Domestik

von Charly Wegelius

€ 17,30
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Olaf Bentkämper
Verlag: Covadonga
Format: Buch
Genre: Ratgeber/Sport/Autosport, Motorradsport, Radsport, Flugsport
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.07.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Windschatten oder Sieger sind immer die anderen

Radsport: Charles Wegelius erzählt in seiner spannenden Biografie aus dem Leben eines ganz normalen Radprofis



Fausto Coppi, David Millar oder Lance Armstrong haben es getan. Radfahrer-Memoiren gibt es viele. In diesem Fall geht es um keine schweißtriefende Heldengeschichte, sensationsreiche Warum-hab-ich-bloß-gedopt-Beichte oder große Enthüllungen. Der Brite Charles Wegelius und sein Co-Autor, Sportjournalist und Exkollege Tom Southon, liefern mit „Domestik. Das wahre Leben eines ganz normalen Radprofis“ eine authentische Geschichte über das Leben eines normalen Radsportprofis: die Erlebnisse eines klassischen Mittelfeldfahrers, der bei der Medienübertragung meist nur kurz als Zugpferd seines Teamkapitäns durchs Bild huscht.



Eine Biografie, exemplarisch für die vielen ungekannten Nebenfiguren, Schicksale und Karrieren des internationalen Pelotons. Ohne große Skandale, Siege und Ruhm, aber mit nicht minder vielen Höhen und Tiefen. Lange bevor die Briten mit Team Sky selbst Rennradgeschichte schreiben, verlässt der halbwüchsige Radsportfan Charly, kaum von der Schule abgegangen, Ende der 1990er-Jahre die Insel, um in den verheißungsvollen Rennradnationen Frankreich und Italien seinen Traum zu verwirklichen – mit kompromissloser Verbissenheit und der Entschlossenheit, alles zu geben, koste es, was es wolle. Und das ist nicht wenig.

Sein Einsatz lohnt sich, er schafft den Einstieg in die Profiwelt. Seine offizielle professionelle Karriere startet Wegelius als knapp zwanzigjähriges Nachwuchstalent beim italienischen Mapei-Rennstall. Dort erlebt der junge Engländer zunächst die besten Seiten des Rennsports. Er findet optimale Trainingsvoraussetzungen, lebt in luxuriösen Unterkünften und wird von seinen italienischen Kollegen protegiert. Doch die Radsportwelt verliert nach und nach an Glanz, daran ändert auch Wegelius beständiger Aufstieg, seine Teilnahme an den

prestigeträchtigen Rundfahrten, dem Giro d’Italia, der Vuelta de Espana oder der Tour der France, nichts.

An vielen Stellen klingt diese Biografie wie ein Entwicklungsroman. Mehr als einmal entscheidet die richtige oder falsche Entscheidung über den Fortgang seiner Karriere, gilt es die richtigen Leute kennenzulernen, in der richtigen Clique zu sein, sich anzupassen, wenn nötig den Wendehals zu spielen, um im Mannschaftsgefüge eines Radteams bestehen zu

können.



Womit Wegelius bis zum Schluss hadern wird, ist die eigene Unterwürfigkeit, jener Charakterzug, der den soliden Kletterer bei Bergetappen geradezu zum perfekten Domestiken prädestiniert. Domestik, Knecht oder, freundlicher formuliert, Mannschaftsfahrer nennt man im Radsport jene Sportler, deren Hauptaufgabe es ist, den Kapitän der Mannschaft zu stützen. Sie sind Wasserträger, bieten Windschatten, machen Tempo und verzichten im Zweifelsfall auf den eigenen Sieg. Eine nicht sehr dankbare, im Profiradsport aber alltägliche und anerkannte Rolle.

Außen hui, innen pfui. Nüchtern und lebensnah seziert Wegelius das Psychogramm und die Lebensrealität des Radzirkus und seiner Proponenten anhand des eigenen Beispiels. Er erzählt von prekären Arbeitsverträgen, beglückenden oder zermürbenden Teamkonstellationen, Zerwürfnissen mit Trainer, Kapitänen oder Funktionären. Die Dopingsünder und -sünden der EPO-Ära streift er nur am Rande, für ihn sind sie ein ungeschriebenes Gesetz des Metiers, aber nicht seine Story.

Mit jeder Seite nimmt das Buch an Fahrt auf und ist durch seine psychologische Tiefe auch für den Laien interessant. Diese Biografie zeigt, welchen Ups and Downs sowohl Kalorien- als auch Gefühlshaushalt eines Radsportlers unterworfen sind.

Und ja, das Privatleben bleibt über Jahre auf der Strecke, das alles andere als normale Profileben hinterlässt eine Leere. Gerüchte aus der Leistungssportwelt, die sich genauso als wahr herausstellen wie jene über die lausigen Teamunterkünfte und grottenschlechte Verpflegung bei der Tour de France. „Wir waren ein Haufen selbstsüchtiger Arschlöcher, die ihr Leben entweder damit verbrachten, Rad zu fahren oder die Beine hochzulegen.“



Nach elf Jahren als Profi steigt Wegelius 33-jährig aus dem Rennzirkus aus. Am Ende seiner körperlichen und mentalen Kräfte und ohne je in einem großen Rennen gesiegt zu haben, aber auch geläutert von dem ständigen Kreisen um die eigene körperliche Befindlichkeit, mit dem Wissen dass es ein Außen gibt, seine Frau und Familie.

Ganz verdammen konnte oder wollte der Ex-Profi den Radsport allerdings nicht: Heute ist Wegelius sportlicher Leiter beim Team Cannondale-Garmin. Keine große Enthüllungsstory, aber eine sehr geglückte Innenschau.

Petra Sturm in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 50)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen