Lehmriese lebt!

von Anke Kuhl

€ 18,50
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Verlag: Reprodukt
Format: Hardcover
Genre: Kinder- und Jugendbücher/Kinderbücher bis 11 Jahre
Umfang: 96 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.03.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Auch Lehmriesen brauchen Aufgaben

Anke Kuhl legt mit "Lehmriese lebt!" ihren ersten Comic über einen von Kindern gebauten Golem und dessen Bändigung vor

Kinder lieben Gatsch. Am Rand eines Bachlaufs finden Olli und Ulla herrlich fettigen. Sie ziehen sich vorsorglich aus und fangen an zu formen. "Hhm – sieht aus wie ein gigantisches Vanillekipferl", meint Olli. Als sie fertig sind, klettern sie auf einen Baum, um ihr Werk besser betrachten zu können, bedauern, dass die riesige, liegende Lehmgestalt zu schwer zum Aufstellen sei – und machen sich auf den Heimweg.
In der Nacht gibt es ein Gewitter, Sturm kommt auf, Tropfen fallen, ein Blütenkelch neigt sich zur Stirn des Riesen – und plötzlich schlägt dieser die Augen auf. Er blickt um sich, erhebt sich mit frei schwebendem Kopf (einen Hals haben die Kinder vergessen oder nicht für notwendig erachtet) und macht sich auf in Richtung Stadt.

Pardon, dieser Sprachwitz muss sein: Anke Kuhl, geboren 1970 in Frankfurt am Main, gehört zu den coolsten zeitgenössischen Kinderbuchillustratorinnen. Ein wackliger Strich, Glubschaugen und eine das bloß hübsch Anzusehende ignorierende ästhetische Nonchalance gehören zu ihren Erkennungsmerkmalen. Im Herbst legte sie zusammen mit Katharina von der Gathen ein schonungsloses Aufklärungsbuch für Kinder im Grundschulalter vor ("Klär mich auf. 101 echte Kinderfragen rund um ein aufregendes Thema"). Nun erscheint ihr erster Comic unter dem Titel "Lehmriese lebt!".
Der Lehmriese, das Monster ohne Namen, stellt dabei eine Wiederbelebung oder vielmehr Neuinterpretation der Figur des Golems aus der jüdischen Mystik des Mittelalters dar, jenes aus Lehm geformten menschenähnlichen Wesens, das stumm ist, aber Aufträge ausführen kann. Jacob Grimm machte den Golem bei den Romantikern bekannt, Erfolgsromane wie "Der Golem" von Gustav Meyrink oder Stummfilme wie jene von Paul Wegener befriedigten die Angstlust des frühen 20. Jahrhunderts.
Das alchemistische Kunststück der Erschaffung eines Golems, das ursprünglich nur Gelehrten und Weisen zugetraut wurde, gelingt den Kindern bei Kuhl spielend. Aber auch ihr Lehmmann richtet zunächst nur Unheil an. Statt dem Förster zu helfen, Unkraut zu jäten, reißt er Tannen aus. In der Stadt angekommen, stiehlt er ein Eis und wird von seinen Erschaffern Olli und Ulla entdeckt, die ihm zum Friseur und in den Supermarkt folgen, wo er sich ebenfalls gehörig danebenbenimmt.
Die Polizei wird gerufen, und Olli und Ulla beschleicht ein schlechtes Gewissen, schließlich sind für die Existenz des Golems verantwortlich. Aber das würde ihnen ohnehin niemand glauben. Mittlerweile steht der Lehmriese wie sein mythologischer Verwandter King Kong auf dem Rathausdach und läutet die herausgerissenen Glocken. Die Feuerwehr kommt angebraust, um ihn herunterzuspritzen – der Augenblick, an dem die Kinder sich endlich genötigt fühlen einschreiten.
"Sie bringen ihn ja um!!!", rufen sie. Was sich schon beim Friseur angedeutet hat, wird hier zur Lebensgefahr: dass der Lehm­riese sich in Matsch auflöst, wenn er nass wird. Zum Glück kennt sich der Friseur mit Golems aus: "Wenn die Kinder tatsächlich aus Versehen einen Golem gebaut haben, dann hört er natürlich auch nur auf die ­beiden."

Sofort melden die Bürger riesengroße Wünsche an, die zum Teil über den Schaden, den der Lehmriese angerichtet hat, weit hinausgehen. Was tun Olli und Ulla? Sie bitten ihn per Megafon, vom Dach herunterzukommen und mit ihnen zu spielen.
Ergänzt wird die liebevoll gezeichnete Geschichte durch humorvolle Schautafeln über Douglastannen, Eissorten (von "Kühler Kopf" bis "Fruchtiger Fuß"), Frisuren, Supermarktangebote und eine Feuerwehrbedienungsanleitung. Und am Schluss klärt Kuhl ihre kleinen Leser auf sympathische Weise über die Geschichte und Zwiespältigkeit ihrer Figur auf.
Meist sei der Golem freundlich und helfe seinen Schöpfern bei der Erledigung von Aufgaben. In der bekanntesten Geschichte unterstütze er die Juden in Prag, sich gegen Anfeindungen und falsche Beschuldigungen zu verteidigen. In anderen sei er plump und dümmlich, in manchen sogar böse oder gewalttätig – aber vielleicht habe man ihm da nur die falsche Aufgabe gestellt.

ab 5 Jahren

Kirstin Breitenfellner in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 28)


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