Der Habicht

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Kurzbeschreibung des Verlags:

»Der Habicht ist ein Buch über einen Mann und einen Greifvogel und ebenso eine Fabel über das Selbstsein und die Ausübung von Macht. Man kann es als Abhandlung zum Wesen der Freiheit, der Erziehung, der Macht, des Kriegs, der Geschichte, der Klassenzugehörigkeit, der Versklavung, der englischen Landschaft und der Irrungen und Wirrungen des menschlichen Herzens lesen, denn all das ist es und noch viel mehr.« So beschreibt Helen Macdonald dieses in Tagebuchform verfasste Buch über Whites Versuch, einen Habicht zu zähmen, den wildesten aller Raubvögel. Ausgerüstet mit nichts als einem Falknerbuch aus dem 16. Jahrhundert stellt er sich der schieren Urgewalt des Vogels: Der ruchlose und doch unschuldige Jäger entspricht seinem Idealbild des einsamen Einzelgängers, der er selbst war. Die Zähmung wird zu einem metaphysischen Kräftemessen – White will mit dem Vogel auch sein eigenes launisches Wesen bändigen. Letztendlich wird er lernen, dass dem Freiheitsdrang der Natur kein Einhalt zu gebieten ist. Sein schonungsloser Bericht erscheint hier zum ersten Mal auf Deutsch und gehört zu den intensivsten Beschreibungen der Begegnung zwischen Mensch und Tier überhaupt.

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FALTER-Rezension

Wie eine Aufwartefrau am Strand von Margate

T.H. Whites Buch „Der Habicht“ ist sowohl ein Klassiker des Nature Writing als auch eine dramatische Love Story

Der Autor nennt ihn einen „albernen kleinen Prinzen“ und einen „unnachgiebigen kleinen Raubritter“; er vergleicht ihn das eine Mal mit einem „ganz und gar um den Verstand gebrachten bayerischen Erzherzog“ und das andere Mal mit einem „buckligen Richard III.“; er beteuert die wechselseitige Liebe, um sich dann wieder der bitteren Einsicht zu ergeben: „Er hatte mich gehasst und mir misstraut.“

Keine Frage, hier geht es um Liebe als Passion, um große Oper, das komplette Himmelhoch-jauchzend-zu-Tode-betrübt-Programm. Das ist so wenig neu wie der Umstand, dass die beiden Involvierten männlichen Geschlechts sind; dass es sich bei einem von ihnen um einen Raubvogel handelt, macht die Beziehung allerdings schon einigermaßen außergewöhnlich.

„If equal affection cannot be, / Let the more loving one be me“, lautet eine Zeile aus einem berühmten Gedicht von W.H. Auden. Im vorliegenden Falle war das wohl T.H. White, der im Übrigen tatsächlich schwul war und eine Vorliebe für Spanking und andere S/M-Praktiken hatte. Begegnet ist er seiner gefiederten Passion als junger Mann; vervollständigt und veröffentlicht wird das damals abgebrochene Manuskript aber erst 15 Jahre später auf Drängen von Whites Verleger.

Die zwischen Melancholie, Pessimismus, stoischer Gefasstheit und Hoffnung oszillierende Stimmung ist aber jene des 30-jährigen Mannes, der bereits 1937 die kommende Katastrophe vorausahnt, wenn er anmerkt: „Hitler, Mussolini, Stalin und der ganze Rest: Sie würden uns in den vorläufigen Untergang führen, vielleicht noch zu meinen Lebzeiten.“ Dass er dabei selbst dran glauben würde müssen, hielt er für wahrscheinlich, doch sei das Individuum ja nicht weiter von Bedeutung, so nur die Menschheit „gereinigt“ aus dem Schlachten hervorgehen würde.

Das englische Wort für den Greif, der seine aristokratische Abstammung schon im lateinischen Namen trägt – Accipiter gentilis –, lautet „Goshawk“, weswegen der Vogel von seinem Bewunderer auch „Gos“ genannt wird. Der Rang, dem White ihm zuschreibt, ist hingegen recht bescheiden: In der Hierarchie der Greifvögel, an dessen Spitze unangefochten der Adler als Kaiser stehe und der Wanderfalke die Position eines Grafen einnehme, geht der Habicht gerade einmal „als ordnungsgemäßer Diener des Freisassen“ durch.

