A Mensch möcht i bleib'n

Mein Leben zwischen Schuld und Schicksal
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Als einer der bedeutendsten österreichischen Musiker der Gegenwart begründete Wolfgang Ambros den Austropop mit. Fünfzig Jahre nach seinem ersten Hit Da Hofa rockt er weiter österreichische und deutsche Bühnen.

In diesem Buch zieht er ein sehr persönliches Zwischenresümee: Gibt es ein Schicksal? Gibt es Schuld und Sühne? Gibt es eine ausgleichende Gerechtigkeit? Ein Buch wie ein Ambros-Song: philosophisch und subtil.

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FALTER-Rezension

"Ich bin mir UNVERWUNDBAR vorgekommen"

Wollen Sie wirklich heute telefonieren?", fragt er gleich nach der Begrüßung. Kein gutes Zeichen, gilt Wolfgang Ambros - der Musiker wird am 19. März 70 -doch als Gesprächspartner mit Hang zur Muffigkeit. Doch es sollte ganz anders kommen.

"Jo, jo, geht eh", wartet er erst gar keine Antwort ab und sucht einen ruhigen Raum im hörbar belebten Haus, das er im Tiroler Waidring mit seiner vierten Ehefrau und dem Stiefsohn bewohnt; der gerade noch 69-Jährige hat auch kein Problem damit, die vereinbarte Stunde um gut die Hälfte zu überziehen. Anlass fürs Interview ist das neue Buch "A Mensch möcht i bleib'n. Mein Leben zwischen Schuld und Schicksal", in dem Ambros über sein bewegtes Leben nachdenkt.

Bereits seine erste Single, das im Dialekt gesungene Drama "Da Hofa" nach einem Text seines Freundes Joesi Prokopetz, einem Autor, Liedermacher und späteren Kabarettisten, machte Wolfgang Ambros 1971 zum Star der heimischen Musikszene; mit Alben wie "Es lebe der Zentralfriedhof", "Der Watzmann ruft","Hoffnungslos","Wie im Schlaf" und "Weiß wie Schnee" stieg er in den 1970ern zum bedeutendsten Vertreter des Austropop auf. In seiner Mischung aus Großmäuligkeit, Unnahbarkeit, Renitenz und rauer Poesie wirkte der gebürtige Niederösterreicher damals wie eine der Wiener Vorstadt entsprungene Mischung aus Bob Dylan und Mick Jagger.

Seine größten Erfolge feierte der Sänger in den 1980ern -1984 war die Wiener Stadthalle an drei aufeinanderfolgenden Abenden ausverkauft -; einen weiteren Höhenflug erlebte er um die Jahrtausendwende im Allstar-Trio Austria 3 mit Georg Danzer und Rainhard Fendrich.

Ein Album mit neuen Liedern veröffentlichte Ambros zuletzt 2012, Konzerte aber spielt er unermüdlich, sofern keine Pandemie herrscht -trotz einer 80-prozentigen Invalidität infolge eines schweren Wirbelsäulenleidens. Die groß angelegte Tour zum 50-jährigen Bühnenjubiläum soll im Mai starten. "Ich trainiere jeden Tag und spiele ein bisschen Gitarre", sagt der Musiker zu den kommenden Bühnenstrapazen. "Das wird schon werden."

Falter: Herr Ambros, Sie werden am 19. März 70. Freuen Sie sich darauf, oder fürchten Sie sich davor?

Wolfgang Ambros: Weder noch. Ich habe nie verstanden, warum um meinen Geburtstag so ein Aufhebens gemacht wird. Ich muss immer schon zwei Tage vorher das Telefon abdrehen und mich irgendwo verstecken, damit ich selber etwas vom Geburtstag habe. Christian Kolonovits und Joesi Prokopetz sind genauso bekannt, aber die haben ihre Ruhe und können in aller Gemütlichkeit feiern.

Zum runden Geburtstag kommt noch Ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr erstes Konzert?

Ambros: Das war im Winter 1971/72 in einer Diskothek in Sattledt. Meine Labelkollegen Waterloo &Robinson hatten mich als Pausenfüller eingeladen. 1500 Schilling gab es dafür! Das war damals nicht nix. Erst recht nicht für mich, der damals überhaupt kein Geld gehabt hat. Von den Verkäufen der Single habe ich anfangs nichts gesehen, und dass bei der Verwertungsgesellschaft AKM Geld auf uns warten würde, haben Joesi Prokopetz und ich auch erst etwas später kapiert.

