brüder (und Schwestern) und freilich gleichzeitig auch alle Menschen Tiere. Vielleicht ist die Interpretation von Desmond und Moore überspitzt, sympathisch ist sie allemal. Charles Darwin, er lebe hoch!

Oliver Hochadel in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 35)


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