Nüchtern betrachtet

von Andreas Mauerer, Tony Wegas

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Eigenverlag
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 42/1999

"Ohne Medien gibts mi ned"

Tony Wegas meldet sich mit einem autobiografischen Buch zurück und will auch seine musikalische Karriere fortsetzen. Der "Falter" sprach mit ihm über das Dasein als Schlagerfuzzi, über seine Drogenexzesse, die Zeit im Gefängnis und die Beatles.

Vermutlich ist Tony Wegas genau das, was man in Wien einen "Hallodri" nennt. Einer, der der klassischen Trias "Wein, Weib und Gesang" nicht wirklich abgeneigt ist, den Wein aber im Laufe seiner jäh unterbrochenen Karriere durch den Konsum nicht ganz so legaler Drogen ersetzte - und zwar in rauhen Mengen. Mit seinem autobiografischen Buch, das sein Ex-Therapeut und nunmehriger Manager Andreas Mauerer auf der Grundlage zahlreicher auf Tonband aufgezeichneter Gespräche kompilierte, gibt Tony Wegas Auskunft über seine Karriere als Musiker, Frauenheld und Süchtiger.

Nicht nur im Gefängnis wird da die Schmutzwäsche gewaschen, und der interessierte Leser, die interessierte Leserin muss das eine oder andere deftige Detail nicht missen. Dennoch ist das Buch mit dem - im übrigen ganz hervorragenden - Titel "Nüchtern betrachtet" weder Abrechnung noch zerknirschte Konfession. Aus naturgemäß subjektiver Sicht - und mit Interviews mit Verwandten, Freunden und Prominenten ergänzt - wird gezeigt, wie aus dem 1965 im burgenländischen Unterschützen in eine "typische Roma-Familie" geborenen Anton Sarközi jener Tony Wegas wurde, der Österreich zweimal beim Songcontest vertrat und schließlich für 30 Monate im Gefängnis landete, weil er im April 1997 - als Folge seines Drogenkonsums - zwei alte Frauen beraubte. Nüchtern betrachtet ist das Buch wohl in erster Linie der Versuch, wieder Fuß zu fassen und eine dramatisch gescheiterte Karriere an anderer Stelle wieder fortzusetzen.

Falter: Herr Wegas, Sie haben sich im Gefängnis einen ziemlichen Ärmel antrainiert.

Tony Wegas: Schon eher. Aber den hab ich immer gehabt, denn ich trainiere seit 15 Jahren mit Gewichten und habe nur in den letzten zwei Jahren meiner Sucht nichts gemacht.

Haben Sie im Gefängnis je mit rassistischen Vorurteilen zu kämpfen gehabt?

Überhaupt nicht. Ich habe anfänglich Angst gehabt, weil ich doch zwei alte Damen beraubt habe. Ich war mit so genannten Strolchen zusammen, die wirklich einiges auf dem Kerbholz haben, und die haben gesagt: "Vergiss es, Junge, du warst unter Drogen." Es gibt nur zwei Typen, die im Gefängnis ein schweres Leben führen - das sind die Kindermörder und die Kinderficker. Da hast du überhaupt keine Chance. Ich täts ned derblas'n, sag ich ganz ehrlich. Ich tät mich ganz gemütlich irgendwo aufhängen.

Sie haben im Gefängnis einen Walkman bewilligt bekommen. Was haben Sie denn gehört?

Was ich mir irrsinnig oft reingezogen habe, war Paco de Lucia und solche Gschichtn - die Gipsy Kings sind die kommerziellere Variante davon.

Durften Sie im Gefängnis eigentlich Gitarre spielen?

Ja, nach tausend Ansuchen wurde mir das dann im Dezember 1997 zugestanden. Ich hab sie eh nur deswegen gekriegt, weil ich die Weihnachtsfeier spielen habe dürfen, müssen, sollen.

Gibts in der Zelle überhaupt die Möglichkeit, die Musik zu spielen, die einem gefällt?

Man arrangiert sich. Einer meiner vier Zellenkollegen hat gerne Hansi Hinterseer gespielt, und das ist etwas, wo es mir wirklich die Zehennägel bis zur Ferse aufrollt. Also muss er sich auch den Paco de Lucia anhorchen. Es gibt immer ein gentleman's agreement.

Ihrem Buch kann man entnehmen, dass Sie eigentlich immer der Klassen-Kasperl waren ...

Immer. Und es war auch im Gefängnis so. Die Wochenenden sind zum Beispiel irrsinnig schlimm. Die Zelle wird am Freitagmittag zugesperrt und am Montag morgens wieder geöffnet. Ich hab' halt immer versucht, mit ein paar blöden Schmäh eine Situation zu schaffen, in der die Zeit vergeht. Weil es nichts Schlimmeres gibt, als wenn alle fünf von Freitag bis Montag ins Fernsehkastl schauen und sich Schwachsinn ansehen.

Wie war der Tag Ihrer Enthaftung?

Ich habe ihn mir viel entspannter vorgestellt. Schon Wochen vor der Entlassung ist mir alles auf die Nerven gegangen und ich habe keinen Tag ohne mittelschwere Depression überstanden. Dennoch versucht man, das die Mithäftlinge nicht spüren zu lassen.

Sie haben dann aber gleich Medienauftritte gehabt?

Nicht gleich. Die Enthaftung war am 1. Oktober und der Auftritt in "Help-TV" am sechsten. Davor habe ich mich auf einen Bauernhof zurückgezogen - mit meiner Freundin und meinem Hund.

In Ihrem Buch schreiben Sie davon, dass Sie auf "Klausur" gehen wollen. Auf der anderen Seite gibt es die Medien, denen Sie nicht entgehen können und vielleicht auch gar nicht wollen.

Richtig. Ohne Medien gibts mi ned. Bei meiner Verhaftung sind in den Zeitungen Sachen über mich gestanden, die wirklich an den Haaren herbeigezogen waren. Ich bin vom Everybody's Darling zum Everbody's Arschloch mutiert. Ich war aber nicht bös, denn in den Zeiten, als es mir gut gegangen ist, haben mich die Medien auch hochgepuscht.

Am Tag Ihrer Enthaftung sollen auf Ö3 ziemlich tiefe Meldungen gelaufen sein, die "Zigeuner"-Klischees bedient haben. So nach dem Muster: Versteckts die Handtaschen und die Kinder ...

Ich war schon beim Songcontest, da hat ein Andy Knoll (Ö3-Moderator, Red.) noch in seine Tiroler Windel geschissen. Ich habe damals noch eine Ö3-Ära erlebt, die von Leuten wie Christian Ludwig geprägt wurde. Heute ist für mich Radio Wien das, was Ö3 früher mal war. Und ich bin davon überzeugt, dass Ö3 auch in Zukunft nicht meine Schiene sein wird. Sie legen dort eine gewisse Präpotenz an den Tag und spielen immer dieselbe Scheißmusik.

Dass Sie ewig mit dem Songcontest assoziiert werden, ist Ihnen doch ohnehin nicht recht.

Ich habe das nur gemacht, weil ich gewusst habe, dass ich so in kürzester Zeit eine Popularität erreichen kann, die ich sonst nie hätte. Ich komme von einer ganz anderen Musik - eben Latino -, habe aber geglaubt, dass ich die Stilrichtung nach dem Songcontest irgendwie umdrehen kann. Vom Schlagerfuzzi bin ich aber nicht wirklich weggekommen.

Was war denn so schlimm am Schlagersingen?

Ich habe einfach Probleme mit Texten wie "Kommst du heute auf ein Bier mit mir". Da krieg ich typhusähnliche Flecken am Buckel. Das war auch der Grund, dass ich schließlich zu Drogen gegriffen habe. Vorher wars der Alkohol, dann wars Koka, dann Heroin ... Gib' dir einmal die Textzeile von "Zusammen geh'n", meinem ersten Songcontest-Beitrag: "Wir war'n ein echt verschwor'nes Team, war'n immer hart am Wind." Das musst du erst verkraften! Zur selben Zeit sind wir in Malmö in den Tequila-Hütten gesessen, haben unsere Musik gespielt und waren dafür in ganz Malmö bekannt!

Wann hat denn der Niedergang angefangen? Als Sie im Alter von 20, 21 Jahren mit der achtköpfigen Band aus Singapur durch Skandinavien getourt sind, war das doch okay.

Damals haben wir auch Beatles-Nummern und Earth, Wind & Fire nachgespielt, da hab ich nicht den Hansi Hinterwegas gegeben.

