Der Schädel von Madeleine

Paargeschichten
€ 19
Lieferbar ab Mai 2022
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Madeleine, eine junge Wienerin in Paris, lässt sich vom Franzosen Franz willig als Inbild einer reizenden Pariserin adoptieren, mit Köpfchen und Hütchen und kleinem Akzent. Wie zu einem Musette- Walzer tanzen und wirbeln die zwei durch die Seinestadt. Bis im Schädel von Madeleine das zugeschriebene Bild den Aufstand probt; sie nimmt das Beil und spaltet Franz, ihrem Erfinder, das Haupt. Von jäher Fremdheit zwischen den Geschlechtern, vom Ausbruch aus männlichen Zuschreibungen handeln auch die anderen Paargeschichten der jungen Österreicherin Laura Freudenthaler. Wie die von Manja, einer Videokünstlerin, die sich von einem amerikanischen Gastprofessor aus einer Bar abschleppen lässt; die intellektuelle Verführung schlägt um in sprachlosen Sex, nach dem keine gemeinsame Sprache mehr möglich ist. Oder wie die von der deutschen Zeichnerin, die zu ihrem Geliebten nach Italien gezogen ist; als sein Besitzanspruch sie zur Gefangenen macht, wehrt sie sich durch die allmähliche Verwandlung in einen Kampfhund. Laura Freudenthaler schreibt eine dichte, filmische Prosa voller Metamorphosen. Mit schmerzhafter Genauigkeit spielt „Der Schädel von Madeleine“ die Möglichkeit und Unmöglichkeit des Paarseins durch. Ein starkes, eigensinniges Debüt.

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FALTER-Rezension

Lebt und schreibt in Wien

Die junge Literaturszene der Stadt wird auch von den Zugereisten geprägt. Was wollen die hier?

Mit 18 habe ich geglaubt, ich schreibe Theaterstücke für eine bessere Welt", gesteht Hubert Weinheimer. Heute muss der gebürtige Oberösterreicher lachen über sein jüngeres Ich. Dabei ist das ein guter Satz. Denn so beginnt es bei vielen Autoren: mit Texten, die das Schlechte in der Welt (Umweltverschmutzung, Nazis) anprangern und für das Gute (Gerechtigkeit, Frieden) kämpfen.
Weinheimer ist heute 31, lebt und arbeitet in Wien, wo er in den letzten Jahren vor allem als Sänger, Texter und Sprachrohr von Das Trojanische Pferd aufgefallen ist, einer der eigensinnigsten Bands des Landes. Während seine Bandkollegen in der Zeit, in der das Trojanische Pferd im Stall steht, andere musikalische Projekte verfolgten, kam Weinheimer wieder aufs Schreiben zurück und hat kurzerhand seinen ersten Roman verfasst.
"Gui Gui" ist eine sprachgewaltige, aber auch sehr konzentrierte Geschichte über die Identitätskrise eines Schauspielers und wartet mit einer Konstellation auf, die man so noch nicht gelesen hat: Der Mann wird in einer Art Duellsituation von seinem kleinen, in seinem Schatten stehenden Bruder dazu gezwungen, diesen zu töten. Später zieht er sich auf den titelgebenden Strand auf Gran Canaria zurück, um seine Wunden zu lecken und zu sinnieren.
"Ich wollte eine Geschichte erzählen mit einer unsympathischen Figur, die man aber mögen kann", sagt Weinheimer. Er selbst ist keineswegs unsympathisch, teilt mit seinem Protagonisten aber den Hang zur Selbstdarstellung und nimmt sich ebenfalls kein Blatt vor den Mund. Etwa, wenn er davon erzählt, wie er die Lesungen der meisten seiner Kollegen empfindet: "Neun von zehn waren schrecklich. Die meisten Autoren nuscheln einen gleichlautenden Buchstabensalat in ein Mikro rein. Die Poetry-Slammer wiederum produzieren nur Scheiße, sind dabei aber laut. Durch meine Bühnenerfahrung als Musiker habe ich einen Startvorteil."
Im Gegensatz zu seiner Romanfigur – "der hat es sich angenehm gerichtet und begnügt sich mit Rollen in Fernsehzweiteilern" – will Weinheimer auf keinen Fall den Weg des geringsten Widerstands gehen. Ein 30-Stunden-Job in einer PR-Agentur sorgt für einen gewissen Grad an Absicherung: "Ich könnte mir nicht vorstellen, als Künstler am totalen Existenzminimum zu leben."
Was also will Weinheimer? "Ich will mich ausdrücken. Ich komme aus einer Bauerndynastie aus dem Salzkammergut und bin der Erste in der Familie, der sich künstlerisch betätigt. Was mich als Kind schon beschäftigt hat, ist die Sprachlosigkeit, die auf dem Land herrscht. Es muss doch mehr zu sagen geben als ,Gib ma moi des Soiz umma!'."

