Welt der Autokraten

Wie Xi, Putin, Trump und Co. die Demokratie bedrohen
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Moskau und Ankara, Peking und Brasilia, Neu-Delhi — und Washington: In all diesen Hauptstädten kamen zuletzt Autokraten an die Macht. Diese "strongmen" sind Nationalisten und sozial Konservative mit Hang zum Personenkult. Für Minderheiten und Einwanderer haben sie wenig übrig. Daheim behaupten sie, an der Seite der "einfachen Leute" gegen die "globalen Eliten" zu stehen, auf der Weltbühne nehmen sie für sich in Anspruch, die Nation zu verkörpern. Dieser Politikertyp herrscht längst nicht mehr nur über autoritäre Systeme, sondern taucht selbst im Herzen der liberalen Demokratie auf. Gideon Rachman beschreibt den Aufstieg der Autokraten als globales Phänomen.

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FALTER-Rezension

"Es ist kein Zufall, dass Strongmen fast immer Männer sind"

Auf dem Dach der Financial Times (FT) weht sie noch stolz im Wind, die blaue EU-Fahne mit den goldenen Sternen. Der Brexit hat wenig daran ändern können, dass die Redaktion der ehrwürdigen rosafarbigen Tageszeitung noch immer ein Hort des proeuropäischen Denkens ist.
Seit dem Covid-bedingten Lockdown kommen die Journalistinnen und Journalisten nicht mehr jeden Tag in die Redaktion. Doch am Tag nach Michail Gorbatschows Tod in Moskau ist hier am Ufer der Themse Hochbetrieb.

Auch Gideon Rachman ist gekommen, für Gorbatschow ist der Chefkommentator für Außenpolitik in der FT zuständig. Rachman hat die Lockdowns während der Covid-Pandemie genutzt. Er hat ein neues Buch geschrieben -"The Age of the Strongman" heißt es auf Englisch, auf Deutsch etwas weniger spritzig "Die Welt der Autokraten".

Falter: Mister Rachman, Sie sind im Juni auf der Schwarzen Liste der russischen Regierung gelandet - wegen angeblich einseitiger Berichterstattung. Sie dürfen nicht mehr nach Russland einreisen. Ist das nicht beinahe eine Ehre, dass Putin Sie so ernst nimmt?

Rachman: Ich bin eher traurig. Ich war immer gerne in Russland. Das erste Mal war ich in Moskau Ende der 80er-Jahre, als Gorbatschow an der Macht war. Die Zeitenwende lag in der Luft. Danach kam ich öfter, es ist immer spannend gewesen. Einer meiner russischen Kontakte, Kreml-Insider Fjodor Lukjanow, sagte zu mir 2019: Putins größte Angst ist, dass Russland unter seiner Herrschaft zum ersten Mal in Jahrhunderten den Status einer Großmacht verlieren könnte. Da hatte er wohl recht.

Wie sehr behindert es Ihre Arbeit, dass Sie Russland nicht mehr von innen beobachten können?

Rachman: Wir kennen das aus der Pandemie, man lebt noch eine Weile gut von den Kontakten, die man vorher aufgebaut hatte. Einen Vorteil hatte die Pandemie auf jeden Fall: Ich konnte mein Buch schreiben, weil ich nicht ständig gereist bin. Meine Kolumnen aber wurden graduell in der Pandemie schon ein bisschen schwächer. Wenn man wo war, versteht man einfach mehr und die Kolumnen geraten lebhafter. Ich frage mich jetzt, ob der russische Reisebann die Chinesen und andere autoritäre Regierungen inspirieren könnte, kritische Journalisten nicht mehr einreisen zu lassen.

Könnten Sie noch jemanden im Kreml erreichen, würde Putins Sprecher Dmitri Peskow noch für Gideon Rachman von der FT abheben?

Rachman: Das glaube ich nicht. Als ich relativ am Anfang von Putins Ära mit ein paar Kollegen bei Peskow im Kreml war, erschienen auf seinem Computerschirm schon Zitate aus Orwells Roman "1984": "Krieg ist Frieden" oder "Freiheit ist Sklaverei". Wollte er uns damals schon zu verstehen geben, was er und sein Präsident vorhatten? Im Rückblick betrachten wir alles mit dem Wissen, das wir jetzt über Putin und seine Leute haben.