Wie ist es gelaufen?

Ambros: Mein Repertoire war überschaubar, aber vier, fünf Nummern hatte ich gut genug drauf, um sie vor Publikum zu spielen. Auf der Bühne hat sich mit einem Mal ein ganz besonderes Gefühl eingestellt, das weiß ich noch genau: Ich bin mir unverwundbar vorgekommen. Gerade so, als hätte ich es schon hundertmal gemacht. Es ging mit dem "Hofa" los, und sofort herrschte eine Mordsgaudi, die Leute haben mitgesungen und geklatscht. Die "Wintasun" haben sie danach nicht annähernd so goutiert, dann noch zwei, drei Nummern und abschließend noch einmal den "Hofa". Ich bin von der Bühne gegangen und war happy. Ein Foto dieses Abends zeigt mich mit rosa Rollkragenpullover, dieses Motiv wurde dann auch meine erste Autogrammkarte.

Seitdem haben Sie die Bühne nicht mehr verlassen?

Ambros: Ich dachte, es würde so weitergehen, aber für die nächsten Konzerte gab es dann nur 500 Schilling, in Gegenden wie Mistelbach war ich Pausenfüller für die lokale Tanzkapelle. Nicht einmal ignoriert haben mich die Leute. Ich habe also gleich die ganze Palette kennengelernt, wie Auftritte ablaufen können. Eines war schnell klar: Wenn ich mir Gehör verschaffen will, brauche ich eine Band. Mit der ist es dann geflutscht.

Was war denn die Motivation für Ihr neues Buch "A Mensch möcht i bleib'n"?

Ambros: Gedrängt wurde ich lange schon, zum 70er ein Buch zu machen. "Es gab eh 2011 eines, das war doch ein kompletter Verhau", habe ich gesagt. "Ja, eben, wir wollen es besser machen", hieß es dann. Nach langem Ringen mit mir selbst habe ich zugestimmt, aber nur unter der Bedingung, dass es den Untertitel "Mein Leben zwischen Schuld und Schicksal" trägt und sich auch zentral damit befasst. Sind die Dinge, die mir in den letzten zehn Jahren passiert sind und mit deren Folgen ich auch weiterhin leben muss, die Strafe für sinnlose Sachen, die ich in meinem Leben gemacht habe, oder will es einfach das Schicksal so? Dass ich also mehr oder weniger jahrzehntelang nur glücklich war und dann eben lange Zeit nicht mehr. Erst seit einigen Jahren habe ich wieder ein gutes Leben.

Haben Sie eine Antwort auf die Frage "Schuld oder Schicksal"?

Ambros: Leider nein. Das alte Buch endet mit geradezu verlockenden Überlegungen, wie es bei mir weitergehen würde. Mich damit auseinanderzusetzen, wie sehr die damalige Vorstellung und Hoffnung mit der folgenden Realität divergiert, war der Hauptgrund für das Buch. Es wäre schön, wenn sich Leser bei der Lektüre selbst die Frage nach dem Verhältnis von Schuld und Schicksal stellen. Noch schöner wäre es, mir auch Antworten zu übermitteln.

In der Biografie von 2011 hieß es unter anderem: "Wenn ich an etwas glaube, dann mache ich es einfach. Und wenn da eine Wand ist, renn ich mit dem Schädel drauflos. Bisher hat immer die Wand nachgegeben." Sind die Wände härter oder ist der Schädel weicher geworden?

Ambros: Wäre mein Schädel weicher geworden, hätten Sie unser Gespräch vermutlich längst entnervt abgebrochen.

Die Zeit nach Ihrem 60er klingt schrecklich: Ihre Frau hat Sie verlassen, als es Ihnen gesundheitlich sehr schlecht gegangen ist, sie hat den Kontakt zu den Kindern sabotiert, und ein schweres Rückenleiden hat Ihnen nach jahrelangen furchtbaren Schmerzen und zwei Operationen eine 80-prozentige Invalidität beschert. Was hat Sie in dieser Zeit davor bewahrt, "heite drah i mi ham" zu sagen, um den Titel eines Ihrer berührendsten Lieder zu zitieren?

Ambros: Tja. Was hat mich davor bewahrt? Höchstwahrscheinlich der ganz banale Überlebensinstinkt, der bei mir letztlich stärker als alles andere ist. Ich wüsste schon gar nicht, wie ich es anstellen sollte -sicher nicht so wie in dem Lied, mit aufgeschnittener Pulsader in der Badewanne. Ganz ehrlich: Dass ich nie daran gedacht hätte, wäre gelogen. Aber ich habe es letztlich nie ernsthaft erwogen, denn sonst wüsste ich ja, wie ich es machen würde.

Joesi Prokopetz beschreibt im Vorwort zum neuen Buch Ihr Kennenlernen als Teenager 1968 an der Graphischen. Bereits Ihr Auftreten hätte die Bereitschaft zur Revolte gegen die Leistungsgesellschaft ausgestrahlt, meint er. Über die Schüler und Lehrer sollen Sie gesagt haben: "Dö Hölfte Faschisten, der Rest lauter Spießer."

Ambros: Ich erinnere mich anders an unsere ersten paar gemeinsamen Minuten. Ich bin ganz hinten gesessen und war am ersten Schultag noch am Abtasten, während vorne in der Klasse ein Typ mit lauter Stimme und ausladender Gestik schon große Reden geschwungen hat. "Wer ist denn der? Der interessiert mich!", dachte ich. So sind Joesi und ich ins Gespräch gekommen und Freunde geworden.

Rebellisch waren Sie aber schon?

Ambros: Ja, natürlich.

Sie kamen aus einem konservativen niederösterreichischen Elternhaus. Woher rührte Ihre Renitenz?

Ambros: Wos waß i. Für mich war das ganz normal. Die Graphische war bereits meine fünfte Schule. Überall hatte ich Dinge erlebt, die meine Ablehnung zum Reifen gebracht haben. Ständig war ich ein Outsider, niemand war nur annähernd so drauf wie ich. In dieser neuartigen Musik von Gruppen wie den Rolling Stones habe ich mich wiedergefunden. Gehört habe ich sie erstmals 1965 in der Jukebox beim Wirt in Wolfsgraben. Zuerst habe ich kein Wort von "I Can't Get No Satisfaction" verstanden, angesprochen hat es mich trotzdem sofort. Als ich mir dann auch noch mühsam den Text übersetzt hatte, war mit einem Schlag klar: Genau so ist es! Von da weg wollte ich auch so sein.

Wie fanden es denn die Eltern, dass die Musik so eine zentrale Rolle in Ihrem Leben spielt?

Ambros: Mein Vater hat mit totalem Rückzug reagiert, er hat mich mehr oder weniger nicht mehr gekannt. Ich bin dann letztlich auch von daheim ausgezogen, weil ich da einfach wegmusste.

Brachte der Erfolg Wertschätzung?

Ambros: Er war ein Beamter, und er hat in Gehaltsstufen gedacht. "Wärst du Lehrer geworden, würdest du jetzt schon so und so viel verdienen", habe ich von ihm später noch zu hören bekommen. Was hätte ich dazu sagen sollen?

An Satisfaction herrschte trotzdem kein Mangel. "Es lebe der Zentralfriedhof" etwa gilt als beste heimische Popplatte der 1970er. Ist es auch Ihr Favorit aus dem umfangreichen Schaffen?

Ambros: Meine Rockstarträume habe ich erst in den 80er-Jahren so gut wie möglich wahr gemacht. "Es lebe der Zentralfriedhof" war aber ein wichtiger Schritt dorthin. Auf das Debüt folgte das zum Teil hochdeutsch gesungene Album "Eigenheiten", später habe ich "Zwickt's mi" aus dem Dialekt ins Deutsche übersetzen und eine zweite Version davon aufnehmen müssen. Damit bin ich in der ZDF-Hitparade aufgetreten. Befriedigt hat mich das absolut nicht, also habe ich gesagt: So, damit ist jetzt Schluss! Dann ist der Joesi mit dem Text für "Zentralfriedhof" dahergekommen, und mit einem Mal war die Freude, die Satisfaction wieder da. Somit ist "Es lebe der Zentralfriedhof" natürlich ein wichtiges Album, aber nicht das wichtigste.

Gibt es das denn?