Über einen ganz anderen Background verfügt die aus Salzburg stammende Wahlwienerin Laura Freudenthaler. Ihre Mutter war Deutschlehrerin, und Literatur hat Laura schon beschäftigt, als sie noch zu jung war, um etwas davon zu verstehen: "Ich habe als Volksschülerin stundenlang Buchrücken studiert und über den Namen Christa Wolf und den Titel ,Kassandra' nachgedacht."
Freudenthaler hat mit "Der Schädel von Madeleine" gerade ein fast schon beängstigend reifes Debüt vorgelegt. Sie erzählt darin fünf "Paargeschichten" und seziert mit feiner Klinge und grandiosem Sprachgefühl verschiedene Frau-Mann-Konstellationen, wobei die Männer nicht nur mies und geil sind – vielleicht mit Ausnahme eines erfolgreichen Künstlers, der einer jungen Kollegin rät, sich nach oben zu schlafen.
"Die Leute glauben, dass ich total gegen Paarbeziehungen bin", erklärt Freudenthaler, "aber das stimmt nicht. Mir geht es darum, etwas durchzuerzählen, um es auch besser zu verstehen. Das Schreiben des Buches hat mich einen Schritt weitergebracht, so wie, umgekehrt, die persönliche Entwicklung fürs Schreiben extrem wichtig ist."
Mit 30 ist Freudenthaler keine ganz junge Debütantin mehr. Lukas Meschik, Vea Kaiser oder zuletzt Theodora Bauer haben ihre ersten Werke schon mit Anfang 20 vorgelegt. Zuerst kam Freudenthaler das Germanistikstudium dazwischen ("Ganz schädlich fürs Schreiben!"), und nach einem Jahr in Frankreich und einer begonnenen Dissertation musste sie sich entscheiden, "ob ich auf der wissenschaftlichen Ebene bleiben oder selber schreiben will".
Der Start verlief holprig: "2010 habe ich ein Stipendium bekommen und einen unglaublich schlechten Roman geschrieben. Ich habe ihn Walter Kappacher gezeigt, über den ich meine Diplomarbeit verfasst habe. Er meinte, dass der Roman leider misslungen sei, dass ich aber froh sein solle, den misslungenen Roman jetzt schon hinter mir zu haben."
Eine Zeitlang hat Freudenthaler bei der APA gearbeitet, seit eineinhalb Jahren werkelt sie selbstständig als Übersetzerin: "Für NGOs, nicht im literarischen Bereich. Literarische Übersetzung ist so wie das ­Schreiben eine brotlose Kunst. Aber natürlich gibt es auch hier längere Phasen ohne Aufträge."
Freudenthaler versteht sich als politisch denkende Autorin. Was sie sich wünscht? "Eine Form von Austausch und Solidarität. Das erlebe ich nur mit älteren Kolleginnen und Kollegen. Früher war Literatur das wichtigste Medium, um einen Ausdruck für gesellschaftliche Missstände zu finden. Heute wollen viele nur, dass das Geschäft wirklich gut läuft."

Nicht angesprochen fühlen muss sich Robert Prosser. Der zugereiste Tiroler hat schon drei Bücher veröffentlicht, die Prosabände "Strom" und "Feuerwerk" sowie zuletzt den Roman "Geister und Tattoos", der die Leser in eine uns fremde Welt im armenischen Kaukasus entführt. Die Bücher zeugen von einem eigenen Kopf und einem ästhetischen Programm, sind von allen Bestsellerlisten aber weit entfernt.
"Marketingtechnisch habe ich ein Problem", konzediert Prosser. "Es gibt Bücher, bei denen sich in zwei, drei Sätzen erklären lässt, worum es geht. Ich brauch eine Viertelstunde dafür." Was nicht bedeutet, dass es sich um schwer zugängliche Literatur handelte. Im Gegenteil: Prosser zählt zu den welthaltigsten jüngeren Schriftstellern im deutschsprachigen Raum, was auch damit zu tun hat, dass er in den letzten zehn Jahren fast permanent auf Achse war und besonders Asien und die arabische Welt kennengelernt hat.
Reisen und Schreiben gehören für ihn untrennbar zusammen: "Die ersten paar Jahre war ich nur unterwegs, um im Bus und Zug möglichst viele Kilometer zu sammeln. Durch das ziellose Reisen hat sich gedanklich etwas getan. Jetzt geht es mir darum, was mir das Reisen an Geschichten bringt. Die ersten Bücher drehten sich noch sehr um meine Reiseerfahrungen, mittlerweile arbeite ich mich vorher ein und fahre explizit für eine Geschichte wohin."
Wien ist für Prosser, der sich sein Leben mit einem Mix aus Auftragsarbeiten und Stipendien finanziert, der perfekte Beobachtungsposten. "In Berlin wäre mir zu viel los. Aber schließlich begegnet man auch am Praterstern vielen Leuten." Ewig hält er es sowieso nicht in der Stadt aus: "Der Wechsel zwischen Wien und dem Landleben in Tirol ist mir wichtig. Ich bin zwar nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen, aber doch total ländlich."
Als Jugendlicher hat er sich mithilfe von Graffiti und Hip-Hop artikuliert. "Auch als Sprayer war es mir wichtig, einen eigenen Stil zu finden. Am meisten haben mir großflächige Sachen getaugt, da arbeitet man schon ein paar Tage daran. Der Reiz des Verbotenen hat nur am Rande mit reingespielt." Das Interesse an den Dosen hat er längst verloren, Musik macht er nur noch gelegentlich im Rahmen experimenteller Hip-Hop-Performances.
Worauf Prosser heute wirklich abfährt, ist Thaiboxen. "Es geht um Stil, um Konzentration und Spiel. Diese ambivalente Mischung aus Tanz und Gewalt ist mir auch in der Literatur wichtig. So schnell und präzis, wie man im Ring agiert, so müsste man schreiben, denke ich mir oft."

