1919

von Herbert Kapfer

€ 25,70
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Verlag: Kunstmann, A
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 440 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.02.2019


Rezension aus FALTER 18/2019

Wenn der Wunsch zum Wahn und zur Wahrheit wird

Fiktion und Wahn amalgamieren nicht nur in den sozialen Medien von heute, wie Herbert Kapfer eindrucksvoll in seiner Textcollage zeigt

1919. Fiktion“ ist kein Roman, sondern eine Textcollage, die der Hörspielredakteur Herbert Kapfer zusammengestellt hat. Was sich unter dem harmlosen Titel mit den zwischen 1919 und 1938 publizierten Texten von zwei Dutzend Autoren präsentiert, ist beachtlich. In den zum Teil fiktionalen, zum Teil dokumentarischen Texten werden Erfahrungen, die Soldaten und Offiziere im Ersten Weltkrieg machten, psychisch verarbeitet und politisch reflektiert.

In der Alltagssprache in Frankreich und England heißt der Erste Weltkrieg bis heute „La Grande Guerre“ bzw. „The Great War“. In den Texten rechter, linker und liberaler Autoren verbinden sich die Erfahrungen im Krieg mit Fiktionen und Fantasien bis hin zum Wahn. Der Krieg endete 1918, aber in den Köpfen wucherte er weiter.

Selbst Zivilisten lebten fortan in einer Welt voller Fiktionen, wie die Todesanzeige vom 8.1.1919 von Eltern für ihren gefallenen Sohn belegt: „Mit Begeisterung hat er 4 ½ Jahre für sein Vaterland gekämpft, dessen selbstverschuldeter Ohnmacht er jetzt zum Opfer fiel. Wohl ihm, dass die Heimkehr ihm erspart blieb.“

Fiktionen und Wahn gehören schon in Friedenszeiten zur Grundausstattung von Militär und Politik. In der linken politischen Zeitschrift Die Aktion von Franz Pfemfert wird 1919 über eine Nordlandfahrt von Wilhelm II. im Jahr 1897 berichtet, dass der Kaiser den Leutnant Gustav von Hahnke schwer beleidigt habe. Der reagierte auf die Herabsetzung seiner adligen Herkunft mit einem Faustschlag auf des Kaisers Auge. Der Leutnant wurde abgeführt und ein Kriegsgerichtsverfahren angeordnet, das nach Lage der Dinge mit einem Todesurteil enden musste. Der Leutnant entzog sich dem Urteil durch Selbstmord. Der Vorfall wurde totgeschwiegen.

Die über 4000 Seiten starke Biografie Wilhelms II. von John C. G. Röhl legt die Fakten offen. Der Kaiser hatte sich an Bord des Schiffes am Auge verletzt und der junge Leutnant von Hahnke starb nach einem Fahrradunfall beim Landgang. Es war Generalfeldmarschall Alfred von Waldersee (1832–1904), der die beiden unabhängigen Ereignisse – die Augenverletzung des Kaisers und den Unfall des Leutnants – in seinen Tagebucheintragungen freihändig verknüpfte.

In seiner Welt von Fiktionen und Wahn lebte nicht nur der eitle General, sondern auch der in der öffentlichen Wahrnehmung extravagante Kaiser. Die New York Times prognostizierte, Wilhelm der II. werde „früher oder später ganz verrückt“.

Solche Prognosen wurde überboten von den vermeintlich realistischen Berichten des Freikorpskämpfers und rechtsradikalen Terroristen Ernst von Salomon (1902–1972) in seinem Roman „Die Geächteten“ (1930). Für Salomon hatte der Krieg dem Leben „einen Sinn gegeben“ und „den Einsatz geheiligt“ in den „verwegenen Hirnen“ von Freischärlern, die sich nach dem Krieg im Baltikum austobten, um „deutsches Herrentum“ gegen „asiatische Willkür“ zu retten.

Verglichen mit Salomons Fantasien darüber, wie „die Gelüste unseres Blutes zu stillen“ waren, blieben die Fiktionen von Kriegsgegnern – Hugo Ball, Richard Huelsenbeck, Oskar Maria Graf – bescheiden. Der in Vergessenheit geratene Gregor Gog (1891–1945) – Lebensreformer, Gelegenheitsarbeiter, Kommunist und Gründer der „Bruderschaft der Vagabunden“ (1927), von den Nazis verfolgter, 1935 aus der Schweiz ausgewiesener und in die Sowjetunion geflohener Einzelgänger –, proklamierte 1928 die naive Vision vom „neuen Menschen“: „wo der Bürger aufhört, beginnt das Paradies“.

Die raffinierte Montage Kapfers demonstriert die Potenz von Collagen für starke historische Aufklärung.

Rudolf Walther in FALTER 18/2019 vom 03.05.2019 (S. 21)



Rezension aus FALTER 12/2019

Quentin Tarantino im Baltikum

Herbert Kapfer fügt in „1919“ Originaltexte der Zeit zu einer „Geschichtsstunde“ mit Hindernissen zusammen

Alexander Kluge verspricht „eine überwältigende Vorführung drastischer Szenen, Bilder, Fantasien, wie Menschen sie in geschichtlichen Augenblicken überkommen mögen“. Und Elfriede Jelinek, die ebenfalls auf dem Umschlag von „1919“ mit einer Empfehlung vertreten ist, zieht einen Vergleich mit den „Letzten Tagen der Menschheit“ von Karl Kraus, denn auch in Herbert Kapfers Buch über das unruhige Jahr, das dem Ersten Weltkrieg in Deutschland folgte, sei „alles Zitat“. Nachdem Kraus Wert darauf legte, nichts erfunden und seinen Protagonisten nur Authentisches in den Mund gelegt zu haben, irritiert der Umstand, dass „1919“ im Untertitel als „Fiktion“ ausgewiesen wird.