Ambros: Na ja. Jede Zeit hatte ihr Album. "Wie im Schlaf" mit meinen Dylan-Übersetzungen nimmt einen speziellen Stellenwert ein. Viele haben versucht, sich Dylan anzueignen, aber was hatte als Gesamtwerk wirklich Erfolg? Meine Platte! "No. 13" von 1986 ragt für mich besonders heraus: Im eigenen Studio auf eigenen Gerätschaften mit eigenen Ideen selbst produziert und von einem kleinen Kreis an Vertrauten ausgeführt. Die Band war damals so eng zusammen wie nie davor. Auch die nachfolgenden Alben waren gut, aber keines erreicht "No. 13".

Gibt es auch Platten, von denen Sie heute sagen: "Okay, das hätte ich eigentlich bleiben lassen können"?

Ambros: Nein. Ich verbinde ja mit jedem Album die Umstände, sie erinnern mich daran, was zur jeweiligen Zeit in meinem Leben los war, deshalb sehe ich sie mit ganz anderen Augen. Der Hörer kann ausschließlich das fertige Produkt bewerten. Für mich ist neben der musikalischen und textlichen Qualität noch vieles andere wichtig. Den größten Erfolg bedeutet es, wenn die Idee und das Ergebnis am engsten beisammen sind. Und nicht, wenn die Verkaufszahlen am höchsten sind.

Ihr letztes Album mit neuen Liedern liegt bereits zehn Jahre zurück. Juckt es Sie denn gar nicht mehr?

Ambros: Was sollte ich denn jetzt noch sagen? Meine Befindlichkeiten in Liedern verpackt unters Volk werfen?! Das möchte ich mir nicht antun, dafür gibt es jetzt eh das Buch. Eine Lust wird aber immer stärker: Ich kann mir vorstellen, wie Johnny Cash in seiner Spätphase einfach Lieder, die mir wichtig sind, auf meine Weise aufzunehmen. Damit muss ich mich noch sehr genau befassen. Die größte Gefahr ist, dass sich die Gschaftlhuber einmischen. Ich brauche keinen Producer und Ideengeber.

Als alter Sturschädel können Sie sich gegen die Gschaftlhuber doch gewiss wehren?

Ambros: Ja, aber ich will mich nicht mehr wehren! Ich habe keinen Bock darauf, mich gegen irgendwas durchsetzen zu müssen. Gott sei Dank bin ich in einer Situation, dass ich etwas machen kann, wenn ich will, aber nichts machen muss. Bedingungen lasse ich mir keine stellen. Was gleichzeitig aber halt auch heißt, dass ich mir von A bis Z alles selbst überlegen müsste. Ein Haufen Arbeit also.

Bei der Dylan-Platte hat es gut geklappt: Sie hatten die Idee, Sie haben sie selbst produziert -und Sie hatten großen Erfolg.

Ambros: Aber frage nicht, was diese Zeit für ein Wahnsinn war. Ich bin mit Dylan schlafen gegangen und mit Dylan wieder aufgewacht. Nahezu ein Jahr lang war ich mit diesem Projekt beschäftigt. Gott sei Dank hatte ich den Rückhalt der Plattenfirma. "Mach einfach!", hieß es. Im Studio ist dann aber ein Schnösel von Toningenieur gesessen. "Das wackelt aber, das groovt nicht", hat er ständig die Nase gerümpft. Irgendwann war ich weit genug zu sagen: Meinetwegen -aber genau so bleibt es! Noch heute frage ich mich beim Hören der Platte: Was bitte groovt da nicht?!

"Für immer jung", Ihr Dylan-Cover mit André Heller, war ein Hit, menschlich ist es aber nicht so gut gelaufen, oder?

Ambros: Ganz ehrlich: Vielleicht bin ich zu blöd, vielleicht ist es mir einfach zu hoch. Aber ich habe mir sein letztens fürs Fernsehen produziertes Wohnzimmerkonzert angeschaut und mir wieder gedacht: Na, i waaß ned! Ich kann bei seinem ganzen Gehabe nicht mit. Diese Eitelkeit ist mir fremd. Ich komme aus einer anderen Welt, und ich glaube, wir passen nicht so recht zusammen.

Verfolgen Sie, was jüngere Kolleginnen und Kollegen wie Voodoo Jürgens oder der Nino aus Wien so treiben?

