Kleine Dinge wie diese

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Wer etwas auf sich hält in New Ross, County Wicklow, und es sich leisten kann, lässt seine Wäsche im Kloster waschen. Doch was sich dort hinter den glänzenden Fenstern und dicken Mauern ereignet, will in der Kleinstadt niemand so genau wissen. Denn es gibt Gerüchte. Dass es moralisch fragwürdige Mädchen sind, die zur Buße Schmutzflecken aus den Laken waschen. Dass sie von früh bis spät arbeiten müssen und daran zugrunde gehen. Dass ihre neugeborenen Babys ins Ausland verkauft werden. Der Kohlenhändler Billy Furlong hat kein Interesse an Klatsch und Tratsch. Es sind harte Zeiten in Irland 1985, er hat Frau und fünf Töchter zu versorgen, und die Nonnen zahlen pünktlich. Eines Morgens ist Billy zu früh dran mit seiner Auslieferung. Und macht im Kohlenschuppen des Klosters eine Entdeckung, die ihn zutiefst verstört. Er muss eine Entscheidung treffen: als Familienvater, als Christ, als Mensch.
Mit wenigen Worten erschafft Claire Keegan eine ganze Welt. Auf unnachahmliche Weise erzählt Kleine Dinge wie diese von Komplizenschaft und Mitschuld, davon, wie Menschen das Grauen in ihrer Mitte ignorieren, um in ihrem Alltag fortfahren zu können – davon, dass es möglich ist, das Richtige zu tun.

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FALTER-Rezension

Die Möglichkeit von Großmut

Die Bedeutung eines Buches verhält sich direkt proportional zu dessen Umfang? Niemand widerlegt diese so weit verbreitete wie irrige Auffassung derzeit so eindrucksvoll wie Claire Keegan. Ihre Bücher sind so schmal, dass sie nicht einmal im deutschsprachigen Raum als "Roman" vermarktet werden. Nichtsdestotrotz zählte die Times das keine 90 Seiten starke "Foster"(2010) zu den wichtigsten 50 Romanen des 21. Jahrhunderts.
Keegans jüngstes, soeben in deutscher Übersetzung erschienenes Werk "Small Things Like These" umfasst immerhin über 100 Seiten und steht auf der Longlist des Booker Prize. Mit "Foster"(dt.: "Das dritte Licht", 2013) hat es neben dem schlanken Format auch das Thema gemeinsam: In beiden Büchern geht es um Mädchen aus armen Verhältnissen, denen Zuwendung zuteil wird. Neben ihrer ästhetischen Qualität verfügt Keegans Literatur noch über eine herausragende ethische Dimension: Sie handelt davon, dass Menschen selbst unter tristesten Umständen in der Lage sind, selbstlos und großmütig zu handeln.

Selbstverständlich ist das keineswegs. In einem Online-Gespräch, das ihr berühmter Kollege Colm Tóibín mit der Autorin führte (nachzusehen auf Youtube), zeigt sich dieser überrascht, dass es in der irischen Literatur so etwas überhaupt geben kann: einen männlichen Protagonisten, der weder säuft noch herumbrüllt.

Die Rede ist von Bill Furlong. Ende 30, Vater von fünf Töchtern, Kohlenhändler. Ort der Handlung: eine Hafenstadt in Südost-Irland. Der Winter 1985 fällt mitten in die Eiszeit der Thatcher-Jahre. Die Werften müssen schließen; die Menschen haben keine Ahnung, wie sie ihre Wohnungen heizen sollen; Furlong lässt großzügig anschreiben und überlegt, welche Weihnachtsgeschenke er sich für seine Mädchen leisten kann.

Er selbst, Kind einer alleinerziehenden, sehr früh verstorbenen Mutter, hat das Puzzle, das er als Bub so gerne gehabt hätte, nie bekommen. Als ihn seine Frau Eileen, die ihn immer ein bisschen zu großzügig und weichherzig findet, fragt, was er sich eigentlich wünsche, meint er: "Vielleicht ein Buch. Oder ein Wörterbuch für die ganze Familie, für die Mädchen."

Im Gespräch mit Colm Tóibín betont die auf einem Bauernhof aufgewachsene Keegan, dass ihr alle konzeptive Cleverness beim Schreiben fremd sei. Über Symbole oder Metaphern mache sie sich keine Gedanken, ergäben sich diese doch ohnedies ganz von selbst, sobald man eine Geschichte in der physischen Realität eines konkreten Ortes und der Leiblichkeit der Figuren verankert habe. Und sie äußert diesen höchst bemerkenswerten Satz: "I think good fiction is good manners."

