Biografie, Tagebuch, Briefe

von Tomas Espedal

€ 25,70
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Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Briefe, Tagebücher
Umfang: 347 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.04.2017


Rezension aus FALTER 16/2017

Reisen zum Kern des ICH

Der Norweger Tomas Espedal betrachtet das Schreiben als Möglichkeit der Selbsterforschung. Nun erreicht einer der besten Autoren der Gegenwart die deutschsprachige Leserschaft

Der Norweger Tomas Espedal ist ein Meister der minimalistischen, dabei intensivsten Prosa. 1961 in Bergen geboren, hat er seit 1991 ein gutes Dutzend Bücher veröffentlicht, erst seit 2011 wird er nach und nach ins Deutsche übersetzt.
Dass Espedal, einer der interessantesten und besten Autoren der Gegenwart, noch immer als Geheimtipp gilt, liegt sicher auch an der  eigenwilligen Form seiner Texte. Sind das nun Romane? Autobiografische Experimente? Literarisch-philosophische Notizen? Oder lange Prosagedichte? 
Dass sich Espedals Bücher allen Gattungen entziehen, ist die letzte Konsequenz einer radikalen Schreibhaltung, die wiederum eng mit seiner Biografie zusammenhängt. Espedal schreibt, um sich seiner selbst zu versichern, um zum innersten Kern seiner Persönlichkeit vorzudringen. Das klingt erst einmal nach dem redlichen Bemühen um Selbsterfahrung, was noch lange nichts mit Literatur zu tun hat.
Literarisch interessiert ein solches Unternehmen erst, wenn der Autor mit seinem Material, mit der Sprache und den Konventionen des Erzählens, genauso streng und kritisch verfährt wie mit sich selbst. Zwischen 1999 und 2005 veröffentlichte Espedal in Norwegen drei schmale Bücher, die nun für die deutsche Ausgabe in einem Band zusammengefasst wurden: „Biografie Tagebuch Briefe“. Wer noch keine Zeile von Espedal gelesen hat, lernt hier erst einmal einen Autor kennen, der die Fragwürdigkeiten und Widersprüche seiner Biografie genauso ernst nimmt wie die Herausforderung, dafür eine literarische Form zu finden. 
Espedals Vorfahren waren Handwerker und Arbeiter, mit seiner Familie hatte er es nicht leicht. Eine schwierige Jugend, der übliche Kummer mit der Liebe, dramatische Probleme mit dem Alkohol, dazu ein Hang zum Jähzorn und zu ziemlich brutalen Prügeleien, also eigentlich ein hoffnungsloser Fall.

Aber dann entdeckt er das Schreiben als eine Möglichkeit der Selbsterforschung, in Form von Notizen, Erinnerungsfetzen, Tagebüchern und fingierten Briefen. Er beginnt zu wandern, unternimmt scheinbar planlose Gewaltmärsche durch Europa, schließlich zieht es ihn nach Paris auf den Spuren von Rimbaud, Satie, Giacometti und anderen, deren ­kompromisslose Existenz des Künstlertums er bewundert. Zurück in Norwegen die leidenschaftliche Beziehung zu Agnete, schwierig ist dafür gar kein ­Ausdruck. Sie trennen sich, und als ihre Tochter gerade in die Pubertät kommt, stirbt ­Agnete an Krebs, kurz nach Espedals Mutter. 
Das ist sein Stoff, nachzulesen in den drei Büchern „Gehen“, „Wider die Natur“ und „Wider die Kunst“, auf Deutsch erschienen zwischen 2011 und 2015. Man findet in der nun übersetzten Trilogie einige Szenen, die in diese späteren autobiografischen Bände eingegangen sind. Sie korrespondieren hier mit Reflexionen, die das Lesen und das Schreiben als geradezu sakralen Akt feiern.
Espedal lebt als nunmehr alleinerziehender Vater mit seiner Tochter auf dem Land, in seinem Garten hat er sich eine kleine Hütte zum Schreiben eingerichtet. „Ich muss zugeben, ich gehe zum Schreibtisch, wie ich zu einem Fest gehe: Ich ziehe meine beste Kleidung an, ein weißes Hemd, dunkle Hose und Jacke, Krawatte oder keine Krawatte.“ Schreiben ist ein Akt der Schöpfung, etwa „die Freude, eine neue Wohnung zu schreiben“ oder „einen Baum zu schreiben“.
Ob mit Bleistift oder Schreibmaschine, Schreiben ist Handarbeit, die Hand des Schreibenden bildet den Übergang von der erlebten zur geschriebenen Welt.
Dass daraus am Ende ein Buch entsteht, ist erst einmal nebensächlich, es geht um die konzentrierte Arbeit an der Sprache, ständiges Verbessern und Vernichten: ein mühseliger Prozess permanenter kritischer Überprüfung, aber „Schreiben heißt, die Sprache komplizierter machen, die Welt komplizierter machen“.

Das Inventar dieser Welt ist am Ende überschaubar. Zur Grundausstattung gehören Haus, Tisch und Lampe vor dem Fenster, etwas Geschirr, Zigaretten. In dieser immer neu variierten Szenerie spielen sich tragische, leidenschaftliche, heitere Szenen ab, und was auf den ersten Blick so schlicht erscheint, lädt sich nach und nach mit Assoziationen und Bedeutungen auf. Die scheinbar einfache Welt wird kompliziert. 
„Du schreibst gut“, soll Karl Ove Knausgård seinem Freund und Kollegen gegenüber einmal bemerkt haben, und Espedal hörte sofort die Kritik heraus, dass seine Texte allzu kalkuliert und artifiziell daherkämen. Im fünften Band seiner Autobiografie („Träumen“) allerdings erinnert sich Knausgård voller Respekt an den Kommilitonen Espedal, mit dem er an der Schreibakademie in Bergen bei Jon Fosse studierte.
Eine größeren Gegensatz kann man sich nicht vorstellen: hier der skrupulöse Tüftler, der um jedes Bild, jeden Satz kämpft, um der Wahrheit seiner Biografie zumindest nahezukommen, dort der Textberserker, der noch jedes kleinste Detail seiner Erinnerungen festgehalten wissen will. Von Knausgård ist bekannt, wie wichtig Thomas Bernhard für die Entwicklung seines Schreibens war. Espedal suchte in Paris Handkes Niemandsbucht auf.
Wie einst Bernhard und Handke die österreichische Literatur repräsentierten, sichern heute Espedal und Knausgård der norwegischen Literatur internationale Aufmerksamkeit. Schwer vorstellbar allerdings, dass Handke oder Bernhard auch nur ein einziges freundliches Wort übereinander verloren hätten.

Tobias Heyl in FALTER 16/2017 vom 21.04.2017 (S. 36)


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