Ambros: Die sind doch nicht mehr jung! Jünger, okay, aber auch die beiden sind schon arrivierte Säcke, diese Wiener Szene gibt es jetzt doch auch schon wieder seit 15 Jahren. Etwas wirklich Neues ist mir schon länger nicht mehr untergekommen, was freilich auch an der räumlichen Distanz liegen kann. Aber, klar: Mit den Voodoos und Ninos und Seilers und Speers bin ich im besten Einvernehmen.

Wissen Sie auf Anhieb, wie viele Bundeskanzler Österreich seit Ihrem 60er hatte?

Ambros: Damals war der Faymann im Amt, den habe ich sehr gern gehabt. Den Kern habe ich danach überhaupt nicht mögen. So etwas Eitles, zu dem habe ich menschlich nicht den geringsten Bezug verspürt. Dass die SPÖ so traurig dasteht, hat mit den Dummköpfen zu tun, die den Faymann damals am 1. Mai auf dem Rathausplatz niedergebrüllt haben. "Na, dann halt ned", hat der Faymann gesagt. Verständlicherweise. Kurz folgte als Kanzler Nummer drei. Dann hatten wir die Frau Bierlein, danach wieder den Kurz und kurzzeitig den Graf, wie heißt er noch einmal schnell?

Schallenberg.

Ambros: Seither haben wir als mittlerweile sechsten Kanzler den Nehammer.

Wie ist es Ihnen mit Kurz gegangen? War er besser als Kern?

Ambros: Kern war in dieser Position einfach nur ungeeignet, aber Kurz war gewissenlos. Wie er den Mitterlehner, seinen Vorgänger als ÖVP-Chef, kaltblütig abmontiert hat, war mir sofort klar, dass der einen Staatsstreich vollzieht. Leider ist Österreich sehr anfällig für Figuren, die sich als personifizierter Messias darstellen. Vom Showbusiness-Standpunkt her hat Kurz das ganz tadellos gemacht. Was er vorhatte, ließ sich allerdings für jeden denkenden Menschen klar erkennen. Und dann auch noch dieser Strache als Vizekanzler! Da gab es echt nur zwei Möglichkeiten: Du bist unglaublich deppert und checkst deshalb nicht, was läuft - oder du bist dieser Sache zugeneigt.

Wie oft haben Sie sich in den vergangenen Jahren gedacht: Zwickt 's mi, i man i dram?

Ambros: Nicht so oft. Die Zeit des Ibiza-Skandals fand ich eher lustig und spannend. Ich hätte damals schon gehofft, dass es den Kurz mit erwischt. Wer nach wie vor glaubt, dass der Gutes wollte und nur unglücklich agiert hat, irrt. Das war alles kaltblütige Berechnung. Dass sich die Grünen endlich ihrer Verantwortung bewusst geworden sind und das einzig Richtige getan haben, hat die Republik vor Schlimmerem bewahrt.

"Wenn uns die Corona-Krise etwas gezeigt hat, dann ist es die unglaubliche Dummheit unserer Politiker", heißt es in Ihrem Buch.

Ambros: Wie viele Entscheidungen dieser Zeit waren auch nur annähernd zweckdienlich oder einfach nur gescheit? Heute diese Regel, morgen jene?! Wie soll ich das denn bezeichnen, wenn nicht als dumm?

Fühlen Sie sich als alter Rebell den Menschen irgendwo verbunden, die gegen die Impfpflicht demonstrieren?

Ambros: Niemals. Im Gegenteil, das finde ich grausig, verwerflich und unverantwortlich. Ich hoffe nur, dass es bei den aktuellen Regelungen bleibt und der neue Gesundheitsminister nicht auf die Idee kommt, wieder alles zuzudrehen. Ich habe ja selbst Corona gehabt. Angeblich. Der Test war positiv, gespürt habe ich zum Glück nichts. Als ich mich freitesten wollte, zeigte der Wert 29,8, die Grenze ist 30. Also musste ich noch einmal für fünf Tage in Quarantäne. Spaß war das keiner, die Bullen sind sogar nachschauen gekommen, ob ich eh schön brav isoliert bin.

Als Tiroler Polizist hätte ich den Ambros auch daheim besucht, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt.

Ambros: Nein, nein, die haben überall nachgeschaut. Etliche Freunde von mir waren auch positiv und eingesperrt, die wurden ebenfalls kontrolliert.

Die Pandemie löste das Thema Klimakrise ab. "Wer in den 1970er-und 1980er-Jahren einigermaßen klar bei Verstand war, wusste schon damals, dass der Kapitalismus die Welt eines Tages zerstören würde", schreiben Sie. Waren das denn zu wenige?

