Die Südsteirische Weinstraße
Zwischen Welschriesling und Klapotetz. Eine Geschichte in Bildern und Texten

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Edition Winkler-Hermaden 2010

Rezension aus FALTER 45/2010

Im Rausch der Landschaft

Ein Bildband und ein Reiseführer eröffnen neue Perspektiven auf die Weinlandschaften der Steiermark

Früher oder später, in der Regel aber früher kommen Bücher, die an Natur und Kultur der Steiermark heranzuführen suchen, auf das Thema Wein zu sprechen. Das ist kein Wunder, prägt der Wein doch die steirische Landschaft – vor allem gegen Süden und Südwesten – wie keine andere Kulturpflanze. Ausgenommen vielleicht der Mais, über den aber nie geschrieben wird – vermutlich, weil der Genuss eines Achterls reschen Rieslings doch deutlich bessere Laune macht als der eines Tellers trockenen Türkensterzes. Was die Landschaft prägt, hinterlässt auch am Menschen Spuren. Helmut Eisendle hat daher in seinem klassischen Text über "Die Südsteirische Weinstraße" (Droschl, 1984), der einst auch Eingang in den Steiermark-Merian desselben Jahres fand, völlig richtig festgehalten, dass "wer nicht trinkt mit voller lust und list verdammt kein echter steirer ist".
Dafür, dass der Wein derart zentral für Steirerland und Steirerleute ist, gibt es nun aber erstaunlich wenige Bücher, die diese Beziehung auf umfassende Weise oder einmal anders als in Form eines Buschenschankführers, Genuss-Guides oder eines "Steirische Toskana"-Hochglanzbildbandes, deren es wiederum recht viele gibt, untersuchen wollten. Publikationen wie die von Renate Ilsinger im Jahr 2008 herausgegebenen "weinzeilen" mit Essays und literarischen Texten sowohl slowenischer als auch österreichischer Autoren stellen die absolute Ausnahme dar.
Zwei jüngst erschienene Bücher, die vom Ansatz her unterschiedlicher nicht sein könnten, versuchen nun, die eine oder andere Rezeptionslücke zu schließen: Bernd Schmidts Text- und Bildband "Die Südsteirische Weinstraße" in der Edition Winkler-Hermaden und der in der Reihe der "Feinen Reiseführer" des befreundeten Falter-Verlags erschienene Band "Steirisches Wein- und Hügelland", den Werner Schandor verfasst hat.

Bernd Schmidt, Jahrgang 1947, lange Jahre Kulturchef der Steirerkrone, nähert sich der "Lebensader Weinstraße" historisch. Das liegt nahe, einen geschichtlichen Abriss gab's bislang bloß in Heidelore Strallhofer-Hödls "Mutter der Weinstraße" (2005) und dort nur am Rande, zudem ist gerade der 55. Jahrestag der Eröffnung der Südsteirischen Weinstraße, der Ersten von inzwischen acht steirischen Wein-Themenstraßen, zu begehen, die heute neben Thermen-Wellness das touristische Kernangebot der Steiermark westlich, östlich und südlich von Graz ausmachen.
Aber auch Schmidt erzählt die Geschichte der Gruppe engagierter Bürgermeister und Weinbauern rund um Emmy Bullmann, die im Staatsvertragsjahr den Ausbau einer sich an der Grenze zwischen Jugoslawien und Österreich durchaus malerisch dahinschlängelnden "Neutralen Straße" erreichten, bloß kursorisch. Statt auf größere Zusammenhänge setzt er auf knappe Anekdoten, die er lose zentralen Weinbauern wie Gross, Polz, Tement, Tscheppe oder Regele zuordnet. Einiges gerät kurzweilig, über vieles hätte man gerne mehr erfahren. Etwa über die Pionierin Bullmann selbst, über die Schmidt bloß kryptisch vermerkt, sie habe im Umgang sowohl mit Nazis als auch Partisanen, mit Rotarmisten wie mit britischen Besatzern "diplomatisches Geschick" bewiesen. Oder über die alte Legende, Elvis Presley sei ein "Liebhaber" der Platscher Perle, des halbsüßen Perlweins des Sulztaler Weinguts Regele, gewesen.

