Das Internet der Tiere
Der neue Dialog zwischen Mensch und Natur

von Alexander Pschera

€ 20,50
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Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: Hardcover
Genre: Philosophie/20., 21. Jahrhundert
Umfang: 186 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.10.2014


Rezension aus FALTER 50/2014

Tiere auf Facebook, Wildnis ade: Wird die Welt zum Zoo?

Alexander Pschera sagt, das Verhältnis zwischen Mensch und Tier stehe vor einer Totalveränderung. In ihrem Zentrum: Tiere mit GPS-Sendern

Als der Wolf 832F im Dezember 2012 knapp außerhalb der Grenzen des Yellowstone-Nationalparks erschossen wurde, war der Aufruhr groß, obwohl der US-Bundesstaat Wyoming gerade in diesem Jahr die Jagd auf Wölfe wieder freigegeben hatte.
Hatte 832F also einfach nur Pech gehabt, einem Jäger vor die Flinte zu laufen, obwohl das Tier sich sonst so gut wie nie außerhalb des Nationalparkgebiets aufhielt? Nicht ganz. Denn 832F – ein weibliches Alphatier, das an der Spitze eines Rudels mit Namen Lamar Canyon Pack stand – hatte zu Lebzeiten jede Menge Freunde und Followers in den sozialen Netzwerken gehabt.
Die Wölfin trug ein 4000 Dollar teures GPS-Halsband, das Daten übertrug und über das man im Internet so gut wie jeden ihrer Schritte verfolgen konnte.
Viele taten das. 832F war gut vernetzt. Die Öffentlichkeit kannte ihr Rudel, ihre Welpen, ihren Alltag, ihre Gewohnheiten. Sie war ein VIA, ein "Very Important Animal" mit besten Kontakten.
Und diese Kontakte sahen es gar nicht gern, dass ihre tierische Facebook-Freundin abgeknallt wurde. Ein Sturm der Entrüstung in Form entsetzter Postings, Onlinekommentare und Protestnoten brach los. Sogar die New York Times brachte einen Leitartikel mit Nachruf auf die Wölfin.

Aus Chaos wird Ordnung
Glaubt man dem deutschen Philosophen Alexander Pschera, dann lauten die Zauberworte zu diesem Wolfsschicksal "Miterleben und Emotionalisierung": "Wolf und Schildkröte brauchen Geschichten, an denen der Mensch Anteil nehmen kann." Und auch wenn die Geschichte der Wölfin 832F traurig endete: Sie und ihre so bedrohte Spezies, die beim Menschen für gewöhnlich nicht im besten Ruf steht, schafften es ins Scheinwerferlicht und riefen Anteilnahme und Solidarität hervor.
Das Medium, das uns in Zukunft noch sehr viel mehr von solchen individualisierten Tiergeschichten liefern wird, ist das Internet. In ihm, so Pschera, vollziehe sich gerade eine gewaltige, weltumspannende Veränderung.
Nach dem Internet der Menschen, das tiefgreifende Veränderungen in zwischenmenschlichen und interkulturellen Beziehungen bewirkt hat, und dem Internet der Dinge, durch das wir immer mehr mit den unbelebten Objekten unserer Alltagswelt in Kontakt treten, folgt nun ein drittes Internet, nämlich das "Internet der Tiere".
So heißt auch Pscheras neues Buch, in dem er Bedenkenswertes diskutiert. Seine Hauptthese: Die neue Beobachtungstechnologie besitzt bei klugem Einsatz das Potenzial, eine völlig neue Tier-Mensch-Beziehung zu schaffen.
Durch sie kann der Alltag von Wildtieren sichtbar und nachvollziehbar gemacht werden, und diese treten uns als Individuen entgegen.
50.000 Wildtiere weltweit senden bereits jetzt schon permanent Daten – in der Tiefsee genauso wie zu Land und in der Luft. "Aus der chaotischen Wildnis wird ein vernetzter Raum." Natürlich verliert die Natur dadurch an Autonomie. Trotzdem ist die Frage berechtigt, wie wir angesichts von Digitalisierung und damit einhergehender Naturentfremdung zu einer neuen Art von Tierschutz kommen können.
Vieles spricht dafür, dass die Synthese von Technik und Natur, die lange als Gegenwelten galten, dabei schon jetzt die entscheidende Rolle spielt. Anders als im klassischen Naturschutz, wo Biotope und Naturschutzgebiete als vom Menschen möglichst abgeschottete Räume gedacht werden, geht es bei der "Transparenznatur" darum, mit Wildtieren virtuell in ganz engen Kontakt zu treten und ihnen bis in ihr Allerprivatestes zu folgen. Ganz in Ruhe lassen, so Pschera, könne man sie ohnehin nicht mehr, weil ihre Lebensräume unter menschlichem Einfluss zu komplex geworden seien. Sie bedürfen unserer Unterstützung.

Neue Generation von Nutztieren
Der von Pschera referierte Lösungsansatz ist interessant: Genau die Internettechnik, "die die Entfremdung von der Natur ursächlich hervorgebracht und immer weiter verschärft hat", kann nun zum "Teil der Lösung" und zum Missing Link zwischen Mensch und Tier werden.
Die Auswertung der gesammelten GPS-Daten besenderter Wildtiere macht es in Zukunft nicht nur einfacher, Tierarten punktgenauer zu schützen. Sie eröffnet auch die Möglichkeit, Menschen in eine zwar virtuelle, aber doch stark emotionale neue Bindung zu Tieren treten zu lassen. Für den Schutz von Wildtieren, an die man sich emotional gebunden fühlt, weil man ihnen via Blog oder Smartphone-App folgt, wird man bereitwilliger eintreten als für anonyme Wildtiere, so die These.
Im "neuen Naturschutz" erzählt die Natur quasi von sich selbst. Dafür bringt Pschera viele Beispiele. Gleichzeitig eröffnen die riesigen Mengen gesammelter Daten auch den Zugang zu bisher unerschlossenem "Tier-Wissen", das dem Menschen nützlich sein kann – etwa für die effizientere Vorhersage bevorstehender Naturkatastrophen durch die Auswertung von tierischen Mobilitätsmustern. Wildtiere würden so zu einer "neuen Generation von Nutztieren".
Nur ein solches radikales Umdenken könne die Wildtiere retten. Doch Pschera diskutiert auch die Schattenseiten einer solchen "brave new world" der digitalen Tier-Mensch-Beziehung. Die Notwendigkeit eines Datenschutzes für "das gläserne Tier" drängt sich ebenso rasch auf wie die Frage, ob die technische Aufrüstung der Natur nicht gleichbedeutend ist mit ihrer endgültigen digitalen Unterwerfung.
Es stellt sich dann nämlich überhaupt die Frage, ob der Mensch die Wildnis mit diesem Schritt nicht in einen einzigen großen Zoo verwandelt? Das ist ein etwas unbehaglicher Gedanke.

Julia Kospach in FALTER 50/2014 vom 12.12.2014 (S. 21)


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