Ambros: Ganz genau. Und die, denen die Problematik bewusst war, hatten letztlich zu wenig Macht und Einfluss, nachhaltig etwas zu ändern. Für das Klima gilt heute dasselbe wie für den Kapitalismus: Da ist nichts mehr zu machen. Mit jedem Tag, der vergeht, wird es unwahrscheinlicher, dass wir noch etwas positiv beeinflussen können.

Die vielen engagierten jungen Menschen der Generation "Fridays for Future" machen Ihnen keine Hoffnung?

Ambros: Nein, denn die müssten erst den Gang durch die Instanzen antreten und sich dazu durchringen, tatsächlich politisch tätig zu werden. Das ist mühsam, das dauert, aber durch ein paar Transparente ändert sich nichts.

Meiner 17-jährigen Tochter hilft diese Aussicht jetzt auch nicht weiter, wenn sie wieder einmal wütend und mit Tränen in den Augen feststellt: "Wir Jungen wüssten ja, was zu tun ist, aber die aktuelle Politik interessiert sich einfach nicht dafür. Dabei verscheißt sie damit doch unsere Zukunft!"

Ambros: Was sind die Perspektiven Ihrer Tochter, was möchte sie einmal werden?

Zuerst einmal Maturantin, darüber hinaus hat sie noch keinen Plan.

Ambros: Da haben wir es wieder: Sebastian Kurz hat mit 17 sicher haargenau gewusst, was er will!

Ein guter Einwand, ich werde es meiner Tochter ausrichten.

Ambros: All die jungen Menschen, die sich jetzt engagieren, müssten Möglichkeiten suchen, ihr Gewissen zu bewahren und trotzdem Einfluss zu gewinnen. Das ist die einzige Möglichkeit. Was nutzt es, wenn sich ein paar Wissenschaftler zusammensetzen und alles ganz genau wissen. Das sind Eierköpfe! Die wollen sich nicht engagieren oder können es nicht. Alle, die das Wissen haben, müssten danach streben, sich auch Alternativen zu überlegen. Der Gescheiteste von allen müsste dann Bundeskanzler werden, der Zweitgescheiteste Finanzminister und so weiter. Bei uns lautete die Regel zuletzt aber: Der Korrupteste wird Bundeskanzler.

Was wäre denn Ihre Alternative zum Kapitalismus?

Ambros: Menschlichkeit. Nur leider bleibt genau die in unserem System scheinbar zwangsläufig auf der Strecke. Wenn du nach der Macht strebst, Dinge zu verändern, ist das nicht per se verwerflich. Im Gegenteil, nur so ist auf lange Sicht Veränderung möglich.

Ihr neues Buch ist auf ansprechende Weise nachdenklich und selbstkritisch ausgefallen. Was war denn der größte Blödsinn, den Sie in Ihrem Leben angestellt haben?

Ambros: Ihr Journalisten mit euren Superlativen! Das nervt, Oida! Es ist nichts "das Beste","das Größte","das Wichtigste","das Geschissenste". Das kannst du nach 70 Jahren einfach nicht mehr sagen. Einmal ganz abgesehen davon, dass du dich an manches vielleicht auch gar nicht mehr erinnern kannst.

"Der Sinn des Lebens is es, glaub i /Der Sinn des Lebens is es, stärker zu sein", haben Sie 1984 mit knapp über 30 gesungen. Wie beantworten Sie die Frage nach dem Sinn des Lebens heute?

Ambros: Nach wie vor gleich. Wir Menschen sind ein Teil der Natur, und wo immer du hinschaust, setzt sich der oder das Stärkste durch. Nur sollte sich der Mensch von irgendwelchen Viechern halt dadurch unterscheiden können, dass er in der Lage ist, seine Stärke nicht körperlich, sondern nach der vorhandenen Klugheit zu messen. In aller Regel gewinnt ja doch der Gescheitere.

Der Gescheitere gibt nach, dachte ich?

Ambros: Ja, aber nur, um à la longue zu gewinnen.

Gerhard Stöger in Falter 11/2022 vom 18.03.2022 (S. 29)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783990015346
Erscheinungsdatum 12.03.2022
Umfang 208 Seiten
Genre Sachbücher/Musik, Film, Theater/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag edition a
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