Ich lebe gern, denn sonst wäre ich tot
Autobiographie

von Willi Resetarits, Christian Seiler

€ 24,90
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Fotograf: Lukas Beck
Verlag: CSV
Genre: Sachbücher/Musik, Film, Theater
Umfang: 280 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.12.2018

Rezension aus FALTER 1-2/2019

Ein Resetarits kennt einen Schmerz

Zum 70er schenkt sich der Sänger Willi Resetarits eine Autobiografie. Ein Stück Zeitgeschichte

Vielleicht lag es an der Depression. Vielleicht aber auch am Minderwertigkeitskomplex, den Willi Resetarits seit seiner Kindheit mit sich herumträgt, dass er dem Alkohol fast verfallen wäre. Vor zehn Jahren, zum 60er, schenkten ihm seine beiden Brüder eine Entziehungskur.

Depression? Minderwertigkeitskomplex? Es fällt schwer, diese Reflexionen, die Willi Resetarits in seiner Autobiografie anstellt, mit dem strahlenden, selbstbewussten Sänger und Entertainer zu verbinden, der immer begeistert. Seien es zehntausende Fans im Prater oder ein paar Zuschauer in einem Beisl. Dass der Künstler Schwächen und Verletzungen offenlegt, ist eine der Stärken des Buches „Ich lebe gerne, denn sonst wäre ich tot“.

Resetarits’ Geschichte aufgeschrieben hat der Autor Christian Seiler. Und man meint beim Lesen dem Protagonisten beim Erzählen zuzuhören. Wer schon einmal in den Genuss der Resetarits’schen Moderationen bei Konzerten gekommen ist, weiß, dass die Betonungen, der Wechsel zwischen Dialekt und Hochsprache, etwas ganz Besonderes sind. So gesehen hätte man die Biografie zusätzlich als Hörbuch auflegen müssen, aber auch in schriftlicher Form folgt man Resetarits gern vom burgenlandkroatischen Dorf Stinatz über die großen Bühnen bis zu einer sehr schönen Liebeserklärung an seine Frau Roswitha.

In der Autobiografie schildert er über den Werdegang seiner Eltern auch ein Stück österreichischer Zeitgeschichte – den Wiederaufbau nach dem Krieg. Aus finanziell schlechten Verhältnissen stammend, arbeiten sie hart und unablässig, damit es ihre Kinder einmal besser haben und irgendwann Akademiker werden.

Als die zwei Söhne Willi und Erich (der später als Kabarettist seinen Zweitnamen Lukas nutzt) noch ganz klein sind, ziehen die Eltern mit ihnen nach Wien-Favoriten. Der Vater geht nach dem Dienst in Abendkurse, er bringt es bis zum Baumeister. Von einem Tag auf den anderen sprechen die Eltern nur noch Deutsch, sie haben ständig Angst, dass der Nachwuchs negativ auffällt.

„Das war vielleicht nicht ganz falsch von ihnen, wenn man die Umstände betrachtet“, sagt Resetarits. „Aber für die Seele war es ganz schlecht.“ Ständig hat er Angst, etwas falsch zu machen. „Ich habe buchstäblich jahrzehntelang die Zustimmung meines Publikums gebraucht, bis ich angefangen habe zu glauben, dass ich eh ein leiwander Hawara bin und auch gut singen kann.“

Doch das Buch hat auch Leerstellen. In der Zeit, als Resetarits sich langsam von der Polit-Folkband Schmetterlinge löste und immer mehr in die Rolle des Ostbahn-Kurti schlüpfte, kann man nur vermuten, welche Konflikte sich eventuell abspielten. Die langjährige Lebensgefährtin Beatrix Neundlinger, mit der Resetarits zwei Kinder hat, schmiss ihn des Öfteren wegen Trunkenheit aus der Wohnung. Der Satz „Leicht war es nicht mit mir“ lässt etwas ratlos zurück.

Willi Resetarits hat Österreich mit viel guter Musik sowie sozialem Engagement, etwa durch die Gründung des Integrationshauses, bereichert – und nicht zuletzt mit einer Freundlichkeit, die wohl gerade durch eine tiefe Melancholie so ehrlich wirkt.

Stefanie Panzenböck in FALTER 1-2/2019 vom 11.01.2019 (S. 28)


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