Kafkas letzter Freund. Der Nachlaß Robert Klopstock (1899-1972)
Mit kommentierter Erstveröffentlichung von 38 teils ungedruckten Briefen Franz Kafkas

von Hugo Wetscherek, Christopher Frey, Martin Peche, Leonhard M Fiedler, Leo A Lensing, Franz Kafka

€ 65,00
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Verlag: Inlibris
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 312 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.03.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Warum immer nur Bücher kaufen? Wie wär es zum Beispiel mit einem Brief von Kafka oder Goethe? Die Nachfrage ist groß - zum Leidwesen wissenschaftlicher Literaturarchive. Die helfen sich deshalb durch den Ankauf von "Vorlässen" noch lebender Autoren.

Lieber Robert, wie ist denn das; ich hätte gar nicht geschrieben? Zwei Briefe und eine Karte, es kann doch nicht alles verloren sein." So beginnt das früheste erhaltene Schreiben Franz Kafkas an den damals 21-jährigen Robert Klopstock. Der aus Ungarn stammende Mediziner hat Kafka, der an Lungentuberkulose erkrankt war, im Sanatorium von Matliary kennen gelernt und ihn in seiner letzten Zeit im Sanatorium Kierling bei Wien begleitet.

Seit Anfang März hat das Wiener Antiquariat "Inlibris" nun den Nachlass von Robert Klopstock im Angebot. Er enthält sieben bisher gänzlich unveröffentlichte und 14 nur auszugsweise gedruckte Briefe von Kafka aus dessen letzten vier Lebensjahren sowie Korrespondenzen des 1972 in New York verstorbenen Kafka-Freundes mit Thomas Mann, Franz Werfel und Albert Einstein. Um 1,2 Millionen Euro soll er verkauft werden.

Der reich illustrierte Katalog "Kafkas letzter Freund. Der Nachlass Robert Klopstock" enthält insgesamt 38 Kafka-Briefe - im Volltext und kommentiert, inklusive vertiefender Betrachtungen zweier Kafka-Kenner sowie einer Biografie Klopstocks. Diese ausführliche Dokumentation hat ihren Grund: Aller Voraussicht nach sind die Originale für die hiesige Literaturwissenschaft genauso verloren wie die eingangs von Kafka erwähnten Schreiben, denn 1,2 Millionen sind eine stolze Summe. Weshalb Hugo Wetscherek auch eher mit einem Verkauf in die USA rechnet als mit einem Verbleib des Nachlasses in Österreich.

Für den Geschäftsführer von Inlibris sind solche Summen schlicht durch das Prinzip von Angebot und Nachfrage bestimmt: "Die Preise, die wir verlangen, ergeben sich aus den Preisen, die wir bezahlen." Literaturarchive sind darüber naturgemäß nicht besonders glücklich. Sie möchten die Nachlässe vorrangig einer optimalen wissenschaftlichen Aufarbeitung zugänglich gemacht wissen. Unverhältnismäßig hohe Preise können und wollen sie sich nicht leisten.

Ihnen ist der freie Markt aber nicht nur wegen der Preisgestaltung ein Dorn im Auge. Denn durch den Verkauf über einen Antiquar kann es durchaus vorkommen, dass Nachlässe zerrissen werden." "Es gibt Fälle, da liegen die Werke von bedeutenden österreichischen Autoren über die ganze Welt verstreut", sagt Volker Kaukoreit, stellvertretender Leiter des Österreichischen Literaturarchivs. Beispiele sind Stefan Zweig und Franz Werfel. Für die Forschung sei das "ein Albtraum". Da kann es schon geschehen, dass das Bundesdenkmalamt Nachlassstücke heimischer Schriftsteller mit einem Ausfuhrverbot belegt.

Im Sinne der Forschung sind also Gesamtnachlässe - wie der des 1988 verstorbenen Erich Fried. Sein Vermächtnis füllte einen ganzen Lkw. Allein 200 Kartons waren voll mit Manuskripten und Drucksorten. Nun schmücken sie die Räumlichkeiten des Österreichischen Literaturarchivs und werden von Volker Kaukoreit nach international genormten Regeln gesichtet und geordnet.

