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Verlag: edition keiper
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 27.09.2008

Rezension aus FALTER 11/2009

Dynamitfischen im Zimmerspringbrunnen

Christof Huemer hat einen Roman veröffentlicht, einen "DJ-Roman". Wobei man vielleicht an Pop(literatur) und an DJKicks denkt, vielleicht auch an "Herrn Lehmann" in Berlin, aber bestimmt nicht an Graz, arabische Prinzessinnen und actionreiche Verfolgungsjagden, bei denen man sich nur mehr ins Kino retten kann ("Leute flüchten in Filme. Alle wissen das").

Jedes Kapitel ist mit einem Song unterlegt – in gewisser Weise ein Bonustrack, den der Roman nicht braucht. Man kann das Buch mit Soundtrack lesen oder ohne, und viele der Tracks sind wie Menschen im Hotel, die einen "kleinen Ausschnitt ihres Lebens mit sich führen". Huemer arbeitet mit Loops, mit Gedächtnisprotokollen, Interviewausschnitten und Anleihen aus Märchen, er ist dabei detailverliebt oder doch eher -besessen, vor allem in der Wahrnehmung seiner Gegenüber und mehr noch in der Selbstbeobachtung, dann wieder sehr deutlich in nur wenigen Strichen. Sprachlich führt Huemer eine derart feine (= scharfe) Klinge, dass seine Ausschweifungen und Anspielungen die (inhaltlich überschaubare) Story geradezu witzig und spannend einem Höhepunkt zutreiben.
Wir schreiben das Jahr 1998. Wahrscheinlich Sommer. DJ Andreas Mar kommt aus Berlin zurück nach Graz, irgendein Auftrag, vielleicht eine letzte Chance, seine Karriere hat nämlich den Zenit überschritten. Die "desolate Stadt" ist vor allem ein Synonym für seinen Zustand und die Innenstadt Kulisse für etwas, das im Roman einmal als "Dynamitfischen im Zimmerspringbrunnen" auftaucht. Um welche Genres es sich dabei handelt, weiß weder der Protagonist, noch legt sich der Autor wirklich fest – zu spielen vermag Huemer jedenfalls mit einigen.

DJ Mar ist einer, der zu wenig isst und zu schnell fährt, für den Showdown den weißen Sommeranzug anlegt und die Haare gelt. Er wiegt sich wohl in einer Pose des Alleswird- gut (wahrscheinlich eine Nebenwirkung der Mittel, die er zu sich nimmt), getragen und vorangetrieben wird die Handlung aber von dem Wunsch, dass das Leben wie Musik sein könnte. "Zweifellos" hat das Tempo eines Tarantino-Films, auch Monologe und Perspektiven erinnern im besten Sinn an den Meister der Hommage.
"Sie sind der Museumswärter meiner Erinnerung": Dieser Satz, der aus einem Roman Orhan Pamuks stammen könnte, irrlichtert zwischen den Tracks herum und könnte auf ein nächstes Buch hinweisen, in dem sich Huemer noch näher an die Abgründe wagt, die sich zweifellos auftun in seinem Text.

andrea reitzer in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 21)


Rezension aus FALTER 51/2008

Schon mal was von Haldol gehört? Es ist ein Antipsychotikum. Der Ich-Erzähler in dem Romandebüt von Falter-Mitarbeiter Christof Huemer benötigt derlei kleine Helfer. Der Ich-Erzähler ist Andreas Mar, ein DJ und Musikproduzent, der den Zenit seiner Karriere zweifellos überschritten hat. Von Berlin kehrt er nach Graz zurück, ein dubioser Plattendeal lockt als letzter Rettungsanker, die Rückeroberung seiner Ex-Freundin mutet als große Liebesgeschichte an. Doch Haldol kann den Wahnsinn nicht stoppen. Paranoia greift um sich, doppelte Böden tun sich auf. Dennoch ist es ein klarer, ein präziser Roman. Sprachgewandt, böse humorvoll, mit einem detailverliebte Blick auf die Feinheiten menschlicher Interaktion. Auch wenn das Setting (ein DJ, die Titel der Kapitel sind Songtitel, ein Clubbesitzer als Protagonist, fingierte Auszüge aus Interviews mit Popmagazinen usw.) es vermuten lassen könnte: Das ist keine Popliteratur, Zeitlosigkeit geht dadurch verloren. Graz bekommt übrigens auch hier eine drüber: "Graz – du traurige Ausrede, du billige Entschuldigung einer Stadt."

Tiz Schaffer in FALTER 51/2008 vom 19.12.2008 (S. 55)


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