Wahl 2017

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Verlag: ÄrzteVerlag
Format: Taschenbuch
Genre: Politikwissenschaft
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.12.2017


Rezension aus FALTER 51-52/2017

Strenger Vater

Wie es zur Wende kam: Barbara Tóth und Thomas Hofer veröffentlichten eine Sammlung bemerkenswerter Wahlkampfanalysen

Wäre der politische Erregungspegel nicht so hoch, bekämen wir nicht eben eine neue Regierung und würde ein Ex-Finanzminister nicht gerade armselig vor seiner Richterin stehen – der Text von Barbara Tóth würde wohl für einiges Aufsehen sorgen. Es sollte aber nicht untergehen, was die Falter-Redakteurin für das von ihr gemeinsam mit dem Politikberater Thomas Hofer herausgegebene Buch zusammengetragen hat: nicht weniger, als dass die ÖVP in der entscheidenden Phase des Wahlkampfs über den Mailverkehr der SPÖ-Zentrale, die Planungen des SPÖ-Beraters Tal Silberstein und die Ergebnisse der internen Umfragen informiert war. Aus den Computersystemen abgesaugt wurden die Daten von zwei österreichischen Mitarbeiterinnen Silbersteins, die nach dessen Verhaftung ihren Job verloren hatten, so die Recherchen Tóths.
Anzapft is’ – diesmal schon im August. Ein Austro-Watergate in digitalen Zeiten: Heute muss niemand mehr Schlösser knacken, um an heikles Material zu kommen. „Eine geleakte Kampagne ist wohl so ziemlich das Schlimmste, was einer wahlwerbenden Partei widerfahren kann“, stöhnt Hannes Uhl, Kommunikationschef der SP-Zentrale, in seinem Buchbeitrag.

Innenpolitische Gummiwand
Die Folgen für Christian Kerns Wahlkampf sind noch erinnerlich: Seine Chancen auf Platz eins waren damit endgültig dahin. Aber hatte Kern nicht selbst die Unwahrheit gesagt, als er die so aufgedeckte Rolle des Mannes aus Tel Aviv herunterspielen wollte?
Hofer wie Tóth, aber auch alle anderen Autoren, sind darum bemüht, sich nicht auf die eine oder die andere Seite zu schlagen. Es geht ihnen um die Klärung der Frage, wie es Sebastian Kurz gelingen konnte, zuerst die zentralen Inhalte der Freiheitlichen zu kidnappen und danach die Sozialdemokraten eindrucksvoll niederzuringen.
Und das klappte natürlich nicht bloß durch die von Barabara Tóth recherchierten Untergriffe. Kurz machte einfach das Bedürfnis nach Veränderung politisch nutzbar – und der Wahlkampf der SPÖ pendelte zwischen peinlich und grottenschlecht.
Mitherausgeber Hofer führt den Kurz-Triumph auch auf ein Lernerlebnis zurück: Der Aufsteiger habe an internationalen Beispielen gesehen, dass es nur schadet, wenn man vor einer Wahl allzu konkret ist. Die Kurz-Aussagen in der Kampagne seien daher „von der Macht der Ungefähren“ geprägt gewesen, so Hofer: „Er mutierte zur innenpolitischen Gummiwand, an der Attacken zumeist abprallten.“
Hinzufügen ließe sich, dass Kurz einfach alle Themen mit der Duftmarke „Flüchtlinge & Ausländer“ versah: Schlechte Bildungsstandards? Klar, zu viele Ausländerkinder. Teure Mieten? Natürlich, wegen der vielen Zuwanderer. Finanzierungsprobleme im Budget? Kein Wunder, die Mindestsicherung. Das alles war nicht besonders christlich-sozial und hat natürlich in großen Teilen nicht gestimmt, aber es war wirksam.
Eine bestechende Analyse liefert ein Autorenteam um den „Hochrechner der Nation“ Christoph Hofinger (SORA). Die SORA-Leute greifen auf eine Theorie des amerikanischen Linguisten George Lakoff zurück, der von zwei unterschiedlichen Erziehungs- und Menschenbildern („Frames“) ausgeht: dem Frame „Fürsorgliche Eltern“ und dem Frame „Strenger Vater“. Während die „Fürsorglichen Eltern“ in schwierigen Situationen bedingungslos Schutz und Hilfe anbieten, ist dies für den „Strengen Vater“ eine Einladung zu Disziplinlosigkeit. Die Formel des „strengen Vaters“ Kurz habe daher im Wahlkampf gelautet: „Zuwanderung ins Sozialsystem erzeugt unmoralisches Verhalten und ist gegenüber der moralisch handelnden Mehrheitsbevölkerung ungerecht.“
Das gab den Ausschlag.
Wenn dem gelungenen Band etwas fehlt, dann ist es eine Würdigung der Rolle der Boulevardblätter Österreich und Kronen Zeitung, die bei der Wahl im Oktober 2017 mühelos auch die letzten Schranken des Anstands überwanden.

