Die Kunst, sich zu verlieren

Ein Wegweiser
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Geschichten des Verschwindens, des SichVerlierens, des VerlorenGehens und des Sich- Wiederfindens. Trost und Anleitung zu einem freieren Leben. Rebecca Solnit erzählt die Geschichte des spanischen Konquisitadors Cabeza de Vaca, der sich auf dem amerikanischen Kontinent verliert, um als anderer Mensch und in neuer Haut zu sich selbst zu finden; sie schreibt über das Leben ihrer Urgroßmutter, die erst zwischen dem Russischen, Polnischen und Jiddischen und dann auf ihrem Weg von Osteuropa an die amerikanische Westküste verloren geht; sie berichtet von sich und ihrer Welt. Immer geht es um Verlassenheit und Hingabe, um Geschichten als Pfade, um das Einschla gen unbekannter Wege. Sanft verführt sie uns zum Abschweifen. Wie in Wanderlust, ihrer Kulturgeschichte des Gehens, beweist die Autorin auch in Die Kunst, sich zu verlieren ihre glasklare Beobachtungsgabe, mit der sie unsere Bereitschaft weckt, zufälligen und überraschenden Entdeckungen nachzugehen. Wie keine Zweite versteht sie es, Lebensgeschichte als das zu erzählen, was sie ist: eine Ansammlung von persönlichen, erlebten, erträumten, gefundenen und erfundenen Geschichten, die Rebecca Solnit gleich einer Goldgräberin birgt und mit uns teilt.

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FALTER-Rezension

Feminismus und Naturliebe sind vereinbar

Ganz vorne im Buch, noch vor dem Inhaltsverzeichnis, ist ein Schwarzweißfoto abgedruckt. Es zeigt einen kleinen, verschnörkelten, weiß lackierten viktorianischen Schreibtisch mit gedrechselten Beinen und einer Reihe von Schubladen. Auf dem Schreibtisch sind ein Computer mit abgehängtem Bildschirm und stapelweise Rechercheunterlagen zu sehen. Das Buch, das mit dem Schreibtischfoto eröffnet, heißt „Unziemliches Verhalten“. Im Original trägt es den Titel „Recollections of My Non-Existence“, was seinem Inhalt um vieles näher kommt. Wie alle anderen ihrer über 20 Bücher hat die US-amerikanische Essayistin Rebecca Solnit auch ihre „Erinnerungen an ihre Nicht-Existenz“ auf dem kleinen weißen Schreibtisch geschrieben.

Große Essayistik, entstanden auf handtuchgroßer Fläche: So lässt sich die Sachlage zusammenfassen. Denn Solnit, Jahrgang 1961, gilt längst als legitime Nachfolgerin von Susan Sontag (1933–2004) und Joan Didion (Jg. 1934), den beiden zentralen Frauenstimmen der älteren Generation in den USA. Mit ihnen verbindet Solnit nicht nur die berückende Fähigkeit, das Private mit dem Gesellschaftspolitischen zu verknüpfen, sondern auch die große Begabung zum weit assoziierenden, mäandernden Geschichtenerzählen. Gleichzeitig erweitert Solnit das Repertoire ihrer Vorgängerinnen um die leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Natur. Wer Solnit liest, trifft an unerwarteter Stelle immer wieder auf einige der schönsten und eindringlichsten Naturbeschreibungen, die das zeitgenössische Nature Writing zu bieten hat. Flucht in die Großstadt und Flucht aufs Land: Beide Suchbewegungen spielen in Solnits intellektuellem Werdegang eine entscheidende Rolle.

Doch zurück zum handtuchgroßen weißen Schreibtisch. Er war, so erzählt Solnit in „Unziemliches Verhalten“, das Geschenk einer Freundin für ihre erste eigene Wohnung im San Francisco der späten 1970er- und 1980er-Jahre. Ungefähr um diese Zeit wurde diese Freundin Solnits von ihrem Exfreund mit 15 Messerstichen lebensgefährlich verletzt – zur Strafe dafür, dass sie ihn verlassen hatte: „Jemand versuchte, sie zum Schweigen zu bringen. Und dann schenkte sie mir ein Sprungbrett für meine Stimme.“ Es ist eine drastische Symbolik, so sehr, dass Solnit sich bis heute fragt, „ob alles, was ich je geschrieben habe, ein Gegengewicht zu dem Versuch darstellt, eine junge Frau auszulöschen“.

Die vielfältigen Formen von Auslöschung und Vernichtung gehören zu den Themen, die Solnit immer beschäftigt haben. Als Denkende und Schreibende, die erst die Sprachlosigkeit überwinden musste, und später als in der Punkrock-Ära sozialisierte Polit- und Umweltaktivistin ist es Solnit stets um Fragen der Gerechtigkeit zu tun. Wer wird gehört in der Gesellschaft? Wer bleibt stumm und unsichtbar? Wie gehen wir mit der Natur und ihren Ressourcen um? Wie mit Ausgegrenzten, Minderheiten und Randgruppen? Immer wieder kreist die Autorin mit der starken Naturbeziehung um ihre großen Kernthemen Feminismus, Menschenrechte, Natur- und Lebensraumzerstörung sowie die Bedingungen des eigenen Schreibens.

Für Letzteres ist „Unziemliches Verhalten“ ein Paradebeispiel. In gewisser Weise ist es eine Fortsetzung ihres berühmtesten Essays „Wenn Männer mir die Welt erklären“. Der Essay aus dem Jahr 2008 entwickelte ein ungeheures Eigenleben. Durch ihn wurde auch das Wort „Mansplaining“ in den internationalen Diskurs eingeführt: Dabei handelt es sich um eine inzwischen allgegenwärtige Wortprägung fürs paternalistische Belehrtwerden durch Männer.

Und auch wenn der Begriff, wie Solnit in ihrem neuen Buch aufklärt, nicht von ihr selbst stammt, so wurde er wohl im Zuge der Rezeptionen ihres Essays populär und ist jetzt ein für alle Mal mit ihrem Namen verbunden. War Solnits „Wenn Männer mir die Welt erklären“ eine – übrigens streckenweise extrem lustig zu lesende, ironische – Bestandsaufnahme der vielen Methoden, Frauen „als Gleichwertige, als Partizipierende, als Menschen mit Rechten und viel zu oft schlicht als Lebende“ zu verhindern, kann „Unziemliches Verhalten“ als ihre persönliche feministische Selbstfindung gelten, geschrieben als Ermutigung für andere Frauen und alle, die willens sind, zuzuhören.

Darin berichtet Solnit, wie sie in einer Gesellschaft, die Frauen gern den Part der schweigenden Zuhörerinnen zuteilt, ihre eigene Stimme fand. Die fesselnde, vier Lebensjahrzehnte umspannende, wechselhafte Reise macht aus einem extrem zurückhaltenden, hochbegabten Mädchen, das als Tochter „eines Opfers und eines Täters“ Zeit ihrer Kindheit Gewalt und Übergriffen ausgesetzt war, zur selbstbewussten, empathischen Frau von heute. Die eigenen vier Wände, die erste Wohnung als Rückzugsort fürs Lesen, fürs Gedankensortieren und für erste Schreibversuche spielten für diesen Prozess eine zentrale Rolle.

Auch wenn es darin größtenteils um die 1980er- und 1990er-Jahre in San Francisco geht, können Solnits Erlebnisse repräsentativ stehen für die vieler Frauen: Sie schreibt davon, „verfolgt, angeschrien, ausgeraubt und betatscht“ worden zu sein, ein frauenfeindliches Muster, zusammengesetzt aus vielen größeren und kleineren Übergriffen, die sie erlebte und die man ihr allerdings rückblickend jeweils als Einzelfälle darstellte. Auch das eine häufige Strategie, Gewalt gegen Frauen nicht als systematisches Phänomen begreifen zu müssen.

Weibliche Selbstzweifel macht Solnit als einen weiteren Grund dafür aus, dass – zumal junge – Frauen mitunter so leicht zu Gewaltopfern werden. Neben dieser feministischen Autobiografie ist gerade auch noch ein zweites Buch von Solnit in deutscher Übersetzung erschienen.

In „Die Kunst, sich zu verlieren“ variiert Solnit Persönliches und Historisches rund um die Themen Verschwinden und Abweichen, Sichverlieren und Verlorengehen, Vom-Weg-Abkommen und Sichwieder(er)finden. Unter anderem zeichnet sie den Weg ihrer Vorfahren aus dem europäischen Shtetl in die Emigration nach oder erzählt höchst spannend vom spanischen Konquistador Cabeza de Vaca, der – unfreiwillig – so tief in sein neues Leben in der Neuen Welt eintaucht, dass ihm die eigene Veränderung wider Willen irgendwann doch zur neuen Identität wird. Es ist eine ungeheuer wuchtige, tröstliche und hoffnungsvolle Metapher dafür, wie sehr sich auch das unfreiwilligste Schicksal im Lauf der Jahre zum ureigensten verwandeln kann.

Solnits „Kunst sich zu verlieren“ trägt den Untertitel „Ein Wegweiser“, ist allerdings alles andere als das. Eher ist es eine große, literarisch-essayistische Aufforderung, sich treiben und im Leben dem Unbekannten die Tür stets ein wenig offenstehen zu lassen. Die Farbe Blau – in Himmelsstimmungen, in Yves Kleins Kunst oder im Blues – taucht in mehreren der Essays des Bandes auf und funktioniert dabei wie ein monochromes Farbleitsystem, das Gedanken, Orte und Themen miteinander verbindet. In diesem Buch tritt einem Solnit ganz besonders auch als große Landschaftskundlerin und Naturerkunderin entgegen, wobei es vor allem die Wüstenlandschaften des US-amerikanischen Westens sind, in die sie immer wieder zu neuen Erkundungsfahrten aufbricht und wo auch viele ihrer prägenden Erfahrungen als Politaktivistin stattgefunden haben.

Es ist kein Zufall, dass eins ihrer früheren Bücher, das auch im Original den Titel „Wanderlust“ (orig. 2000, dt. 2019) trägt, nichts weniger ist als eine große Kulturgeschichte des Gehens, Pilgerns, Flanierens und Wanderns. Denn wer achtgibt, schreibt Solnit in „Die Kunst sich zu verlieren“, kann die vielen tausenden Dinge entdecken, „die aus der Wildnis einen Text machen, der von Lesekundigen entziffert werden kann“. Einen Text, der es genauso wie Solnits Essays wert ist, gelesen zu werden.

Julia Kospach in Falter 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 36)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783957579539
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 10.09.2020
Umfang 204 Seiten
Genre Ratgeber/Lebenshilfe, Alltag
Format Hardcover
Verlag Matthes & Seitz Berlin
Übersetzung Michael Mundhenk
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