Ihre Kolumnen werden weltweit gelesen, weil die FT ein globales Medium auf Englisch ist - belastet Sie die Verantwortung?

Rachman: In den meisten Fällen sind meine Kolumnen allen vollkommen egal. Wenn ich mich jetzt hinsetzen würde und sagte: "Das wird die Welt verändern!", dann wäre das a) unrichtig und b) pompös. Als Journalisten können wir -anders als Diplomaten - geradeheraus die Wahrheit sagen. Diese Tugend müssen wir uns erhalten.

Gibt es eine Kolumne, von der Sie wissen, dass sie politische Folgen hatte?

Rachman: So direkt nicht. Bis auf die Tatsache natürlich, dass ich etwas geschrieben haben muss, was mich auf Putins Schwarze Liste brachte.

Sie beschreiben den russischen Präsidenten als den Archetyp des "Strongman". Dabei hat man im Westen lange Zeit darauf gesetzt, mit Putin zusammenzuarbeiten.

Rachman: Sein Überfall auf die Ukraine hätte uns nicht so überraschen sollen. Die Rosenrevolution 2003 in Georgien und die Orange Revolution in der Ukraine 2004 haben Putin verändert. Er sah sie als Test für den russischen Ernstfall. Er fürchtete, dass auch er in einer demokratischen Rebellion die Macht verlieren könnte. Als ehemaliger Geheimdienstoffizier hielt er die Proteste nicht für spontane Demonstrationen. Für ihn waren das alles vom Westen geplante Operationen. Als er 2012, nach einem Zwischenspiel als Premierminister, als russischer Präsident in den Kreml zurückkehrte, kam es zu großen Demonstrationen in Moskau. Gaddafi war damals gerade in Libyen gestürzt worden -sein demütigendes Ende wollte Putin unbedingt vermeiden. Er schlug die Proteste hart nieder.

Warum lassen Gesellschaften, die die Wahl haben, den Weg in eine Diktatur zu?

Rachman: Ich wollte dieses Buch nicht so sehr wegen Putin schreiben, sondern wegen der Wahl von Donald Trump 2016 zum US-Präsidenten. Wir dachten, das politische Phänomen der Strongmen wäre auf Länder beschränkt, die keine starke demokratische Tradition haben. "Die Armen!", sagten wir, "das könnte in unseren reifen Demokratien nie passieren!" Dann kam dieser Trend nach Amerika. Von Trump geht die größte Gefahr für die liberale Demokratie aus.

Haben wir zu lange nicht bemerken wollen, was sich da zusammenbraut?

Rachman: US-Präsident Bill Clinton glaubte, Putin würde in Russland die Demokratie einführen. Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan galt 2003 noch als Reformer. Selbst bei Xi Jinpings Wahl zum Generalsekretär der kommunistischen Partei Chinas 2012 dachten manche, er könnte gut für Chinas Entwicklung sein.

Sie selbst hielten den indischen Premierminister Narendra Modi bei seiner Wahl 2014 auch für eine gute Option?

Rachman: Ich habe ihn nicht für einen großen demokratischen Reformer gehalten, aber ich schrieb, dass er sich gut entwickeln könnte. Ich habe mich getäuscht. Ich erwähne das deshalb auch in meinem Buch, um zu zeigen, dass viele von uns diesen Trend zu autoritären Führern unterschätzt haben.

Sie haben auch Boris Johnson in Ihr Lineup der Strongmen genommen. Jetzt ist er bereits nach knapp drei Jahren im hohen Bogen aus der Downing Street geflogen. War er am Ende eher ein Schwächling?