Christian Lackner in FALTER 51-52/2017 vom 22.12.2017 (S. 21)



Rezension aus FALTER 51-52/2017

Strenger Vater

Wie es zur Wende kam: Barbara Tóth und Thomas Hofer veröffentlichten eine Sammlung bemerkenswerter Wahlkampfanalysen

Wäre der politische Erregungspegel nicht so hoch, bekämen wir nicht eben eine neue Regierung und würde ein Ex-Finanzminister nicht gerade armselig vor seiner Richterin stehen – der Text von Barbara Tóth würde wohl für einiges Aufsehen sorgen. Es sollte aber nicht untergehen, was die Falter-Redakteurin für das von ihr gemeinsam mit dem Politikberater Thomas Hofer herausgegebene Buch zusammengetragen hat: nicht weniger, als dass die ÖVP in der entscheidenden Phase des Wahlkampfs über den Mailverkehr der SPÖ-Zentrale, die Planungen des SPÖ-Beraters Tal Silberstein und die Ergebnisse der internen Umfragen informiert war. Aus den Computersystemen abgesaugt wurden die Daten von zwei österreichischen Mitarbeiterinnen Silbersteins, die nach dessen Verhaftung ihren Job verloren hatten, so die Recherchen Tóths.
Anzapft is’ – diesmal schon im August. Ein Austro-Watergate in digitalen Zeiten: Heute muss niemand mehr Schlösser knacken, um an heikles Material zu kommen. „Eine geleakte Kampagne ist wohl so ziemlich das Schlimmste, was einer wahlwerbenden Partei widerfahren kann“, stöhnt Hannes Uhl, Kommunikationschef der SP-Zentrale, in seinem Buchbeitrag.

Innenpolitische Gummiwand
Die Folgen für Christian Kerns Wahlkampf sind noch erinnerlich: Seine Chancen auf Platz eins waren damit endgültig dahin. Aber hatte Kern nicht selbst die Unwahrheit gesagt, als er die so aufgedeckte Rolle des Mannes aus Tel Aviv herunterspielen wollte?
Hofer wie Tóth, aber auch alle anderen Autoren, sind darum bemüht, sich nicht auf die eine oder die andere Seite zu schlagen. Es geht ihnen um die Klärung der Frage, wie es Sebastian Kurz gelingen konnte, zuerst die zentralen Inhalte der Freiheitlichen zu kidnappen und danach die Sozialdemokraten eindrucksvoll niederzuringen.
Und das klappte natürlich nicht bloß durch die von Barabara Tóth recherchierten Untergriffe. Kurz machte einfach das Bedürfnis nach Veränderung politisch nutzbar – und der Wahlkampf der SPÖ pendelte zwischen peinlich und grottenschlecht.
Mitherausgeber Hofer führt den Kurz-Triumph auch auf ein Lernerlebnis zurück: Der Aufsteiger habe an internationalen Beispielen gesehen, dass es nur schadet, wenn man vor einer Wahl allzu konkret ist. Die Kurz-Aussagen in der Kampagne seien daher „von der Macht der Ungefähren“ geprägt gewesen, so Hofer: „Er mutierte zur innenpolitischen Gummiwand, an der Attacken zumeist abprallten.“
Hinzufügen ließe sich, dass Kurz einfach alle Themen mit der Duftmarke „Flüchtlinge & Ausländer“ versah: Schlechte Bildungsstandards? Klar, zu viele Ausländerkinder. Teure Mieten? Natürlich, wegen der vielen Zuwanderer. Finanzierungsprobleme im Budget? Kein Wunder, die Mindestsicherung. Das alles war nicht besonders christlich-sozial und hat natürlich in großen Teilen nicht gestimmt, aber es war wirksam.
Eine bestechende Analyse liefert ein Autorenteam um den „Hochrechner der Nation“ Christoph Hofinger (SORA). Die SORA-Leute greifen auf eine Theorie des amerikanischen Linguisten George Lakoff zurück, der von zwei unterschiedlichen Erziehungs- und Menschenbildern („Frames“) ausgeht: dem Frame „Fürsorgliche Eltern“ und dem Frame „Strenger Vater“. Während die „Fürsorglichen Eltern“ in schwierigen Situationen bedingungslos Schutz und Hilfe anbieten, ist dies für den „Strengen Vater“ eine Einladung zu Disziplinlosigkeit. Die Formel des „strengen Vaters“ Kurz habe daher im Wahlkampf gelautet: „Zuwanderung ins Sozialsystem erzeugt unmoralisches Verhalten und ist gegenüber der moralisch handelnden Mehrheitsbevölkerung ungerecht.“
Das gab den Ausschlag.
Wenn dem gelungenen Band etwas fehlt, dann ist es eine Würdigung der Rolle der Boulevardblätter Österreich und Kronen Zeitung, die bei der Wahl im Oktober 2017 mühelos auch die letzten Schranken des Anstands überwanden.

Christian Lackner in FALTER 51-52/2017 vom 22.12.2017 (S. 21)


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