Wenn ein bekannter Autor verstorben ist, müssen wir relativ schnell reagieren", sagt Kaukoreit, gilt es doch zu verhindern, dass die Nachfahren versehentlich wertvolles Material wegwerfen. Oder es aus "reiner Geldgier überall anbieten, bloß damit es schnell verkauft ist". Es soll auch schon vorgekommen sein, dass die Erben die Literaturarchive gegenseitig ausspielten, um den Preis in die Höhe zu treiben.

Geldgierigen Erben ohne Sinn für die Wissenschaft kann man entgehen, indem man den Autoren ihren Nachlass bereits zu Lebzeiten abkauft. Ein Geschäft, welches die wissenschaftlichen Institutionen in den letzten Jahren forcieren. In der Vorlasskartei des Österreichischen Literaturarchivs finden sich Namen wie Peter Handke, Gert Jonke und Walter Kappacher ebenso wie Christoph Ransmayr, Robert Schindel und Gerhard Roth.

Doch selbst Vorlässe können getrennte Wege gehen. So lagert das dramatische Werk Gerhard Roths in Wien, seine Prosa, Briefe, Notizbücher und eine Fotosammlung sowie um die 600 Video- und Tonbänder befinden sich im Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung in Graz. Für Kaukoreit ist das jedoch kein Problem. Immerhin handle es sich erstens um geschlossene Bestände und zweitens sei der Vorlass zumindest in Österreich geblieben. Auch funktioniere die Zusammenarbeit zwischen den Literaturarchiven gut.

Bei Robert Schindl gelang sogar eine Rückführung: Er hatte bereits einen Teil seines Vorlasses an das Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland verkauft. Das Österreichische Literaturarchiv holte ihn, dank dem Entgegenkommen des Heidelberger Archivs, wieder nach Österreich und führte ihn mit dem eigenen Schindl-Bestand zusammen.

"Das ist eine Quersubventionierung des Literaturbetriebs", sagt der Antiquar Wetscherek. Er kann dem Vorlasshandel wenig abgewinnen. "Die Literaturarchive haben damit einen Markt geschaffen, den es vorher nicht gegeben hat." Noch lebende Literaten hätten einen geringeren Marktpreis und wären daher nicht handelbar. Der Wert von Kafkas Briefen beruht - neben dem Mythos, der sich um den Schriftsteller rankt - darauf, dass er nicht viele davon geschrieben hat. Der letzte wurde 2001 in London um sagenhafte 50.000 Euro verkauft.

Briefe des Vielschreibers Goethe hingegen sind trotz seiner literarischen Größe schon um tausend Euro zu haben. Die diesbezügliche Produktivität eines Literaten kann man zu Lebzeiten zwar vermuten, aber nicht bestimmen. Auch ist ein etwaiger Wert schwer zu argumentieren: Man kann einem Schriftsteller kaum sagen, dass sein Vorlass an Wert verloren hat, weil die Qualität seiner Arbeit schlechter geworden ist. Oder dass er weniger Geld bekommt als ein Kollege, weil dieser besser schreibt. Darüber hinaus könnten findige Literaten auf die Idee kommen, sich mit der marktgerechten Produktion von Vorlässen ein zusätzliches finanzielles Standbein zu schaffen.

Dies hatte der leidenschaftliche Autographensammler Stefan Zweig nicht im Sinn, obwohl er seine wertvollen Schätze 1935 an den Wiener Antiquar Heinrich Hinterberger verkaufte. Er tat dies jedoch nicht freiwillig: "Das alles hängt mit der Reorganisation meines Lebens dank Herrn Hitler und den übrigen Geschehnissen zusammen", schrieb er 1936 in einem Brief an Romain Rolland. Zwei der Umschläge, in denen Zweig seine Autographen sammelte, sind im Nachlass Heinrich Hinterbergers aufgetaucht und können beim Wiener Antiquar Hugo Wetscherek erworben werden. Um 500 Euro.

Martina Gröschl in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 21)


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