Die längste Anreise nach Wien hatte Lorenz Langenegger. Der in der Nähe von Zürich aufgewachsene Prosaschriftsteller und Dramatiker lebt mit seiner ebenfalls aus der Schweiz stammenden Freundin seit vier Jahren in Wien. Obwohl er sich in die Stadt verliebt hat, ist er nicht restlos heimisch geworden: "Um ein Stipendium würde ich hier noch nicht ansuchen. Ich fühle mich immer noch als Gast. Auch in der Literaturszene stehe ich eher am Rand. Ich mag diese Position aber auch."
Generell übt der großartige Stilist Langenegger sich gern in Understatement. Nur kein Aufhebens um seine eigene Person machen, die Bücher sollen für sich sprechen. Dass er gemeinsam mit einem Schweizer Kollegen gerade eine Geschichte für den Luzerner "Tatort" entwickelt, rutscht ihm eher nebenbei raus. "Besser das, als einen Kriminalroman schreiben", kommentiert er es lakonisch. "Und das Dialogische liegt mir ja sehr. Ich habe in der Schweiz viele Theatersachen gemacht."
Mit der Prosa hat es der 34-Jährige nicht so eilig. Zwischen seinem Debüt "Hier im Regen" und dem neuen Roman "Bei 30 Grad im Schatten" liegen fünf Jahre – und ein Auftritt beim Bachmann-Preis, der zum Glück ohne Folgeschäden blieb: "Es war okay. Ein, zwei Juroren mochten meinen Text, ein, zwei mochten ihn nicht, und dem Rest schien er eher egal zu sein, was meines Erachtens auf die meisten Texte zutrifft."
Langeneggers Romane korrespondieren nicht nur über die meteorologischen Titel miteinander: Protagonist beider Werke ist der in der Steuerverwaltung tätige und ­jeglicher Erschütterung oder Veränderung abholde Jakob Walter, der trotz seiner ausgeprägten Wurschtigkeit keineswegs unsympathisch ist. "Ich mag ihn irgendwie auch", bekennt sein Schöpfer. "Seine bescheidene Zufriedenheit und dass er sich selbst nicht so wichtig nimmt, ist mir schon nahe."
Im jüngsten Roman muss Walter – seine Frau will sich von ihm scheiden lassen – die vertrauten Wege in Bern doch verlassen und lässt sich stattdessen über Italien nach Griechenland treiben. Statt unterwegs unglaubliche Abenteuer zu erleben, wird er stets auf sich selbst zurückgeworfen, ohne dabei große Entwicklungsschübe zu machen. In Langeneggers fein gearbeiteter Prosa geht es um kleine Verschiebungen, nicht um große Sprünge.
Und was wünscht sich der Autor? "Natürlich wäre ich froh, wenn alle mein Buch kaufen und lesen würden. Jeder wünscht sich das. Aber meine Bücher sind nun mal nicht danach, da muss man auch realistisch bleiben. Ich empfinde es schon als Luxus, fürs Schreiben immer wieder Geld zu bekommen."

Sebastian Fasthuber in Falter 25/2014 vom 20.06.2014 (S. 25)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783990140918
Erscheinungsdatum 01.02.2014
Umfang 126 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Buch
Verlag Muery Salzmann
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