Frauen während der Vertreibung

von Martin Graf, Anneliese Kitzmüller

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: 1948 Medienvielfalt
Erscheinungsdatum: 22.05.2012

Rezension aus FALTER 25/2012

"Den Deutschen nehmt alles weg"

FPÖ-Parlamentspräsident Martin Graf hat ein Buch über vertriebene Frauen herausgegeben. Es zeigt, wie man mit Büchern Politik macht

Wer sich fragt, warum die FPÖ sich – nach kurzem Zögern – doch wieder stramm hinter ihrem Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf versammelte, findet in dem von ihm herausgegebenen Buch "Frauen während der Vertreibung" eine Antwort.
Graf ist nicht nur oberster Parlamentarier seiner Fraktion, sondern auch ihr wichtigster Verbindungsmann nach ganz rechts. Mit seiner Homepage unzensuriert.at hat er eine Art persönlichen Nachrichtendienst für alle geschaffen, die sich im – wie Graf es nennen würde – linksliberalen Mainstream nicht wiederfinden, allen voran die Burschenschafter. Der Ende Mai im 1848 Medienvielfalt Verlag erschienene Sammelband ist eine Verbeugung vor dem Schicksal der nach dem Zweiten Weltkrieg zum Teil grausam vertriebenen "Volksdeutschen".
Zahlenmäßig mögen die "Altösterreicher", wie sie Parteichef Heinz-Christian Strache jetzt lieber ruft, keine bedeutende Gruppierung mehr innerhalb der FPÖ sein. Für das Selbstverständnis der Partei sind sie nach wie vor wichtig.

Eine Forschungslücke
Genauso wie das von unzensuriert.at bediente Burschenschaftermilieu gehört eben auch das Vertriebenenbiotop gepflegt, wenn man als Politiker vom Schlag eines Martin Graf seine Machtstellung innerhalb der Partei absichern will. Vor zwei Jahren brachte Graf, der von 1995 bis 2006 "Vertriebenensprecher" der FPÖ war, das Büchlein "Die Wiederaufbauleistungen der Altösterreicher in der Zweiten Republik" heraus. Heuer widmet er sich den Frauenschicksalen während der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg.
Oral History, das Aufzeichnen von Zeitzeugenberichten, braucht ein gut abgestimmtes Fragenraster und viel Einfühlungsvermögen. Nur so werden aus persönlichen Erinnerungen wertvolle Zeitdokumente.
Leider sind die 17 vorgestellten Lebensgeschichten schlampig editiert und willkürlich aneinandergereiht. Offenbar wurden die betagten Damen einfach gebeten, ihr Leben zu erzählen, in einem Fall wurde das Tagebuch einer Sudetendeutschen abgedruckt, was ein stolzes Viertel des Buches ausmacht.
Ein darüber hinausgehendes Buchkonzept, das etwa immer wiederkehrende Orte oder Erfahrungen während des sogenannten "Brünner Todesmarsches" thematisiert, scheint es nicht gegeben zu haben.
Das ist umso merkwürdiger, weil Graf und seine Mitherausgeberin, die FPÖ-Abgeordnete Anneliese Kitzmüller, beide in
ihren Einleitungen betonen, wie wichtig
es ihnen wäre, eine Forschungslücke in Sachen Frauengeschichtsschreibung zu schließen. Mit diesem Buch gelingt ihnen das nicht.

Dilettantische Verbandsliteratur
Die Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi hatte Recht, als sie einmal schrieb, wie bedauerlich es sei, dass es in der Betrachtung der jüngeren Geschichte Österreichs so etwas wie eine "stillschweigende Arbeitsteilung" gebe. Der Linken gehörte der Holocaust, der Rechten und ihren meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit existierenden Landsmannschaften die Deutschenvertreibung.
Grafs Sammelband ist ein gutes Beispiel dafür, wohin das führt: zu von politischen Motiven getriebener Verbandsliteratur, im Ansatz ewiggestrig, in der Aufbereitung dilettantisch. Schade, das Thema hätte sich Besseres verdient.

Barbaba Tóth in FALTER 25/2012 vom 22.06.2012 (S. 16)


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