Fremdheit
Geschichten und Geschichte der großen Aufgabe unserer Gegenwart

von Hans-Jürgen Heinrichs

€ 22,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Kunstmann, A
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.02.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Fremderkundung ist Selbsterkundung

Soziologie: Hans-Jürgen Heinrichs umkreist eine zentrale Kategorie des Zusammenlebens, die Fremdheit

Kaum ein anderer Begriff scheint das Unbehagen an der Gegenwart besser zu fassen: Die Rede von Fremdheit, von den Fremden und von Überfremdung wird von der populistischen Rechten, aber auch von Teilen der Linken dankend genutzt. Es ist ein wohlfeiles Instrument, eine nationale oder gar völkische Einheit zu schmieden, die sich gegen alle Andersdenkenden und -ausschauenden wehrhaft aufstellen soll.

Die zunehmende Entfremdung von einer weltoffenen Gesellschaft, die trotz grenzenloser Handelsströme in immer weiterer Ferne liegt, kommt darin zum Vorschein. Man könnte also sagen: Hans-Jürgen Heinrichs’ neues Buch „Fremdheit“ ist das Buch zur Stunde. Ein bekannter Autor, Ethnologe und Reisender, Entdecker und Herausgeber, Interviewer und Journalist widmet seinem Lebensthema eine weitere Studie – das ist angesichts der Brisanz des „Fremdheits“-Begriffs ausdrücklich zu begrüßen. Ein Buch der Stunde aber ist es nur bedingt.

„Fremdheit“ ist eine Art ausgeschütteter Zettelkasten. Seine von verschiedenen Richtungen ausgehenden Annäherungen an das Thema sind essayistisch, literarisch, anekdotisch, wissenschaftlich. Durchaus programmatisch vermischen sich verschiedene Genres und Schreibstile. Denn für Heinrichs ist das Verstehen aufs Engste verknüpft mit dem Erzählen von Fremdheit. Nicht immer ganz frei von Eitelkeit, wuchert der 1945 geborene Autor mit dem Pfund seiner in vielen Jahren gewonnenen Einsichten, seiner zahlreichen Begegnungen mit Ethnologen, Philosophen und Künstlern.

Mit dem Thema des Buches spielende Bilder, beigetragen von Rebecca Horn oder Anselm Kiefer, sind zudem abgedruckt: weniger zur Illustration, vielmehr als Beispiele für andere Erfahrungsräume – was allerdings zum Teil einen leicht beliebigen Eindruck hinterlässt. Auch wenn Heinrichs eine breitgefächerte Bestimmung von Fremdheit anstrebt, erscheint einem der Erkenntnisgewinn zuweilen dünn. Was auch an dem mitunter etwas bedeutungsschwangeren Ton liegt, in dem nicht selten Gemeinplätze ziemlich aufgeblasen wirken: „Zur Welt kommen heißt, sich einer unfassbaren Fremdheit ausgesetzt zu sehen. Das ist der Anfang – und so geht es bis zum Ende des Lebens weiter. Das Urmuster aller Entscheidungen, die man fortan trifft, besteht darin, ob man der Fremdheit lustvoll oder aber feindlich begegnet, ob man ihr die Tore zum eigenen Inneren öffnet oder aber verschließt.“

Dass die Lektüre dennoch zu empfehlen ist, liegt an der Emphase, die das Buch auszeichnet: Heinrichs ist zutiefst überzeugt, dass es beim Thema Fremdheit nicht nur gegenwärtig um etwas geht, sondern dass es überhaupt eine zentrale Kategorie des Zusammenlebens darstellt, der Organisation des Sozialen, der Wahrnehmungsfähigkeit. Ausdrücklich spricht er von einer Erzählung und von sich selbst als Erzähler. Das ermöglicht es ihm, zwischen verschiedenen Ebenen hin- und herzuspringen: Er beschäftigt sich mit Fremdheitserfahrungen in der Liebe ebenso wie mit Rassismus. Er erzählt Geschichten von Flucht und Ankunft und versucht zugleich theoretisch zu fassen, was mit uns geschieht, wenn wir uns mit Fremdheit auseinandersetzen.

Von intimsten Verstörungen bis zu sozialen Problemstellungen reicht das Untersuchungsfeld des Ethnopsychologen, der eben das Seelenleben mit in seine Beobachtung sozialer und historischer Verhaltensweisen einbezieht. Das Dasein stellt für Heinrichs eine fortwährende Reibung am Fremden dar, man könnte neutraler auch sagen: mit dem Nichtgleichen, der Differenz. Dieses Andere wird umkreist, angeglichen oder ausgegrenzt. Gleichgültig steht man ihm nie gegenüber. Dabei ändert sich allerdings im Laufe der Zeit oder situationsbedingt das Objekt, das man als fremd und bedrohlich wahrnimmt. Der Blick auf den Fremden sei immer kulturell und emotional begrenzt.

Einer der zentralen Aspekte im Denken Heinrichs’ besteht in einem selbstreferenziellen Motiv: Erst in der Auseinandersetzung mit dem und den Fremden werden wir uns des Eigenen bewusst. Auch wir sind uns eigentlich fremd, was wir aber erst bemerken, wenn wir uns damit konfrontieren. Fremderkundung hat also immer auch mit Selbsterkundung zu tun. Fremdheit ist die Voraussetzung dafür, Erfahrungen und Begegnungen zu ermöglichen. Für die Vermittlung dieser Erfahrungen braucht es, so Heinrichs, eine andere Sprache: Geschichte und Geschichten müssten sich ergänzen, und gerade Reporter-Schriftsteller und Ethnologen, die sich literarischer Formen bedienen, könnten durch ihr Schreiben die Angst erzeugenden und politisch instrumentalisierten Zerrbilder des Fremden auflösen. Heinrichs fordert einen realistischen, empathischen, Grenzen überschreitenden Blick. Fremdheit bereitet deshalb Probleme, weil wir sie außerhalb unserer Lebenswelt verorten, es uns nicht gelingt, eine gedankliche Übertragungsleistung zu erbringen und gesellschaftliche Konfliktsituationen in Geschichten zu verwandeln, die uns Konstruktionen bewusst machen könnten. In dieser Hinsicht ist Heinrichs’ Buch eine Mahnung an alle, die es sich mit der Gegenüberstellung von „wir“ und „die“ zu einfach machen.

„Die eigene Kultur nicht als alleiniger Maßstab der Normalität zu nehmen“, schreibt er, „erfordert einen grundsätzlichen Perspektivenwandel. Es heißt anzuerkennen, dass alles, was einem selbst als normal und selbstverständlich erscheint, in einer anderen Kultur gegenteilig begriffen werden kann und dass auch in unseren Traditionen ständig elementare Systemveränderungen und -verkehrungen, Umwertungen und Neusetzungen möglich sind, stattgefunden haben und stattfinden.“

Ulrich Rüdenauer in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 36)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen