MA-1. Mode und Uniform

von Hans-Christian Dany

€ 16,50
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Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.09.2018


Rezension aus FALTER 3/2019

Leider geil

Wie die Bomberjacke vom Symbol der Skinheads zum Fetisch der Laufstege aufstieg

Als der Hamburger Autor Hans Christian Dany vor zehn Jahren seine erste Bomberjacke kaufte, war sie Schnee von gestern. Wenn er mit seinem zweijährigen Sohn auf den Kinderspielplatz ging, schützte das Kleidungsstück den Träger vor ungewollten Gesprächen mit anderen Eltern. Bomberjacken wurden damals nur noch von Leuten angezogen, die bei schlechtem Wetter im Park saßen und Bier tranken.

Dany konnte damals nicht wissen, dass die Jacke wenig später zum Kultobjekt aufsteigen würde. Verwundert darüber, einem Trend voraus gewesen zu sein, schrieb er ein Buch über das ehemalige Gewand der Kampfflieger. In dem informativen und herzhaft spekulativen Essay „MA-1, Mode und Uniform“ lässt er die Geschichte der Bomberjacke Revue passieren und macht sie zum Symbol eines seit Jahren andauernden Trends, der als Normcore bezeichnet wird – als Wunsch, möglichst unauffällig zu sein.

Die MA-1 ist die Bomberjacke schlechthin. Der Name zitiert die Mach-Zahl Ma>1 ab, ein von Flugzeugingenieuren verwendetes mathematisches Symbol. Die US-Firma Alpha Industries Inc stellte das Kleidungsstück seit 1959 für die Air Force her. Als der Krieg in Vietnam länger dauerte als erwartet, begann das Unternehmen im Jahr 1970, sein Angebot auf den zivilen Markt auszudehnen. Für den Kriegseinsatz gab es die MA-1 nur in Salbeigrün, in die Shops kamen auch Schwarz, Marineblau, Silber und Bordeauxrot. Jedes Detail erinnert an die ursprüngliche Funktion. Das grellorange Innenfutter etwa war als Signalfarbe gedacht. Nach dem Absturz konnte der Pilot damit auf sich aufmerksam machen.

Nun begann eine lange Geschichte der Umdeutung. Die Aktivisten der Black Panther Party of Self Defense posierten in der Bomber als Zeichen schwarzer Selbstbehauptung. In den 1980er-Jahren werden sich die politischen Hip-Hopper der New Yorker Formation Public Enemy auf die Militanz von Black Panther beziehen und die Bomber tragen.

Eine andere Spur führt zu den englischen Rude Boys, Anfang der 60er-Jahre eine antirassistische Bewegung im Umfeld aus Jamaika stammender Einwandererkinder. Die Rude Boys hörten Ska und trugen Bomber. Hier zweigt die Jugendkultur der Skinheads ab, die sich aller Stilraffinesse verweigerte. Den Kopf kahl geschoren und den als plump und uncool geltenden Gesundheitsschuh von Dr. Martens zum Markenzeichen erhebend, imitierten die Skins die Mensch-Maschine in der Kaserne. „Ihr Auftritt spuckte auf die Anstrengungen des Wohlfahrtsstaates, die Arbeiterklasse mit kleinbürgerlichem Glück ruhigzustellen“, schreibt Dany.

Als der heute 52-jährige Künstler eine Bomber der Marke Lonsdale kaufte, hatte sogar der letzte Nazi-Skin das Interesse an der Jacke verloren. Lonsdale warb mit nichtweißen Models. Plötzlich aber sprachen ihn auf Vernissagen Leute an und gratulierten ihm zu dem geilen Teil. Auch Frauen zogen vermehrt eine Jacke an, die den Körper bullig wirken lässt. Was war passiert?

Die an den Rändern der New Yorker Kunstszene entstandene Gruppe K-Hole erfand 2013 das Kofferwort Normcore, bestehend aus „normal“ und „hardcore“. Sie wollte damit die Neologismen der Lifestyleindustrie persiflieren, die jede Saison einen neuen Trend ausruft. Obwohl kritisch gemeint, traf der Begriff ins Schwarze. Nach dem großen Kater der Finanzmarktkrise machte sich der Wunsch breit, dem kreativen Imperativ zu entfliehen.

Normcore feiert die Unauffälligkeit und verweigert sich dem Distinktionswahn. Er ist die hässliche Antwort auf den Verfeinerungskult der Latte-Macchiato-Hipster und die zum Mainstream abgestiegene Indie-Religion. Statt „think different“ heißt es „be normal“. Die Idee der entseelten Uniform erfüllt den Wunsch nach Leere und so tauchen auf den Laufstegen Modeleichen mit militärischer Vergangenheit auf: Neben der MA-1 auch die für britische Kolonialtruppen entwickelte Barbour-Jacke.

Das Fashion-Kollektiv Vetements oder das Label Supreme erheben die Kunstlosigkeit zur Kunst. In den Fußgängerzonen sind banale Levi’s-tragende Fashion Victims nicht mehr von Billigtouristen zu unterscheiden. Einen Höhepunkt erreicht das Tiefe durch die Nobilitierung der Badeschlapfen, die von Normcoristen gern in Verbindung mit weißen Tennissocken getragen werden.

Wie unerbittlich die Grenze zwischen geil und uncool dennoch überwacht wird, erfuhr Dany am eigenen Leib. Als er eines Tages mit einer Jogginghose nachhause kam, stellte ihn der inzwischen zwölfjährige und zum Fashionista gereifte Sohn zur Rede: „Damit gehst du aber nicht auf die Straße, oder?“ Die Kunstgeschichte kennt den Begriff des Readymade für vorgefertigte Objekte, die sich erst im Museum in Kunstwerke verwandeln. Im Fall von Normcore liegt das Modische im Auge des Betrachters.

Mit traditioneller Konsumverweigerung hat das nichts zu tun. Kunststoff-Badeschlapfen von Gucci kosten 200 Euro, eine Supreme-Hose 800 Euro. Die gezielte Verknappung des Angebotes steigert den Reiz. Kaufhäuser veranstalten sogenannte Drops, bei denen für kurze Zeit Artikel verkauft werden.

Die Kunden schwänzen die Schule und stehen in der Schlange, bis sie eingelassen werden. Dann rennen die Konsumsüchtigen zu den Regalen, in zehn Minuten ist alles ausverkauft. Für die Instagramfreunde posieren die Stylejäger dann mit der Trophäe und nennen stolz deren Preis. Die juvenilen Shopaholics rekrutieren sich nicht nur aus der Oberschicht. Rich-Kid-Sein wird zur Pose, für die man bereit ist, das Sparschwein und ahnungslose Großeltern zu plündern.

Die Vulgarität von Wert und Marke gehört zur Inszenierung von Normcore. Der perfekte Vertreter der antihippen Hipness trägt eine Schirmmütze mit Balenciaga-Schriftzug, ein Sweatshirt mit den abgerundeten Buchstaben Fila, dazu eine taubenblaue Bomber von Schott NYC über einer dunklen Bermuda von Champion und weißen Tennissocken mit dem Aufdruck Vetements. Ehrgeizig hat er sich vom Streben befreit, besonders zu sein.

Matthias Dusini in FALTER 3/2019 vom 18.01.2019 (S. 27)


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