Sie schreiben, dass Sie in Ihrer frühen Zeit auch schon sehr gut verdient haben. Wie viel war denn das?

30.000 netto, bar auf die Kralle - das war hervorragend! Mit einem Luxus-Liner herumfahren und die Musik spielen, die man eh mag - das war der Traum.

Also haben Sie damals auch noch keine Drogen genommen.

Bis zu meinem 30. Lebensjahr habe ich ja nichts angegriffen. Ein bissl Kokain bei den Schickimickis ... Dieselben Leute, die über mich schimpfen, genau die ziehen sich heute auf einem Klo, in das gerade jemand hineingeschissen hat, eine Line ein. Ich sage: Gut, ich habe schwere Fehler gemacht, würde gerne vieles ungeschehen machen, was aber nicht geht. Meine Strafe habe ich bis auf den letzten Tag abgesessen, und irgendwo schadet es nicht, wenn man einmal 30 Monate über sich nachdenkt. Insofern bin ich froh, dass das so gelaufen ist. Zwei Tage später, und ich wäre tot gewesen. Ganz sicher.

Ihre Sucht muss Sie doch einen Haufen Kohle gekostet haben. Wie haben Sie die finanziert?

Ich habe ja immer Auftritte gehabt. Einmal spielt man auf diesem Kirtag, einmal auf jenem. Einmal hats 50.000 Schilling, einmal 40.000, einmal 30.000 gegeben. Am Schluss hast halt eine Freundin gehabt, die der Prostitution nachgegangen ist, selbst süchtig war ... Das Geld kommt immer irgendwie rein.

Und wie viel Geld haben Sie da verpulvert?

Irre. Irre! Ich habe es mir nie ausgerechnet, aber es waren sicherlich um die 150.000 bis 180.000 Schilling, die ich im Monat verblasen hab.

Wie kann man da überhaupt noch auftreten? Die Sucht muss sich ja auf die musikalische Qualität schlagen.

Es schlagt sich sensationell auf die Qualität! Die Stimme leidet darunter - das kommt schon vom Saufen, kein Problem. Du bist nicht mehr witzig, verlierst deinen Schmäh, deine Rhetorik, willst nichts mehr tun.

Ihre Freundin Michaela schreibt in Ihrem Buch, dass Sie in Wirklichkeit möglicherweise ein ganz langweiliger, stinknormaler Familientyp wären, der am Abend vor dem Fernseher sitzt.

Vielleicht. Ich kenne wenige Menschen, die mit dem, was sie haben, zufrieden sind. Zu denen gehöre ich auch nicht. Spiele ich keine Konzerte, bin ich unzufrieden, bin ich dauernd auf Tour, wird es mir zu viel. Früher habe ich ein Jahr lang durchgearbeitet - und das geht nur mit irgendwelchen Tabletten.

Ist das branchenüblich?

Alkohol ist eine absolut legale Droge, und wer säuft nicht? Da gibt es sehr wenige in der Branche. Zum Beispiel die Jazz-Gitti. Die ist von Haus aus so drauf! Die ist menschlich einfach ein absoluter Heuler und hat - so wie der Karl Pfeifer oder der Helmut Zenker - durch zweieinhalb Jahre zu mir gehalten.

In Ihrem Buch deuten Sie ja auch an, dass vom Fendrich über den Ambros bis zur EAV alle möglichen Leute Drogen nehmen.

Das habe ich nicht gesagt! Der Satz ist ein anderer.

Er lautet: "Meine sehr geehrten Damen und Herren, lassen Sie es mich einfach umschreiben mit dem Satz ... ,We are from Austria, haben ein Herz wie ein Bergwerk, akzeptieren den Hausmeister als Respektsperson, fahren gerne Ski, träumen davon, Superkarlis und Märchenprinzen zu sein' ... tun das nicht auch viele andere Menschen in diesem Land? Ein Herzblatt kokst wie das andere, ein Hofa sauft wie der andere ..."

Ich nenne keine Namen, es ist auch gar nicht meine Art, dass ich da jemanden verwams. Eigenartigerweise haben sich nur die, die den größten Dreck am Stecken haben, am deutlichsten von mir distanziert. Es war einfach nicht mehr schick, mit mir zusammenzusein. Auf einmal wollte auch niemand gewusst haben, dass ich Drogen nehme.

