Die Dame mit der bemalten Hand

Roman
Derzeit nicht lieferbar
Kurzbeschreibung des Verlags:

Bombay, 1764. Indien stand nicht auf dem Reiseplan und Elephanta, diese struppige Insel voller Schlangen und Ziegen und Höhlen mit den seltsamen Figuren an den Wänden, schon gar nicht. Doch als Forschungsreisenden in Sachen »biblischer Klarheit« zieht es einen eben an die merkwürdigsten Orte. Carsten Niebuhr aus dem Bremischen ist hier gestrandet, obwohl er doch in Arabien sein sollte. Ebenso Meister Musa, persischer Astrolabienbauer aus Jaipur, obwohl er doch in Mekka sein wollte. Man spricht leidlich Arabisch miteinander, genug, um die paar Tage bis zu ihrer Rettung gemeinsam herumzubringen. Um sich öst-westlich misszuverstehen und freundlich über Sternbilder zu streiten (denn wo der eine eine Frau erkennt, sieht der andere lediglich deren bemalte Hand). Es könnte übrigens alles auch ein Fiebertraum gewesen sein. Doch das steht in den Sternen.

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FALTER-Rezension

Seltsames Sanskrit und falsches Arabisch

Eigenwillig sticht dieser Roman aus der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur hervor und weist damit gewisse Parallelen auf zu seinem Schauplatz. Elephanta – damals noch Gharapuri – heißt diese Insel vor der indischen Küste, aus deren dichtem Bewuchs allenthalben eine Ziege den Kopf steckt und auf der es eindrückliche hinduistische Höhlen zu bestaunen gibt.

Von veritabler Heiligkeit allerdings zeugen diese Höhlen erst einmal kaum, als der persische Astrolabien-Bauer Ustad Musa ibn Zayn ad-Din Qasim ibn Qasim ibn Lutfullah al-Munaggim al-Lahuri, kurz: Meister Musa, im Jahr 1764 unversehens in eine von ihnen gerät, ähnlich unfreiwillig wie kurz zuvor wegen notorischer Flaute sein Schiff auf die Insel: „Gestein, Gestrüpp, Ziegen, Vögel, Affen, Fledermäuse, Nasses, Weiches, Hartes, Borstiges, Glitschiges blockierte seinen Weg.“

Und plötzlich hockt da, als Musa endlich in der großen Halle mit der Shiva-Statue angelangt ist, auch noch ein Mann, schwitzend, schlotternd, fiebernd. Es handelt sich um Carsten Niebuhr (1733–1815), einen norddeutschen Mathematiker, der durch die Kartierung des Roten Meeres und seine Vorarbeiten zur Entzifferung der Keilschrift in die Geschichte eingegangen ist und auf dessen Aufzeichnungen Christine Wunnicke für ihren Roman zurückgegriffen hat.

Musa trägt Sorge für die Genesung des Kranken und zwischen Niebuhr, den er nur, verwundert über den depperten Namen, „Kurdistan Nibbur“ nennt, und dem Astrolabien-Konstrukteur entwickelt sich eine zarte Freundschaft, trotz des permanenten sprachlichen Strauchelns. Musa über Nibuhr: „Sein Arabisch war reichhaltig, falsch und lustig.“

Der Mathematiker ist der letzte Überlebende einer ursprünglich sechsköpfigen Expedition, deren übrige Teilnehmer von der Malaria dahingerafft wurden. Initiiert hat die vom dänischen König finanzierte Reise der schneidige Göttinger Orientalist Johann David Michaelis (ebenfalls eine verbürgte Figur), der sich Beweisstücke über die biblischen Geschichten erwartet. „Welches Holz macht das Salzwasser süß in Exodus 15?“ oder „Was ist der falsche Weizen im Gleichnis des Sämanns?“, um nur einige der Fragen zu nennen, die Nibuhr im Gepäck hat.

Dass Nibuhr, der weder Bibelforscher noch Ethnologe ist, mit Antworten nicht dienen kann, mag kaum verwundern. Stattdessen gelangt er zu weit wertvolleren Einsichten, etwa an jenem Abend, als er gemeinsam mit Meister Musa die Sterne betrachtet: Das Sternbild Kassiopeia zeigt für den Deutschen eine Frauengestalt, für den persischen Astronomen nur deren bemalte Hand. „Wir glotzen nach oben“, konstatiert Nibuhr, „und erfinden große Gestalten und hängen sie in den Himmel. Ich eine Frau und du eine Hand und was weiß ich, was andere sehen. Und dann gibt es Streit. Es ist zum Erbarmen!“ Eben.

Wollte man die Reihe schmaler Romane, die Christine Wunnicke in den vergangenen Jahren – zuletzt „Nagasaki, ca. 1642“, „Katie“ oder „Der Fuchs und Dr. Shimamura“ – veröffentlicht hat, auf einen Nenner bringen, so wäre „satirische Wissenschaftsgeschichte“ ganz sicher der falsche. Schlichtweg deshalb, weil Wunnicke das Streben ihrer oftmals historischen Forschungsreisenden keineswegs ätzend seziert, sondern deren Weltberechnungsversuche in einer Mischung aus Ambition und Aufgeschmissenheit erzählt. Das macht die fabelhafte Komik auch von Wunnickes jüngstem Buch, „Die Dame mit der bemalten Hand“, aus. Mit einer Lakonie, die alles Psychologisierende, unnütz Erklärende ausspart, zelebriert Wunnicke das Irren und Verirren.

Man kann „Die Dame mit der bemalten Hand“ als einen Roman über kulturelles und sprachliches Missverstehen lesen, über das Nebeneinander von Welterklärungsmustern. Aber selbst diese allzu direkte Klassifizierung würde diesem im besten Sinne sonderbaren und offenen Roman kaum gerecht werden. Vielmehr sollte man es mit Meister Musa halten, der, wenn er Autorität ausstrahlen will, Sanskrit spricht, um schließlich festzustellen: „[D]ann dachte er ‚Sinn‘ auf Sanskrit, alle zwanzig Wörter, die im Sanskrit vielleicht ‚Sinn‘ bedeuten, oder vielleicht auch ‚Unsinn‘; Sanskrit war eine seltsame Sprache.“

Dass gegen Ende des mehr oder minder unfreiwilligen Inselaufenthalts die ersten Vorboten britischer Kolonisierung als trotteliges, aber selbstgewiss-joviales Trüppchen hinzustoßen, trägt zum düsteren Unterstrom dieses Romans bei, der zuletzt nicht nur für den Deutschen Buchpreis nominiert worden ist.

Wiebke Porombka in Falter 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 22)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783946334767
Erscheinungsdatum 25.08.2020
Umfang 168 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Berenberg Verlag GmbH
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