Tatsächlich verwendet der Autor Ausschnitte aus Romanen, Zeitungsberichten oder gar Theaterstücken und reiht diese mit bemerkenswertem Gespür für die „große Erzählung“ aneinander. In 128 Kapiteln entsteht solcherart ein facettenreiches Porträt des ersten Nachkriegsjahres in Deutschland.

Es führt uns beispielsweise die Gedankenwelt von Revolutionären und Anti-Revolutionären vor Augen und von jenen, die ihre eigene Vorstellung davon hatten, was „Revolutschon“ in der deutschen Variante nun wirklich gewesen war. Im ehemaligen Kaiserreich, so heißt es sinngemäß in einem der Textsplitter, sei diese zu einer Art Pflichtübung geworden, um wenigstens mit dem „barbarischen Russland“ und dem „degenerierten Frankreich“ gleichzuziehen.

Nur wenige Seiten später befinden wir uns mitten in der Barbarei der Freikorpskämpfe im Baltikum. Mädchen werden zu Opfern von Massenvergewaltigungen und gegnerische Soldaten lustvoll massakriert; ein Quälen und Morden, das im Stile eines Quentin Tarantino zum – hier freilich sprachlichen – Gruselerlebnis mit pseudo-ästhetischem Einschlag wird. Bei jemandem, für den die weitverbreitete Begeisterung für die Blutorgien und Brutaloszenen des US-Regisseurs unnachvollziehbar bleibt, hinterlässt die Lektüre solcher Passagen ein zwiespältiges Gefühl.

Mehr noch als bei anderen Texten in „1919“ drängt sich hier die Frage nach dem Autor auf. Der aber muss im Anhang des Buches erst mühsam ausfindig gemacht werden und ist dort in einem ebenso unübersichtlichen Nachweis versteckt wie die Namen der übrigen Verfasser. Aus der Sicht einer neugierigen Leserin ist das freilich bedauernswert. So bleiben die Autoren, die „1919“ eigentlich geschrieben haben, blasse Zuträger.

Genau das aber ist beispielsweise Ernst von Salomon, der in „1919“ mit Auszügen aus seinem Roman „Die Geächteten“ vertreten ist, keineswegs. Es handelt sich vielmehr um eine überaus schillernde Figur, deren „Karriere“ beziehungsweise Werdegang „Fiktionales“ in vielerlei Hinsicht übertrifft: Schriftsteller, Drehbuchautor und dem extremen rechten Spektrum angehörend, Fememörder, Freikorpskämpfer und zum Teil in der vordersten Reihe an politischen Verbrechen beteiligt, wurde Salomon über einige Umwege zum Propagandisten des NS-Regimes, der gleichzeitig mit dessen Gegnern verkehrte.

Die „Läuterung“ Salomons nach 1945, als er seine Karriere in der Filmbranche fortsetzte und dem Pazifismus zu huldigen begann, blieb umstritten. Nicht weniger interessant ist die Vita von Richard Huelsenbeck, Mitbegründer des Dadaismus, dessen 1920 erschienene „Erinnerungen“ von Kapfer ebenfalls verwendet wurden.

Nun stehen aber in „1919“ nicht die Autoren der betreffenden Texte im Vordergrund. Das Konzept des Autors besteht ja gerade darin, die Vielstimmigkeit der Zeit einzufangen und als „ein großes Ganzes“ zu präsentieren. Dieses wiederum ist nicht nur Fiktion, sondern wirkt mitunter wie eine Art „Geschichtsstunde“. Wer sich allerdings in der deutschen Nachkriegszeit nicht ganz so gut auskennt, der wird wohl Begleitlektüre benötigen, um die Qualität der Texte in „1919“ entsprechend würdigen zu können.

Kapfers Komposition illustriert die tiefe Gespaltenheit einer „Verlierernation“, macht deutlich, dass der Friede nicht automatisch ein Ende des Blutvergießens mit sich brachte und legt Fährten hin zu den nachfolgenden Entwicklungen in der Weimarer Republik. Geradezu folgerichtig landet man in muffig-dampfenden Bierkellern bei Adolf Hitler, der vor einem zunächst überschaubaren Publikum erste Triumphe als Redner feiert. Eines dieser Kapitel trägt die Überschrift „Irgendjemand verließ den Saal“. Besagter „Irgendjemand“ ist, so erfährt man, der „Einzige, der denken konnte“. Der „Redner“ aber wird nach dessen Abgang „übermütig“, wähnt sich nunmehr als „Messias“, gesandt, um Deutschland „aus seiner Erniedrigung“ zu führen.

„1919“ ist ein Buch, das man regelrecht durchwandert – von einem Schauplatz zum anderen. Auch das Kino ist so ein Ort. Dort läuft gerade der Stummfilm „Kaiser Wilhelms Glück und Ende“. Der Streifen, der Ende 1919 produziert wurde, war ein skandalträchtiges frühes Beispiel für eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die sofort auf Widerspruch stieß. Nicht zuletzt die Darstellung des ehemaligen Kaisers Wilhelm erregte Anstoß. Der Monarch, der erst wenige Monate zuvor abgedankt hatte, sei in einigen Szenen bewusst lächerlich gemacht worden.

Andere kritisierten den Film offenbar eher, weil er ihnen zu wirklichkeitsgetreu geraten war. Das eigentlich „Grauenhafte“ an dem Streifen sei die Übereinstimmung der „Weltgeschichte“ mit dem „Kitsch“, der auf der Leinwand geboten wurde. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. 1919 nicht anders als heute.

Verena Moritz in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 8)


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