Sie sind dann ja wirklich bis ins Karlsplatz-Milieu heruntergekommen. Haben Sie nie Angst gehabt, dass Sie erkannt werden?

Es is ja Wurscht. Wenn du am Tag drei, vier Gramm Heroin spritzt, eine Flasche Wodka säufst, 20 Roiperl (Rohypnol, Red.) nimmst, ist dir Wurscht, ob du erkannt wirst oder ob der Exekutor an der Tür klopft und von dir 600 Millionen will.

Wie ist das mit dem Geld. Haben Sie noch was?

Ich habe immense Schulden. Ich habe ein Buch herausgebracht. Es wird ein Soloprogramm geben, das eine Art kabarettistisches Programm mit musikalischen Stücken wird - aber nur Sachen, hinter denen ich stehen kann. In erster Linie gehts jetzt einmal darum zu beweisen, dass ich seriös arbeiten kann. Ich habe nicht vor, in Privatkonkurs zu gehen. Letztendlich habe auch ich die Scheiße gebaut.

Das Buch ist im Eigenverlag erschienen. Haben Sie nicht versucht, einen Verlag zu kriegen?

Doch, aber der Name Wegas war zu negativ besetzt. Ich verstehe, dass die Leute abwarten wollen. Ich würde mir im umgekehrten Fall auch anschauen, wie der Typ aussieht, wie er drauf ist, was er macht ...

Gibt es Medien, von denen Sie sagen: Die können mir den Buckel runterrutschen?

"ÖKM" - (lacht) nein, Blödsinn. Überhaupt nicht. Aufgrund der Schlagerschiene habe ich immer auch mit so Bildzeitungsblättern zusammengearbeitet.

Sie waren sogar auf dem Titelblatt der "Sun". Wieso eigentlich?

Als Prinzessin Diana noch gelebt hat, wurde sie gefragt, wer von den Songcontest-Teilnehmern ihr entsprechen würde. Hat sie gemeint: "The guy from Austria is handsome." Deswegen war ich auf der Sun. Lächerlich, aber so wars.

Sie haben auch im Gefängnis einen Haufen Post bekommen.

Bis zum Schluss habe ich zehn bis 15 Briefe täglich bekommen. Wo wirklich eindeutigste Fotos, Nacktfotos und "Schau dir meine **** an", alles dabei war. Es war schon ein Spaß für uns - und für die Beamten, denn die haben die Post kontrolliert. Es haben mir aber auch sehr nette Menschen geschrieben, die mir Mut zugesprochen haben.

Der Prozentsatz weiblicher Absender war aber schon eindeutig höher?

Ich habe vielleicht zehn Briefe von Männern bekommen.

Haben Sie im Gefängnis bügeln gelernt?

Natürlich. Ich weiss genau, was auf 60 Grad und was auf 90 Grad gewaschen gehört.

Dennoch haben Sie ein ziemlich traditionelles Frauenbild: Die Wohnung muss aufgeräumt werden, und ansonsten gibt es halt die Mutter und die Hure als Extrempole. Das trifft schon Ihren Geschmack?

Auf alle Fälle.

Das Wichtigste zum Schluss - weil Sie doch Beatles-Fan sind: Was ist Ihr Lieblingssong von den Beatles?

Da gibts einige - zum Beispiel "Girl". (Singt:) Is there anybody going to listen to my story all about the girl ... Oder "Norwegian Wood", "Blackbird" ...

Ist nun das "Weiße Album" oder "Abbey Road" wichtiger?

Mir persönlich gefällt eigentlich "Seargent Pepper" am besten. Ich bin mit der Musik mitgewachsen. Heute kann ich mit "She Loves You" weniger anfangen als mit "Lucy in the Skies with Diamonds".

John Lennon oder Paul McCartney?

Lennon - is eh kloa. Der war einfach der Exzessivere und Ausgeflipptere. Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als ich morgens im Radio erfuhr: John Winston Lennon hat leider Gottes das Zeitliche gesegnet. I war den ganzen Tag fertig. Es hat wirklich seine Zeit gedauert, bis ich das verkiefelt habe, dass einer mein Idol erschossen hat.

Klaus Nüchtern in FALTER 42/1999 vom 22.10.1999 (S. 72)


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