Wiener Austria
Die ersten 90 Jahre

von Matthias Marschik

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Funtoy
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 26/2001

...Die Liebe der Literaten errang die Austria nicht nur am Fußballplatz. Sie verfügte jahrzehntelang über kein eigenes Stadion, aber immer über ein Kaffeehaus als Innenstadtbüro. Die im März 1911 gegründeten "Amateure" verstanden sich als nobler Klub von Intellektuellen, Journalisten, Geschäftsleuten, Offizieren und Ärzten - kurz: als Verein des liberalen, mehrheitlich jüdischen Großbürgertums. Die härtesten Schlägereien lieferten sich die Anhänger der Violetten nicht mit den Rapidlern, sondern mit den Schlachtenbummlern der zionistischen Hakoah. Allzu viele Fans hatte die Austria zwar schon damals nicht, dafür aber potente Gönner, die viel auf Standesdünkel hielten. Ehe die Amateure 1929 zur Austria mutierten, existierte in den Klubstatuten sogar ein so genannter "Intelligenzler-Paragraph", nach dem neue Spieler ausgesiebt wurden. Wer den Test bestand, wurde zuallererst - in einer Zeit, als kaum jemand mehr als zwei Paar Schuhe besaß - zum Schneider geschleppt, um drei Maßanzüge anfertigen zu lassen.

Das Paradoxe daran: Viele ihrer besten Spieler rekrutierte die Austria gerade in den proletarischen Vorstädten: Den Favoritener Matthias Sindelar, den Floridsdorfer Ernst Ocwirk oder den Simmeringer Herbert Prohaska. Ein anderer Widerspruch: Obwohl sich der Verein jahrelang verschämt Amateure nannte, wurde er früher als alle anderen österreichischen Klubs nach professionellen ökonomischen Kriterien geführt. Auch die ersten Legionäre landeten bei der Austria: Die beiden ungarischen Spieler Kalman und Jenö Konrad brachten den Wienern jenes schnelle, engmaschige "Scheiberlspiel" bei, das als "Donaufußball" zur Trademark wurde. Für Matthias Marschik, der zum Neunziger das bisher ausführlichste Austria-Buch geschrieben hat, markieren die Transfers der Ungarn die Geburtsstunde der violetten Philosophie: "Die Austria war immer überzeugt, Erfolg kaufen zu können. Aber dann nicht um jeden Preis."

Mit "Tore nie gewaltsam schießen" beschrieb Karl "Vogerl" Geyer, Star der Zwanzigerjahre, das austrianische Kombinationsspiel. Und als Ernst Stojaspal, Stürmer in den Vierziger- und Fünfzigerjahren, einmal vor dem leeren Tor den Torschuss verweigerte, rechtfertigte er sich: "Es wär a Sünd gewesen, hätt ich nicht auch noch den Tormann überspielt." Dem Faible für Ästhetik verdankte die Austria noch bis in die Neunzigerjahre den Ruf als feine Technikertruppe. Da das Kurzpassspiel höchster Präzision bedarf, sterben violette Ensembles aber auch oft in Schönheit. So etwas wie die Rapid-Viertelstunde wäre bei der Austria undenkbar, meint Marschik: "Lieber ergibt sich die Austria an einem schlechten Tag ihrem Schicksal." Wenigstens eine Tradition, die noch gepflogen wird.

Typisch, dass die legendärste aller Austria-Mannschaften, jene der Dreißigerjahre, nie Meister wurde. Trotz Matthias Sindelar, Österreichs berühmtestem Fußballer, der wegen seines filigranen Stils "der Papierene" genannt wurde. "Er spielte Fußball wie kein Zweiter, er stak voll Witz und Fantasie. Er spielte lässig, leicht und heiter, er spielte stets, er kämpfte nie", dichtete Friedrich Torberg. Sindelar trat wie ein Popstar ab: Im Jänner 1939 wurden er und seine Geliebte tot aufgefunden. Verstorben durch Rauchgasvergiftung, hieß es offiziell, von Mord oder Selbstmord kündeten die Gerüchte.

Nicht nur wegen des Todes Sindelars ging es mit der Austria bergab. Den Nazis war der "Judenverein" ein Gräuel. Der Großteil des Vorstandes musste flüchten, der Klub wurde unter "kommissarische Leitung" gestellt. Den verbliebenen Spielern verboten die Nazis, mit ihren ehemaligen jüdischen Kollegen auch nur zu sprechen. Vorübergehend spielte die Mannschaft unter dem Namen "Ostmark". Trotzdem haben sich jüdische Gönner bis heute im Klub engagiert - was Fans gegnerischer Mannschaften immer wieder zu antisemitischen Beschimpfungen verleitet. In der Stunde des Triumphs vergriff sich auch der Rapidler Hans Krankl einmal im Ton: "Heut hammas den Judenbuam gegeben." Später entschuldigte sich Krankl...

Gerald John in FALTER 26/2001 vom 29.06.2001 (S. 72)


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