Dass „Der Habicht“ 68 Jahre nach seinem Erscheinen nun endlich – und im Übrigen exzellent – ins Deutsche übertragen wurde, hat nicht zuletzt mit dem Erfolg von Helen Macdonalds Bestseller „H wie Habicht“ (2015) zu tun, in dem sich die Autorin immer wieder auf White und seinen „Habicht“ bezieht und der darüber hinaus wesentlich dazu beigetragen hat, dass sich das Genre des Nature Writing auch in unseren Breiten etablieren konnte.

Das Abtragen eines Habichts, wie die Abrichtung zur Jagd in der Fachsprache heißt, erfordert einige Ausdauer. T.H. White zufolge geht es „am schnellsten“, wenn man „um sechs Uhr früh aufsteht und den Vogel anschließend zwölf Stunden lang herumträgt, jeden Tag, ein oder zwei Monate lang, ohne Unterlass.“ Im Unterschied zu Falken gelten Habichte als extrem kapriziös, unberechenbar und stur, sodass selbst erfahrene Falkner einen Bogen um sie machen und sie gerne den „Habichtlern“ überlassen, quasi: Irre unter sich.

Der ehemalige Englischlehrer T.H. White hat zwar „eine Schwäche für die Unbelehrbaren“, besserte seinem Vogel die geknickten Federn aus und reichte ihm eigenhändig gespaltene Kaninchenköpfe zur Atzung dar, bezog sein gesamtes Wissen aber nur aus Büchern und hatte von gewissen Dingen schlicht keine Ahnung. So wusste er etwa nicht, wie penibel man auf das Gewicht des abzutragenden Vogels zu achten hat und dessen Nahrung mit der Briefwaage abwägen muss.

Es ist rührend zu lesen, wie White sich in seiner einschichtigen Existenz in einem angemieteten Farm-Häuschen mit dem hassgeliebten Habicht abmüht und dabei die eigenen Emotionen zu kontrollieren sucht. So zwingt er sich, „freundlich in kleinen Maunzern“ mit Gos zu sprechen und ihn „mit unendlicher Ruhe zu beschwichtigen“, obwohl alles, was er wirklich wollte, „dies war: ihn schlagen, zerstampfen, zerstückeln, erwürgen, zerreißen, rupfen, in alle Winde zerstreuen, zerschmettern, auf ihm herumtrampeln. Ihn auf das Schärfste zu bestrafen und ihn dann auszulöschen, ihn ein für alle Mal zu erledigen, diesen törichten, zickigen, wahnsinnigen, unbelehrbaren, unbeschreiblichen und unhaltbaren Gos.“

Die Liebesgeschichte, die T.H. White erzählt, geht schlecht aus; sie ist herzzerreißend, aber zugleich hellsichtig, unsentimental und immer wieder unglaublich komisch. Das Repertoire an Vergleichen und Zuschreibungen, dass White in petto hat, ist mit den eingangs aufgezählten Beispielen längst noch nicht erschöpft. Gos ist auch noch Shakespeares Hamlet oder ein Monokel tragender Ulanenoffizier, verwandelt sich aber, wenn er „in drolliger Verzückung“ in einem Tümpel hockt, den Kopf zwischen die Beine und sich selbst von unten betrachtet, in eine ganz und gar unadelige Gestalt: „Die seltsame Mischung aus Stolz und Zuneigung und Sorge für die entsprechenden Körperteile, die unbeholfene und irgendwie intime Bewegung, mit der er das hervorstehende Hinterteil ins Wasser getaucht hatte, all das und die gewisse Würdelosigkeit der Gebärden hatte dazu geführt, dass aus dem kleinen Tarquinus plötzlich eine Aufwartefrau geworden war, die das erste Mal in ihrem Leben Urlaub am Strand von Margate macht.“

Klaus Nüchtern in Falter 27/2019 vom 05.07.2019 (S. 29)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheNaturkunden
ISBN 9783957576422
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 01.03.2019
Umfang 188 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Matthes & Seitz Berlin
Herausgegeben von Judith Schalansky
Übersetzung Ulrike Kretschmer
Vorwort Helen Macdonald
Nachwort von Cord Riechelmann
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