Bonus des Buches: das historische Bildmaterial, das alte Werbeansichten ebenso umfasst wie Fotos aus den Privatarchiven der Weinbauern der Region. Der Rebenhof – neben der Kästenburg einer der Endpunkte des ersten Weinstraßenabschnitts – ist da zum Beispiel mit der Marienwarte zu sehen (s. Bild auf dieser Seite), die nach dem Ersten Weltkrieg auf Wunsch des Königreichs Jugoslawien abgerissen werden musste. Leider sind die Fotos nicht immer sorgfältig genug bezeichnet, oft fehlen Ort oder Zeit.
Über Elvis' Lieblingswein erfährt man zwar auch in Werner Schandors feinem Reiseführer nichts, dafür aber einiges über den größten Elvis-Fan unter den steirischen Weinbauern, über Wilfried Schilhan und sein Designer-Weingut Crocodile Rock nahe Gamlitz. Überhaupt packt Schandor, Jahrgang 1967, Textarbeiter und Herausgeber des Feuilleton-Magazins schreibkraft, derart viel Wissenswertes und Unterhaltsames, Historisches wie Aktuelles, Kulturgeschichtliches wie Alltagskulturelles in seinen Reiseführer durch die steirischen Wein- und Hügellandschaften, dass man das Buch guten Gewissens als Standardwerk empfehlen kann. Und zwar auch dem mit seiner Heimat an sich nicht schlecht vertrauten Bewohner. Nur das kurze Graz-Kapitel ist eine Spur zu klassisch geraten.

Schandor führt in seinem Buch ebenso sachverständig und stilsicher durch die südsteirischen Weinberge wie durchs oststeirische Vulkanland und das weststeirische Schilcherparadies, sucht auch entlegenere Winkel auf, hat einen untrüglichen Blick fürs Skurrile, viel Verständnis fürs Praktische und macht so auf jeder Seite unmittelbar Lust, den Tag spontan frei zu nehmen und sich sofort auf die Spuren des Autors zu machen. Auf zum Club Zoppelberg!
Die einzelnen Kapitel funktionieren in sich wie Touren, Schandor bietet zu jedem Ort eine Überfülle an Tipps für Wanderungen und Radtouren, verweist auf Kleinstmuseen wie versteckte Kunstwerke im öffentlichen Raum, verleitet zu kulturellen wie kulinarischen und önologischen Abschweifungen sonder Zahl und bedient bei alldem auch noch ganz unterschiedliche Geschmäcker. Im weststeirischen Schwanberg etwa empfiehlt er die unglaublich bunte Josefikirche neben der Schilcher-Buschenschank Brendlhof, ein ehemals protestantisches Bethaus, dazu noch das buddhistische Kalachakra Kalapa Center. Oder vermerkt zum oststeirischen Gnas sowohl die von dort gebürtige Poppoetin Anja ­Plaschg alias Soap&Skin als auch den "Tatschkerland"-Radweg. So breit ist dieses Land!
Werner Schandor ist ein unverzichtbares Buch geglückt, eines, das ein vielschichtiges Bild der steirischen Kulturlandschaften um Graz entwirft, das weit über die Klischees herkömmlicher Steiermark-Bücher, ja, über die Vereinfachungstendenzen typischer Reiseführer überhaupt hinausgeht. Zugleich verschließt der Autor die Augen auch nicht vor dem bloß Schönen. Das geht – auch ganz ohne Weinseligkeit. Schandor: "Das Schöne am Klischee ist, dass es manchmal (…) von der Wirklichkeit nicht zu unterscheiden ist."

Thomas Wolkinger in FALTER 45/2010 vom 12.11.2010 (S. 42)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Steirisches Wein- und Hügelland

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