Rachman: Es geht bei der Definition vom starken Mann weniger um die Persönlichkeit als um den politischen Stil. Als britischer Autor, der in Großbritannien schreibt, wäre es wohl etwas seltsam gewesen, hätte ich unseren lokalen Strongman im Buch nicht erwähnt. 2016 haben wir gesehen, dass Brexit und die Wahl von Donald Trump sehr eng verknüpft waren. Obwohl sich die USA und das Vereinigte Königreich als zwei wichtige Pfeiler der liberalen Demokratie seit dem Zweiten Weltkrieg verstanden, wandten sich beide plötzlich dem Populismus zu.

Populismus ist, wie Sie im Buch schreiben, einer der vier integralen Bestandteile der Herrschaft von Strongmen. Die anderen sind: Politik mit Angst zu machen, das Gesetz zu verachten und die Behauptung, das wahre Volk zu repräsentieren.

Rachman: Genau. Sobald Boris Johnson 2019 an der Macht war, versuchte er das Parlament auszuschalten, weil es seinen harten Brexitplänen nicht zustimmen wollte. Der Höchste Gerichtshof musste dagegen einschreiten. Johnson hätte gerne den Notstand ausgerufen. Strongmen lieben den Notstand, er gibt ihnen freie Hand für autoritäre Politik. Bisher haben die britischen Institutionen aber standgehalten. In etablierten Demokratien ist es schwerer, autoritäre Herrschaft zu etablieren. Doch verlassen sollte man sich darauf sicher nicht. Siehe Amerika.

Die Nachfolger und Nachfolgerinnen von Trump und Johnson könnten unter Umständen noch gefährlicher werden. Jemand wie TV-Talkshow-Star Tucker Carlson in den USA oder Liz Truss in Großbritannien könnten sich als noch radikalere Populisten herausstellen.

Rachman: Wenn es eine wirklich schwere Wirtschaftskrise gibt, könnte Liz Truss in Versuchung kommen -unter dem Applaus der Daily Mail und anderer Massenblätter -, dann könnte es eng werden. Boris Johnson sollte man auch nicht völlig vernachlässigen -er wird jetzt im Hintergrund wie Donald Trump abwarten, ob Liz Truss spektakulär versagt, und dann versuchen zurückzukommen. Diese Bedingungen sind nicht gut für die Stabilität im Land.

Alle die von Ihnen beschriebenen Strongmen sind Männer. Sind Frauen die besseren Demokraten von Natur und Erziehung her?

Rachman: Es handelt sich bei Strongman-Politik um traditionelle Politik. Sozial progressiv ist da keiner. Getrieben werden Politiker mit autoritären Tendenzen entweder von Nationalismus oder einer nationalen Demütigung, die sie erfahren haben. Oft geht es um gesellschaftliche und soziale Fragen. Homosexualität und besonders Transgender-Anliegen -das gilt als liberaler Elitenblödsinn, mit dem ein starker Mann aufräumt. Es geht um Familie, um traditionelle Rollenverteilung. Putin hat das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen 2020 sogar in die Verfassung schreiben lassen. Es ist kein Zufall, dass Strongmen fast immer Männer sind. Die wenigen Strongwomen haben ihre politische Position geerbt - etwa die Regierungschefin von Bangladesch, Hasina Wazed, und - wenn sie gewonnen hätte -Marine Le Pen in Frankreich. Demnächst aber kommt eine neue starke Frau an die Macht: Giorgia Meloni von Fratelli d'Italia.

Eines haben Autokraten nicht: eine Exitstrategie.

Rachman: Genau. Strongmen können nicht so einfach abtreten, sie haben Leute geschmiert, sie haben gestohlen oder dabei geholfen, all das kann direkt ins Gefängnis führen.

Wer wird gewinnen -die Strongmen oder die demokratischen Gesellschaften?

Rachman: Ich denke schon, dass wir gewinnen werden. Optimistisch gedacht könnte die Invasion der Ukraine den Anfang vom Ende der Strongman-Ära markieren. Putin diskreditiert gerade sein eigenes Modell.

Tessa Szyszkowitz in Falter 36/2022 vom 09.09.2022 (S. 20)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783942377256
Erscheinungsdatum 22.08.2022
Umfang 364 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Politik
Format Taschenbuch
Verlag Weltkiosk
Übersetzung Matthias Hempert
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