Tatsächlich ist Keegans Literatur eminent taktvoll in dem Sinne, dass sie sich ohne alle Prätention, aber mit höchster Präzision auf ihre Figuren und deren Lebenswelten einlässt. "Kleine Dinge wie diese" sind die Sorgen und Pläne, die ständig durch Bills Kopf irrlichtern und die er vor dem Zubettgehen noch mit Eileen bespricht; es sind aber auch ganz alltägliche Gesten. Grandios, mit welcher Genauigkeit die Handgriffe und Handreichungen bei der Genese einer Weihnachtstorte, das Schüren eines Feuers oder das Auftauen eines eingefrorenen Vorhangschlosses beschrieben werden.

Dramaturgischer Höhepunkt der Geschichte ist der Moment, in dem Bill im Kohlenschuppen des Klosters ein verstörtes Mädchen entdeckt: ",Gott im Himmel', sagte er. Das Einzige, was ihm einfiel, war, seinen Mantel auszuziehen. Als er ihn umlegen wollte, kauerte sie sich zusammen. ,Keine Angst', erklärte Furlong.,Ich bringe nur die Kohlen, a leanbh.'"(Letzteres eine zartfühlende irische Anrede im Sinne von "mein Kind" oder "Liebes".)

Mit 16 Seiten ist die Begegnung zwischen dem Protagonisten und der blutjungen Mutter die längste zusammenhängende Szene des Buches. In diesem pièce de résistance zieht Keegan alle Register ihres Könnens und spielt darüber hinaus -diskret wie immer - auf ein düsteres Kapitel irischer Geschichte an. Dieses fügt sich seinerseits unschön in die Kontinuität katholischer Gewalt, für die sich Papst Franziskus erst dieser Tage bei der indigenen Bevölkerung Kanadas "entschuldigt" hat.

Auf der europäischen Seite des Atlantiks reicht der institutionalisierte Missbrauch junger Frauen noch um ein ganzes Jahrhundert weiter bis ins Jahr 1765 zurück - und wurde bis ins Jahr 1996 fortgeführt. Die so genannten Magdalene Laundries waren von der katholischen Kirche betriebene Institutionen für "gefallene" Mädchen, die dort körperlich und psychisch misshandelt und zur Arbeit -eben vorwiegend in Wäschereien - genötigt wurden; eine Praxis, die der irische Staat nicht nur duldete, sondern von der er profitierte. Erst 2013 erfolgte eine offizielle Entschuldigung und die Einrichtung eines 50 Millionen Pfund starken Entschädigungsprogramms für die überlebenden Opfer.

Sobald die Mutter Oberin des Klosters mit der verdreckten jungen Frau an der Seite Furlongs konfrontiert wird, ist sie ganz Fürsorglichkeit. Ahnend, dass dieser Mann seinerseits ahnt, was sich tatsächlich zugetragen hat, lässt sie die bis vor kurzem noch im Kohlenschuppen Weggesperrte in einen schönen großen Raum mit gediegenen Mahagonimöbeln führen, ein Bad einlassen, Essen auftragen. Ob sie ihm nicht ihren Namen verraten wolle, fragt Furlong das Mädchen. "Sie sah wieder zu der Nonne hin.,Hier nennen sie mich Enda.' [] ,Aber wie lautet dein eigentlicher Name?', fragte Furlong sanft.,Sarah', sagte sie."

Nicht einmal den Namen hat man ihr gelassen -geschweige denn ihr Kind. Beendet wird die dialogisch unglaublich subtil und spannungsreich gestaltete Szene buchstäblich im Handumdrehen: "Die Nonne gab das Ei und die Blutwurst auf einen Teller und schabte aus einem großen Becher geräuschvoll Margarine auf eine Scheibe Toast. Furlong beschloss, nichts mehr zu sagen, ging hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Auf der Treppe blieb er so lange stehen, bis er hörte, wie drinnen jemand den Schlüssel umdrehte."

Es gibt ein Leben diesseits virtueller Welten. Claire Keegan, literarische Meisterin des Manuellen, erinnert uns eindringlich daran.

Klaus Nüchtern in Falter 31/2022 vom 05.08.2022 (S. 26)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783969990650
Erscheinungsdatum 23.03.2022
Umfang 112 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Steidl Verlag
Übersetzung Hans-Christian Oeser
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