Zerstörung der Schneiderpuppe

von Werner Kofler

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Verlag: Poodle Press
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 50/1999

Nazikuchen & Love Parade

Zwischen Experiment und Ekstase, Ernst und Satire, in jedem Falle abseits von gängigem Kommerz: Neues von Antonio Fian, Werner Kolfer, Albert Ostermaier und Hansjörg Zauner.

Am besten hört man sich gleich vorneweg die CD an, die dem Hörspielbuch von Werner Kofler und Antonio Fian beigepackt ist. Da erschallt kurz eine idyllische Tonfolge, die vom Geklapper einer Schreibmaschine jäh unterbrochen wird. Wie ein automatisches Gewehr rattert die Maschine in den Text hinein: "Der Erlöser. Eine Simulation" - eines von drei Hörspielen, die in dem Band "Blöde Kaffern, dunkler Erdteil" abgedruckt sind. Um welchen großen Sohn Österreichs es sich bei diesem Erlöser handelt, wird relativ rasch klar. Kofler und Fian zählen seine Wunder auf: "Body and Soul", "Luna Luna", "Begegnungen", "Theater des Feuers" ("wie ich den Himmel in ein Flammenmeer verwandelte"), "Begnadete Körper" ("wie ich dem chinesischen Volk seine Kultur nahe brachte").

Gnadenlos machen sich Kofler und Fian über die Gestalt des Mannes her, über seine Sprechweise und seine Versprechungen. Das Evangelium selbst kehrt hier als Soap-Opera wieder, als ein flott inszeniertes Stimmentheater, in dem die großen Dichterfürsten der Heimat dem neuen Messias ihre Aufwartung machen. Während dies im Falle von Thomas Bernhard etwas hölzern ausfällt und sich auf die Ersetzung des Wortes "Sachertorte" durch "Nazikuchen" beschränkt, ist die stimmliche Realisierung von Heimito "Dodi" von Doderer unübertroffen. Begeisterung wird hier zur nasalen Kür, schließlich kann der Autor nicht umhin, seine Bewunderung des Gedichtes "Ich bin, der ewig schon gewesen" zu "exhibieren" - das "Größte", was dem Erlöser seit der "Unterwasserbeleuchtung des Attersees" gelungen sei. Bei so viel Verehrung weiß am Ende nicht einmal mehr Jesus Christus, ob er selbst oder nicht doch der hybride Menschenkünstler Andre Heller der wahre Erlöser ist.

In Zeiten der Postmoderne muss die Mediensatire vielleicht so aussehen wie bei Kofler und Fian: ein Echoraum verzerrter Stimmen, in dem alle Simulationen einer nochmaligen Simulation ausgesetzt werden, absurd-übersteigert in allen Details und bis zur Blödsinnigkeit witzig, egal ob es sich hierbei um den "Erlöser" handelt oder die Kärntner "Verbrecherfamilie" Wanz, der in dem Hörspiel "Lombroso in Leipzig" ein fragwürdiges Denkmal gesetzt wird.

Ohne die Unterstützung durch Antonio Fian kommt Werner Kofler in einem kleinen Prosatext aus. Hinter dem titelgebenden Gegenstand von "Zerstörung der Schneiderpuppe" verbirgt sich eine Figur aus dem westösterreichischen Literaturleben. Wie alle jüngeren Texte Koflers zielt auch dieser unmittelbar auf die Person, der Autor umtanzt den Kontrahenten aus dem Ländle wie ein wild gewordenes Rumpelstilzchen, das sich auf die Suche nach der wahren Herkunft, der wahren Identität und dem wahren Namen des anderen begibt. Mit dem Schneider aus Vorarlberg verhält es sich wie mit Bockelmann aus Kärnten - diesen Verdacht legt uns Kofler nahe: Hier wurde am eigenen Namen und damit an der eigenen Existenz gedreht. Um etwas zu vertuschen? Etwas zu verheimlichen? Unbewiesene Gerüchte, von denen man gerne Genaueres gewusst hätte.

Klaus Kastberger in FALTER 50/1999 vom 17.12.1999 (S. 74)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Blöde Kaffern, dunkler Erdteil (Werner Kofler, Antonio Fian)

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